Verpackungsmüll

Jeder Bürger verursacht 456 Kilogramm Haushaltsabfälle pro Jahr. Laut Statistischem Bundesamt sind 32 Kilogramm des getrennten Mülls Verpackungen, 72 Kilo Papier und Pappe und 24 Kilo Glas.

Insgesamt produzieren deutsche Verpackungshersteller 19,4 Millionen Tonnen Verpackungen pro Jahr, zeigen die Zahlen des Gemeinschaftsausschusses Deutscher Verpackungshersteller (GADV).

Mit Precycling soll dieser Abfall vermieden werden, bevor er entsteht. Dafür versuchen Vorreiter im Einzelhandel, den Verkauf loser Ware aus großen Behältern zu etablieren. (epd)

Kiel (epd) l In Marie Delaperrières Laden bringen die Kunden ihre eigenen Verpackungen mit: Butterbrotdosen, Gläser, Flaschen. Das kleine Geschäft im Zentrum von Kiel heißt "unverpackt" - und sein Name ist Programm: In den Regalen reihen sich Behälter mit Nudeln, Reis, Getreideflocken, aber auch mit Flüssigem wie Duschgel, Putzmittel, Öl oder Likör. Dazu gibt es Obst, Gemüse und Eier in Körben.

"Ich verkaufe alles zwischen zwei Gramm und 15 Kilo: Das, was meine Waagen hinbekommen", sagt die 40-Jährige, die ihren Job als Logistik-Managerin gekündigt hat, um ihren Traum von einer verpackungsfreien Einkaufsmöglichkeit zu verwirklichen. "Ich will Konsumenten die Möglichkeit geben, Müll zu vermeiden", sagt Delaperrière. "Eine Alternative zum Plastikwahnsinn im Supermarkt." Der störte die dreifache Mutter schon seit Jahren.

Lieferanten liefern Ware in Großverpackungen


"Nach einem Einkauf brachten wir immer bergeweise Verpackungen aus dem Supermarkt mit", sagt sie. "Meistens waren sie aus Plastik und hatten nicht einmal einen hygienischen Sinn." Eingeschweißte Gurken brauche kein Mensch, ebenso wenig wie Einzelverpackungen innerhalb einer einzelnen Verpackung. "Sie sind aber üblich, obwohl allgemein bekannt ist, welche schädlichen Auswirkungen die Plastikmassen auf Natur und Gesundheit haben."

Eine Reportage über eine Familie, die plastikfrei lebt, gab den Ausschlag: "Es muss in Deutschland einfacher werden, verpackungsfrei einzukaufen", beschloss die gebürtige Französin, die aus ihrem Mutterland zudem ein Verpackungssystem zum Selbstabfüllen in Supermärkten kannte. Sie suchte und fand Lieferanten, die ihr lose Ware in Großverpackungen liefern. Und eröffnete im Februar Deutschlands erstes verpackungsfreies Lebensmittelgeschäft.

Wer sein Gefäß vergisst, kann aber auch hier einen Behälter kaufen oder - zur Not - eine stabile Papiertüte. 300 verschiedene Produkte bietet Delaperrière inzwischen an. Die Unternehmerin plant bereits einen weiteren Laden für Kiel. "Es herrscht der richtige Zeitgeist dafür."

Nach Berlin verpackungsfreier Laden in Bonn


Tatsächlich erhalten die deutschen Verpackungsfrei-Pioniere viel Zuspruch. In Berlin soll im Sommer ein verpackungsfreier Supermarkt namens "original unverpackt" eröffnen: Seine Macherinnen warben auf der Spendenplattform www.startnext.de für ihr Projekt und hatten in wenigen Tagen das benötigte Startkapital von 45.000 Euro zusammen.

Auch in Bonn hat kürzlich ein verpackungsfreier Laden namens "Freikost Deinet" eröffnet. Gründerin Hilke Deinet bekam ebenfalls schon vor der Eröffnung begeisterte Nachrichten von Menschen. "Das haben wir so nicht erwartet", sagt Deinet. "Aber offenbar wollen immer mehr Menschen anders einkaufen."

In den USA ist Selbstabfüllen üblich


Precycling nennen Umweltschützer das Konzept der Läden - Müll vermeiden, noch bevor es zum Recyceln kommen muss. Mit großen Gefäßen für lose Waren, wie sie in Tante-Emma-Läden üblich waren. "Konsumenten schätzen daran neben dem Umweltschutzgedanken auch die Freiheit, genau die Mengen einzukaufen, die sie verbrauchen wollen", sagt Emilie Florenkowsky von "unverpackt einkaufen", einem Berliner Start-Up, das bei der Umsetzung verpackungsfreier Konzepte berät. In den USA sei das Selbstabfüllen von Ware auch in normalen Supermärkten mit ansonsten verpacktem Sortiment üblich, sagt Emilie Florenkowsky. "Deutschland ist noch ganz am Anfang."

"Je mehr Einzelhändler das machen, desto mehr stellen sich auch die Lieferanten um." Noch müsste man suchen, um Anbieter zu finden, die zum Beispiel Duschgel im 25-Liter-Kanister liefern. Für die Konsumenten kann das unverpackte Produkt dann durchaus auch günstiger sein als ein verpacktes, schließlich fällt der Preis für die Verpackung weg. "Dafür muss es noch mehr Nachfrage bei den Produzenten geben", sagt Florenkowsky.