Vincent van Goghs Gemälde "Der Maler auf dem Weg nach Tarascon" zierte einst das Kaiser-Friedrich-Museum. Es war Teil der wertvollen Kunstsammlung des heutigen Kulturhistorischen Museums. Sie wurde zum Kriegsende 1945 ausgelagert, sollte in einem Salzbergwerk bei Neustaßfurt geschützt werden. Doch als die "Monuments Men" in der zweiten Aprilhälfte anrückten, um auch dieses Kulturgut in Sicherheit zu bringen, soll es im Bergwerk schon gebrannt haben. Bis heute ist nicht bekannt, was aus den damals eingelagerten Werken wurde. Auch nicht aus der sogenannten entarteten Kunst. Wertvolle Arbeiten von Cezanne, Liebermann, Klee, van Gogh sind seit Kriegszeiten verschollen.

7000 Schwanzlurche und tausende Bücher

Das Magdeburger Haus leidet unter seiner verlorenen Galerie. Nur drei Luther-Handschriften waren vor Jahren wieder aufgetaucht. Mehr nicht. Was blieb, ist lediglich ein Farbfoto vom Van-Gogh-Gemälde. Das zeigt Museumsleiterin Gabriele Köster in einem Podiumsgespräch am Dienstagabend in ihrem Haus. Es wird über "Lost Art" gesprochen, über verlorene Kunst. Das Thema ist mit den rechtlichen, ethischen, moralischen und politischen Fragen außerst komplex. Die Verlustgeschichte des Magdeburger Kulturgutes zeigt allein die Vielschichtigkeit: Domschatz, Ratsarchiv, tausende Bücher der Stadtbibliothek, Zoologika aus dem Naturkundemuseum mit 7000 Schwanzlurchexemplaren bis hin zu van Gogh. Sein Bild ist eingestellt bei "Lost Art", der Datenbank für Kulturgutverluste, die von Magdeburg in die Welt führt.

Geld und Hilfe für Museen

Die Magdeburger Koordinierungsstelle beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Kulturgutverlusten durch NS-Raubkunst sowie Beutekunst. Sie versucht, die Geschichte eines Kunstwerks und seiner Eigentümer zu erhellen und Suchende und Findende zusammenzubringen. Michael Franz: "Diese Themen werden uns noch Jahre begleiten." Franz war Leiter der Koordinierungsstelle, seit Januar 2015 ist er Leiter des Deutschen Zentrums für Kulturgutverluste, das im Oktober 2014 von Bund und Ländern beschlossen wurde und seit Januar seinen Sitz in Magdeburg hat.

Dass die Politik damit die Arbeitsstelle für Provenienzforschung, die Koordinierungsstelle Magdeburg, die Beratende Kommission sowie weitere Provenienzforschungen zusammenführt, war überfällig. Erst der Fall Gurlitt und die öffentliche Debatte hatten zum Handeln gedrängt.

Wie wichtig die Arbeit des Zentrums ist, unterstreichen allein die Zahlen des Kulturhistorischen Museums. 500 Einträge gibt es zum Haus, so Köster, davon 400 Verlustmeldungen und 80 Fundmeldungen. "Es ging bei uns nie um jüdische Vorbesitzer", sagt die Historikerin. Doch die Museen in Deutschland sind angehalten, gerade das zu erarbeiten. Eingesehen wird heute die Notwendigkeit der Provenienzforschung, aber das Geld, die Hilfe, fehlte. Köster unterstreicht: "Zeitlich ist die Recherche in Archiven und Bibliotheken für uns nicht leistbar." Museen sind da auf die Hilfe des Zentrums angewiesen.

Matthias Puhle, langjähriger Direktor des Museums und heute Kulturbeigeordneter Magdeburgs, spricht an diesem Abend weitere "Lost Art"-Themen an: Kulturgut aus der Kolonialzeit in unseren Museen und das Eigentum jener, die zu DDR-Zeiten enteignet worden waren. Und was geschieht mit Beständen, die innerhalb der deutschen Museen den Besitzer wechselten? Jahrzehnte hätten Museumsdirektoren so getan, als ginge es sie nichts an, kritisiert Puhle. Er spricht von Vogel-Strauß-Politik, die oftmals einer sauberen Aufarbeitung vorgezogen wurde, weil das eigene Haus Vorrang hatte.

Vor Franz und seinen 22 Mitarbeitern liegt viel Arbeit. "Ein Schlussstrich darf nicht gezogen werden", sagt Puhle. Recht hat er. Vielleicht gibt es ja auch ein Happy End mit dem Magdeburger van Gogh.

   

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