An Arthur Schnitzlers "Reigen" scheiden sich die Geister. Er polarisiert und fasziniert mit diesem Stück noch nach mehr als 100 Jahren seiner Entstehung. Im Magdeburger Schauspiel hatte am Freitag eine Inszenierung mit eigens komponierter Musik Premiere, die statt Buhrufen begeisterten Beifall erhielt.

Magdeburg. Wohl kaum ein Dramatiker des beginnenden 20. Jahrhunderts hat so viel politische Unruhen, Verbote, Zuwiderhandlungen und Haftstrafen verursacht, wie der Wiener Arzt Arthur Schnitzler. Der "Reigen" ist ein Beispiel dafür. Die ersten Vorstellungen waren von Krawallen begleitet, Zuschauer wurden angegriffen, Mobiliar zerschlagen. Und dabei hat sich der psychologisch sezierende Literat lediglich den Varianten des wohl harmlosesten Themas überhaupt zugewandt: der Liebe.

Der Stein des Anstoßes war, wie er das getan hat. Sexualität als Form der Vermarktung des eigenen Ichs auf der Suche nach Liebe war ein Tabubruch. Die Darstellung auf der Bühne aller Abgründe gesellschaftlichen Seins in der Sexualität, der intimsten und nahesten Berührung zweier Menschen, das war der Skandal.

Genau dieses Mittel greift Regisseurin Claudia Bauer auf, wohl wissend, dass laszive Posen oder die Darstellung des Geschlechtsaktes heute kaum noch jemanden aus dem Theater treibt (allerdings auch nicht hinein).

In zehn Dialogen werden sehr unterschiedliche und sehr subtile Mittel eingesetzt, um Frau oder Mann zum Sex zu bewegen. Die Wünsche und Begierden dabei, ein interessanter Vorgriff auf künftige Emanzipationsbewegungen, sind absolut nicht geschlechtsspezifisch. Ob Geld, Gewalt, Versprechungen, Schwüre oder Verführung als Mittel eingesetzt werden, ist egal; das Ziel ist immer maximaler Lustgewinn, oder doch das große Gefühl Liebe?

Falls Regisseurin Claudia Bauer Letzteres wenigstens als Hoffnung bewahren wollte, sozusagen als moralische Legitimation für den modernen Menschen, so ist das nicht gelungen.

In jedem der Dialoge gibt es ein Vorher und ein Nachher. Ist das Vorher immer vom Überschwang vermeintlicher Gefühle geprägt, so bricht dieser Zustand unmittelbar nach dem Orgasmus abrupt ab. Übrig bleiben Individuen, leer, ausgebrannt, enttäuscht und erneut auf der Suche. "Wie verhält sich das nun mit der Liebe?", lautet die Frage im Stück, und die lakonische Antwort: "Wenn man dran glaubt, ist immer einer da."

Schnitzlers Stück verlangt ungeheuren Einsatz von den Darstellern. Die Magdeburger Inszenierung treibt diese Anforderungen physisch und psychisch auf die Spitze und setzt da noch ein Stück oben drauf, indem eigens komponierte Musik in die Dialoge eingebaut ist. Verblüfft registriert der Zuschauer, welch musikalisches und gesangliches Chorpotenzial in den Schauspielern steckt. Mit klassischen Kirchenchorälen, Sinnbild gesellschaftlicher Doppelmoral, oder Pop als Ausdruck ungezügelten Lebensgefühls – Peer Baierlein, Jahrgang 1972, Jazzmusiker mit klassischer Ausbildung und Theatererfahrung, hat mit seinen mystischen und rockigen Stücken die Dramatik bis zur Schmerzgrenze transportiert. Überhaupt wird nicht nur von den Darstellern, allen voran Katharina Brankatschk und Martin Reik, sondern auch von den Zuschauern viel verlangt. Denen wird gnadenlos ein Spiegel vors Gesicht gehalten, in dem sich das eigene durch Sexualität geprägte Verhalten widerspiegelt. Und da man schmerzliche Wahrheiten ungern eingesteht, ist Empörung und Abwertung der bequemste Weg, sich die Auseinandersetzung zu ersparen.

Vielleicht ist das der eigentliche moderne Tabubruch. Denn in einer Welt, in der Sexualität als Mittel zum Zweck von der Werbung für Autos und Waschmittel bis hin zu pornographischen Internetportalen Alltag ist, empört die Darstellung auf der Bühne kaum jemanden, das eigene moralische Entgleisen in kleinen wie in großen Dingen schon. Die Diskussion darüber zu entfachen, das ist dem "Reigen" am Magdeburger Schauspielhaus gelungen.