Berlin - Lucia Binar, Heldin von Vladimir Vertlibs neuem Roman, kann davon ein Lied singen, wie es ist, alt zu werden. 83 Jahre ist die frühere Lehrerin nun, längst verwitwet und meist allein, denn fast alle Freunde ihrer Generation sind schon gestorben.

Zu allem Überfluss kann die alte Dame nach einem Unfall auch auf keine Leiter mehr steigen. Das oberste Bücherregal mit dem Gedichtband der von ihr verehrten polnischen Poetin Wislawa Szymborska bleibt für sie so unerreichbar. Doch Gott sei Dank hat sich Lucia Binar trotz alledem ihren Galgenhumor bewahrt.

Der preisgekrönte russisch-österreichische Schriftsteller Vladimir Vertlib (48) beschreibt in seinem Buch "Lucia Binar und die russische Seele" nicht nur auf anrührende Weise die Widrigkeiten des Alters, er setzt auch gesellschaftskritische Akzente. Die Verdrängung alteingesessener Mieter in angesagten Stadtvierteln oder der Zwang zur politisch korrekten Lebensführung sind zwei ernste Themen, die er mit viel Poesie und Ironie behandelt, wobei er gerne auch einen Schuss Phantastik mit einstreut. So lädt ein geheimnisvoller Maestro am Ende des Romans zu einer russischen Seelenreise ein.

Lucia Binar, die resolute alte Dame, hat eigentlich nur einen Wunsch: "In der Großen Mohrengasse wurde ich geboren. In der Großen Mohrengasse werde ich sterben. Anderswo stirbt es sich bestimmt nicht so leicht." Doch genau dieser bescheidene Wunsch scheint ihr nicht erfüllt zu werden. Gefahr droht gleich von zwei Seiten. Lucias Hausbesitzer, ein gieriger Immobilienhai, würde gern mehr Profit aus seinem Haus herausholen und die alteingesessene Mieterin am liebsten loswerden.

Einige Etagen des Hauses sind bereits leer, dort haben sich Kleinkriminelle breit gemacht. Außerdem gibt es eine "Anti-Rassismus-Initiative", die die Große Mohrengasse politisch korrekt in Große Möhrengasse umbenennen will, was Lucia Binar einfach lachhaft findet. Doch Moritz, der junge Mann, dem sie zunächst ihre Unterschrift verweigert, gewinnt nach und nach ihr Herz. Unterstützung kann Lucia Binar in diesen Tagen gut gebrauchen, denn alle Welt scheint sich gegen sie verschworen zu haben. Selbst ihr "Essen auf Rädern" lässt sie im Stich.

Als sie sich bei dem entsprechendem Call-Center beschwert, gerät sie an eine völlig überforderte Mitarbeiterin, die der hungrigen Kundin dazu rät, doch lieber zu Manner-Schnitten zu greifen. Daraufhin macht sich die alte Dame mit Moritz auf die Suche nach der frechen Call-Center-Mitarbeiterin namens Elisabeth, um ihr einmal ordentlich die Meinung zu geigen. Es wird eine abenteuerliche Odyssee durch verschiedene Wiener Bezirke zu Frauen, die alle Elisabeth heißen.

Natürlich findet Lucia Binar am Ende die Richtige, doch die Begegnung verläuft ganz anders als gedacht. Aber nicht nur das. Sie trifft auch einen russischen Magier namens Viktor Viktorowitsch Vint, der unbotmäßige Männer kurzerhand in Frauen verwandelt oder nach Ulan Bator verschickt, und einen Juden aus den USA, der sich als der wahre Beisitzer ihres Hauses entpuppt.

Vertlib führt die komplexen Handlungsstränge und die unterschiedlichen Personen gekonnt zu einer stimmigen Geschichte zusammen, die sehr viel realistische, aber auch skurrile und magische Momente enthält. Sein Porträt einer beherzten alten Dame, die nach einem schwierigen Leben um ihre Würde kämpft, ist voller Witz, Finesse und Menschlichkeit.

- Vladimir Vertlib: Lucia Binar und die russische Seele, Deuticke Verlag, Wien, 320 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 978-3-552-06282-5.