Ein Lehrerschicksal wurde am Nordharzer Städtebundtheater zur Paraderolle für einen Schauspieler. Für 80 Minuten nahm Benedikt Florian Schörnig das Publikum in der Halberstädter Kammerbühne bei "Klamms Krieg" gefangen. Vier Minuten intensiver Beifall für ihn und Regisseurin Rosmarie Vogtenhuber.

Von Hans Walter

Halberstadt. Ein hartes Stück, das der Autor Kai Hensel, Jahrgang 1965, den Zuschauern zumutet. Denn in "Klamms Krieg" führt der Gymnasiallehrer Klamm einen stillen Krieg gegen Schüler, Kollegen und gegen sich. Das vor elf Jahren am Staatsschauspiel Dresden uraufgeführte, vom MDR als Hörspiel produzierte, 2002 preisgekrönte und seither von Dutzenden Theatern aufgeführte Stück wurde vorwiegend für Schüler ge- spielt.

Halberstadt verhandelt "Klamms Krieg" als Anliegen, das die ganze Gesellschaft angeht. Also mehr als die 30 Plätze in einer Schulklasse. In der Kammerbühne waren zusätzlich Stühle gestellt, der Klammsche Monolog fand vor neutraler Kulisse mit anschließendem Publikumsgespräch statt (Ausstattung: Bianca Fladerer), setzte ganz auf die Kraft des Wortes (Dramaturgie: Sylvia Sarnow) und damit den Spieler der Zustimmung wie der Kritik eines gesamtgesellschaftlichen Publikums aus.

Eine große Rolle für Benedikt Florian Schörnig. Denn dieser Lehrer Klamm ist mehr als nur ein Ekelpaket, dem sich die Schüler verweigern, weil er einen Abiturienten in den Selbstmord getrieben hat. Er verweigerte ihm den rettenden Punkt in Deutsch, gibt ihm nur fünf statt der notwendigen sechs Punkte.

Konnte er ahnen, dass sich dieser Sascha gleich aufhängen würde? Der neue Leistungskurs verlangt in einem Brief eine öffentliche Entschuldigung vor den Schülern und dem Lehrerkollegium. Wofür? Nun gut – wenn die Schüler nach Krieg verlangen, sollen sie ihn bekommen!

Schörnig spielt Klamm als Gerechtigkeitsfanatiker. Als einen Mann des pädagogischen Eros. Als unbestechlichen Scharfrichter in Fragen der Leistung. Mal spricht er die Klasse – das Publikum – direkt an, mal reflektiert er seine Innensicht der Dinge. Er setzt alle Mittel ein, die ihm zur Verfügung stehen – Verführung durch bessere Noten ebenso wie die Drohung mit einer Pistole.

Immer aberwitziger wird seine Gedankenwelt. Er schlägt sich den Kopf auf, mit seinem Blut schmiert er Assoziationen auf die imaginäre Sanitärkeramik, doch es ist nur noch der Platz für drei Wörter.

Auf den letzten freien Fleck schreibt er "Lehrer sind Mörder". Und führt seine Augenblicke des Glücks mit dem "vielleicht schönsten Beruf, den es gibt", demaskierend in Hassausbrüchen gegen Schüler, Kollegen und den Direktor fort.

Zwischen Gutmenschentum, Wut und Verzweiflung bricht das Inferno von Klamms Gefühlsregungen über das Publikum herein. Es soll, es mag bewerten, was an dieser Schule krank ist und was das System Schule krank macht.

Hier hat Kai Hensel ein nachdenkenswertes, bitter-trauriges Stück geschrieben, das den Protagonisten in seiner Größe und seinen unüberwindlichen Grenzen zeigt.

Die Ambivalenz der Kunstfigur Klamm ist es, die die Zuschauer in den Bann zieht. Mit Blick auf die Schulmassaker von Erfurt und Winnenden und auch dem Wissen, dass der Vater des süddeutschen Attentäters just an dem Tage, als die Halberstädter Aufführung stattfand, für seine Verantwortung und Mittäterschaft verurteilt wurde.

Regisseurin Rosmarie Vogtenhuber setzte ganz auf Klarheit, auf kammerspielartige Feinheit des Spiels bei größter Assoziationskraft der Bühne. Für die Vorbereitung ihrer Inszenierung befragte sie Schüler der 10. bis 12. Klassen in Halberstadt und Quedlinburg in einem umfangreichen Material zum System Schule. Auf die Frage, ob sie damit zufrieden sei, antwortete eine 17-Jährige: "Nein. Es gibt da so einen schönen Spruch: Ich bin ein Schüler von Heute, werde unterrichtet von Lehrern von Gestern, in Schulen von Vorgestern mit Methoden aus dem Mittelalter. Ich finde, der beschreibt die Situation ganz gut."