Jahrelang mutete die Doping-Aufklärung in Deutschland an wie eine sinnlose Sisyphos-Arbeit. Doch jetzt scheint da wieder ein bisschen Bewegung reinzukommen. Hauptargument: Weil plötzlich auch der Fußball, des Deutschen allerliebstes Kind, von den Vorwürfen der Leistungsmanipulation eingeholt wird. Schmutzige Geschäfte also auch auf dem grünen Rasen? Kann das sein? Diese Frage rüttelt den gemeinen Fan. Drei Dinge lassen zumindest etwas Hoffnung aufkeimen, dass der mühsame Kampf gegen den Betrug im Sport wieder etwas Fahrt aufnimmt.

1. Da ist zum einen die Tagung der Evaluierungs-Kommission der Freiburger Universität, die den größten Doping-Skandal der westdeutschen Geschichte aufarbeiten soll. Hier in der Idylle des Schwarzwalds war in den zurückliegenden Wochen erstmals ruchbar geworden, dass es offenbar auch in Westdeutschland ein systematisches Doping gegeben hat; was bisher mit dem Hinweis auf die Staats-Doper im Osten stets bestritten worden war. Inwieweit dieses (einst als undenkbar geltende) System der skrupellosen Leistungsmanipulation in Westdeutschland, das jahrzehntelang in vielen Sportarten - gefördert von Pharma- und Sportindustrie - betrieben wurde, aufgedeckt werden kann, ist derzeit noch offen. In diesem Zusammenhang tauchten an der Freiburger Uni, über Jahrzehnte quasi das Zentrum des Dopings West, ebenso Belege auf, die auf Arzneimittel-Betrug bei den Fußballern der Bundesligisten VfB Stuttgart und SC Freiburg hinweisen.

2. Zum anderen ist da der Aufruf des deutschen Dopingopfer-Hilfe-Vereins (DOH) nach einem Untersuchungsausschuss Sport im Bundestag. "Nach allem, was auch in den letzten Wochen über den Fußball herausgekommen ist, geht daran doch gar kein Weg mehr vorbei", sagte dessen Vorsitzende Ines Geipel. Vor einem Untersuchungsausschuss, einer der schärfsten Waffen des Parlaments, "sollen dann auch mal Leute wie Löw, Breitner oder Beckenbauer erzählen, wie sie involviert waren", fügte die ehemalige Jenaer Sprinterin hinzu, die selbst eines von 193 staatlich anerkannten DDR-Dopingopfern ist. "Es reicht mit den ganzen Lügengeschichten", empört sich die 54-jährige Schriftstellerin und Professorin. "Wir brauchen einen neuen Blick auf diese ganze Vertuschungsgesellschaft." Geipel macht zudem darauf aufmerksam, dass nach ihren Erkenntnissen mit dem Ende der DDR das Doping keineswegs aufgehört habe: "Da ging es munter weiter - in Ost und West." Bei der DOH meldeten sich in jüngster Zeit immer mehr Opfer aus dem Westen. Ihre bittere Vision: "Bald werden auch aus dem Westen die Rollstühle angerollt kommen."

3. Und da ist zum dritten das neue Anti-Doping-Gesetz. Jahrelang hatte sich die deutsche Sportführung dagegen gesperrt und auf die eigene Gerichtsbarkeit verwiesen. Nun müssen Betrüger im Spitzensport in Deutschland bald Haftstrafen fürchten. Das Bundeskabinett hat im März einen entsprechenden Gesetzentwurf verabschiedet und will damit künftig das Selbstdoping und den Besitz von leistungssteigernden Mitteln streng ahnden. Dopern droht in Zukunft nicht mehr nur eine Wettkampfsperre, sondern im schlimmsten Fall auch das Gefängnis. Inwieweit derartige Strafen den Fußball künftig möglicherweise direkt tangieren, steht in den Sternen. Kenner der Doping-Szene rechnen kaum mit weitreichenden Folgen. Zumal in den bis jetzt vorliegenden Dokumenten keine Namen genannt werden. Und sich vieles auf die siebziger und achtziger Jahre bezieht, als die meisten verabreichten Mittel noch nicht auf der Doping-Liste standen.

In diesem Zusammenhang fällt immer wieder der Name des Freiburger Sportmediziners Armin Klümper. Er galt seinerzeit (in den Siebzigern und Achtzigern) als Guru der Szene. Seine Klümper-Cocktails waren wirksamer als die von anderen Ärzten. Kolportiert wird der vielsagende Spruch eines Fußballers: "Bist du auf dem Rasen ein Stümper, dann geh´ zum Klümper." Zu jener Zeit durfte noch ungestraft geschluckt werden, vieles war noch nicht verboten - und kontrolliert wurde schon gar nicht. Nebenwirkungen und abzusehende Langzeitschäden wie Lebererkrankungen und eine erhöhte Tumor-Gefahr nahmen die meisten Kicker offenbar billigend in Kauf.

Allein in Deutschland sind bis heute 19 Spieler positiv getestet worden - und das, obwohl Wettkampf- und Trainingskontrollen hierzulande erst 1988 beziehungsweise 1995 eingeführt worden sind. Weltweit listet die Anti-Doping-Database 117 Namen von Tätern auf. Die Dunkelziffer schätzen Kenner weit, weit höher. Der spektakulärste Sündenfall im internationalen Kicker-Wesen ist immer noch der positive Kokain-Befund bei Argentiniens Ikone Diego Maradona bei der WM 1994.

In Deutschland hält sich indes bei Sportführung und Politik immer noch die Meinung, dass es sich bei Betrug mit Arzneimitteln im Fußball prinzipiell um Einzelfälle handele. Nicht mehr zu halten ist allerdings die Verdummungs-Mär, Doping bringe im Fußball wegen "seiner komplexen Art" ohnehin nichts - wie sie Stuttgarts Sportdirektor Robin Dutt noch vor Wochen allen Ernstes via TV verkündete.

Es sei absoluter Blödsinn zu behaupten, die Einnahme unerlaubter Substanzen bringe nichts, hält Paul Breitner, Weltmeister von 1974, entgegen. Eine Mannschaft setze sich aus elf Einzelkämpfern zusammen - und da tue jeder für sich das Optimale für seine Leistungsfähigkeit. Um besser zu sein als der andere. Und genau dort begännen auch die Experimente mit verbotenen Mitteln. So könne das Anabolikum Megagrisevit, sagte Dopingforscher Perikles Simon jetzt in der ARD, "die Schnellkraft erhöhen, die Regenerationsfähigkeit verbessern und bei einer regelmäßig wiederkehrenden Belastung die Leistung steigern".