Moskau (dpa) l Mehr als ein halbes Jahrhundert haben die USA ihre fein gesponnene Intrige um den russischen Schriftsteller Boris Pasternak wie ein Staatsgeheimnis gehütet. Heute ist klar: Agenten der CIA haben mitgeholfen, Pasternaks Liebesdrama "Doktor Schiwago" zu einem Werk der Weltliteratur zu machen. Sie entlarvten mit dem Buch die kommunistische Zensur.

Pasternak aber hatte nichts von dem internationalen Glanz oder den Dollar-Millionen. Er lehnte 1958 aus Liebe zu seiner Heimat den Literaturnobelpreis ab - und starb zwei Jahre später in bescheidenen Verhältnissen an Krebs.

Stolz erinnern sich die Russen dieser Tage an den 125. Geburtstag (1890-1960) ihres großen Dichterfürsten. Ein "literarischer Scharfschütze" sei der Lyriker gewesen, der Leid, Schmerz und Tod auf ganz besondere Weise beschrieben habe. Geboren am 10. Februar 1890 in Moskau, wuchs der junge Boris Leonidowitsch in einem wohlsituierten Künstlerhaushalt auf. Er entschied sich für ein Studium der Philosophie - 1912 auch in Marburg -, bevor er in der Dichtung seine Lebensaufgabe fand.

In seinem Sommerhaus in Peredelkino bei Moskau ist sie noch zu spüren, die Atmosphäre der sowjetischen Nachkriegszeit, als die "Prawda" seine Gedichte druckte. Hier lebte Pasternak ein Vierteljahrhundert lang. Zu Zeiten Josef Stalins hielt er sich mit Übersetzungen über Wasser.

In der Idylle von Peredelkino schrieb er auch das Epos um den dichtenden Arzt Schiwago. Der Romanheld ist zwischen zwei Frauen hin und hergerissen. Heikel für die Kommunisten von damals ist aber, dass Schiwago als unabhängiger Freigeist die von den Bolschewisten gepriesenen Ideale der Oktoberrevolution von 1917 und den Bürgerkrieg kritisch betrachtet. Pasternaks Leser schätzen das Werk bis heute als historisches Zeitdokument der Jahre von 1903 bis 1929; die tiefen menschlichen Gefühle in "Schiwago" rühren zu Tränen.

Der sowjetische Schriftstellerverband gab das Werk damals nicht frei zum Druck. Pasternak habe sein "großes Talent" missbraucht, um einen längst überlebten Geist wieder aufleben zu lassen, schrieb der einflussreiche Verbandsfunktionär Alexej Surkow. Pasternak übergab das Manuskript einem Kommunisten in Italien, wo das Buch 1957 zuerst erschien.

Die CIA wurde aufmerksam, entschied sich, eine russische Ausgabe drucken und in die Sowjetunion schmuggeln zu lassen. Jahrzehnte später veröffentlichte der US-Geheimdienst 99 Dokumente zur "Pasternak-Affäre".

Als er für "Doktor Schiwago" mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, telegrafierte Pasternak nach Stockholm: "Bin unsagbar dankbar, gerührt, stolz, erstaunt, beschämt." Doch die Ehrung durch den Klassenfeind verschlimmert seine Lage. Kollegen, darunter der sowjetische Staatshymnen-Dichter Sergej Michalkow, überziehen ihn mit einer Hetzkampagne. Nur wenige Kollegen wie Michail Scholochow ("Der stille Don") - 1965 selbst Literaturnobelpreisträger - und Ilja Ehrenburg, setzen sich für Pasternak ein. Am Ende verzichtete der Schriftsteller auf den Preis. Es dauerte, bis Michail Gorbatschow an die Macht kam, dass "Doktor Schiwago" 1988 auch in Moskau erschien. 1989 - 29 Jahre nach dem Tod seines in Peredelkino begrabenen Vaters - nahm Jewgeni Pasternak (1923-2012) den Nobelpreis entgegen.