Köln - Der Andrang war groß. Schon eine gute Stunde vor Beginn der letzten Lit.Cologne-Lesung hatte sich eine lange Menschenschlange vor dem Kölner Dom gebildet.

Schnell waren alle Plätze im Dom besetzt, viele Besucher mussten stehen oder hockten sich kurzerhand auf den Steinboden der Kathedrale.

Publikumsmagnet war allerdings kein Literaturnobelpreisträger oder prominenter Bestsellerautor, sondern spirituell-sakrale Texte. Die Schauspieler Joachim Król ("Tatort") und Martin Reinke ("Die Männer der Emden") lasen aus den Schriften des heiligen Franz von Assisi (1181/82-1226) und seines Namensvetters Papst Franziskus. Die Idee war Festivalchef Rainer Osnowski bei einer Reise ins italienische Assisi gekommen.

"An der Ähnlichkeit zwischen den Aussagen der beiden kam ich einfach nicht vorbei", sagte Osnowski am Samstagabend der Nachrichtenagentur dpa. Ein Anruf bei Domprobst Norbert Feldhoff genügte. "Ich war sofort von dieser außergewöhnlichen und für den Dom auch außerordentlichen Veranstaltungsidee begeistert", sagte Feldhoff zu Beginn der Lesung. Dass nun sakrale Texte am Ende der Lit.Cologne standen, sei aber "kein Statement", sondern "eher ein praktischer Zufall", betonte der Festivalchef.

Knapp zwei Stunden dauerte der angedeutete Dialog der beiden Kirchenmänner. Der Theaterschauspieler Martin Reinke las aus Briefen des Heiligen Franz, einer ersten Fassung der franziskanischen Ordensregel, und aus dem berühmten Sonnengesang ("Bruder Sonne, Mutter Erde"). Das Konzept der Lesung ging auf: Joachim Król als Papst Franziskus gab Antwort auf diese jahrhundertealten Texte.

Dort wo Franz von Assisi Erbarmen und radikale Feindesliebe von seinen Mitbrüdern einfordert - steht der jetzige Papst im Hafenbecken der Flüchtlingsinsel Lampedusa, spricht von einer Globalisierung der Gleichgültigkeit und fordert nicht weniger radikal eine Kirche, die bis an die Ränder der Welt geht. Die Zuhörer im Dom blieben mucksmäuschenstill und hörten den beiden gebannt zu.

Seit einem guten Jahr ist der Argentinier Jorge Mario Bergoglio nun Papst in Rom. Nach seiner Wahl am 13. März 2013 begrüßte er die Massen am Petersplatz in Rom mit den schlichten Worten "Guten Abend". Öffentlichkeit und Medien feiern Franziskus seitdem als einen einfachen Mann, der klare Worte findet und der längst überfällige Reformen in der Kirche anstoßen soll.

Solche politischen Überlegungen bleiben am Samstag allerdings im Hintergrund. Die Texte dieser beiden charismatischen Figuren blieben unkommentiert. Und auch die Inszenierung der Lesung war auf das Nötigste reduziert. Die beiden Sprecher wechselten sich am Mikrofon ab, umrahmt wurden die Texte von mittelalterlicher Musik des Kölner Ensembles Ars Choralis Coeln. Weder aufwendige Lichtinszenierungen noch ein Bühnenbild war aufgebaut - die historische Kulisse des Domes genügte.

Mit der Lesung endete am Samstag die 14. Lit.Cologne. Das Festival verzeichnete in diesem Jahr einen neuen Besucherrekord. Knapp 101 000 Menschen besuchten die Veranstaltungen an elf Tagen. Die Lit.Cologne finanziert sich aus Eintrittskarten, Spenden und Sponsorengeldern. Der Eintritt zu "Zwei Mal Franz" war frei. Spenden am Ausgang gehen an die Nothilfe für Syrien.