Am 8. Mai wurde in Genthin mit mehreren Veranstaltungen gedacht. Am Mahnmal und am Ehrenmal wurden Kränze niedergelegt und in einer Bunkerführung an die Kriegszeit erinnert. Am Abend rief eine Lesung im Kreismuseum die Schicksale von Menschen in Genthin ins Gedächtnis.

Genthin l Während einer Veranstaltung des Kreismuseums und des Fördervereins Genthiner Stadtgeschichte wurde mittels Zeitzeugenschilderungen an die letzten Kriegstage erinnert. Museumsleiterin Antonia Beran machte deutlich: "Wir wollen erlebte Geschichte nach 70 Jahren lebendig werden lassen, die Hoffnungen und Ängste der Menschen von damals sollen nicht in Vergessenheit geraten." Bürgermeister Thomas Barz sprach vom 8. Mai als Tag, der uns über den Gang der Geschichte nachdenken lasse.

Die Erinnerung an die Verbrechen sei eine bleibende Verpflichtung. "Denn nur wer sich erinnert, kann verantwortungsbewusst mit der Geschichte umgehen." Erinnerung sei anstrengend, aber man dürfe der Versuchung zu vergessen und zu verdrängen nicht nachgeben. "Wir können dem 8. Mai nicht gedenken, ohne uns bewusst zu machen, welche Überwindung die Bereitschaft zur Aussöhnung der ehemaligen Feinde ihnen abverlangte." Der Bürgermeister rief dazu auf, sich nicht in Feindschaft und Hass hineintreiben zu lassen. "Wir wollen miteinander leben, nicht gegeneinander."

In der szenischen Lesung zeigten Antonia Beran, Ingrid Kroll, Wolfgang Bernicke, Sebastian Kroll und Alfred Jansky, wie sich die Ereignisse der letzten Tage des Zweiten Weltkrieges in der Region niederschlugen. Besonders berücksichtigten sie dabei die erhaltenen Berichte und Tagebuchnotizen Genthiner Bürger und Soldaten. Auch die Niederschriften der Heimatforscher Kurt Ahland und Otto Schulze waren Quellen für den Vortrag. Eine große Rolle spielten zudem die Erinnerungen von Dr. Hansjochen Kochheim und die Tagebucheintragungen des Bankdirektors Peter Reisewitz. Letztere hat der Förderverein als Teil einer Schriftenreihe veröffentlicht. Kochheim, geboren 1929 in Genthin, hat seine persönlichen Kriegserlebnisse niedergeschrieben, um eine Auseinandersetzung mit diesem Teil der Geschichte zu ermöglichen. Als 15-Jähriger war er Teil des letzten Aufgebotes, zu dem er sich mehr oder weniger freiwillig meldete. Er kam in eine Panzerkampfbrigade der 9. Armee und überlebt die Kesselschlacht bei Halbe im April 1945. Peter Reisewitz war Direktor der "Spar- und Gewerbebank Genthin" und schildert den Einmarsch der Roten Armee. Bei ihm ist auch von den letzten Gefechten in der Stadt Genthin zu lesen. Auch von den Sprengungen sämtlicher Brücken in Genthin, um die Stadt gegen die feindlichen Truppen zu verteidigen. Reisewitz schildert die Zerstörungen in der Stadt auch die Plünderungen und die Auflösungserscheinungen in der Verwaltung. Bewegend ist auch die Schilderung der immer stärkeren Verzweiflung, die ihn und seine Familie am Ende in den Freitod führte. Für die Bevölkerung war das Ende des Zweiten Weltkrieges eine schwere Zeit. Die gesamte Trinkwasserversorgung für die Stadt Genthin wurde unterbrochen, als die Brücke beim Wasserturm gesprengt wurde. Das Wasserwerk war in Altenplathow in der Rathenower Heerstraße und der Wasserturm am anderen Ufer und damit in der Stadt. Auch war die Stromversorgung komplett unterbrochen.

Nach dem Einmarsch der sowjetischen Truppen wurden mithilfe der Pioniere der Roten Armee über den Kanal anstelle der gesprengten Brücken Notbrücken aus Holz gebaut. Für die Verbindungsleitungen für Wasser und Elektrizität zwischen dem Ortsteil Altenplathow und der Stadt Genthin wurden die errichteten Notbrücken genutzt. Auch musste die stark beschädigte Eisenbahnbrücke über den Kanal zur Zuckerfabrik wieder instand gesetzt werden. Mit dem 8. Mai 1945 kehrte auch langsam wieder ein geregeltes Leben zurück. Der Wiederaufbau nahm allerdings eine lange Zeit in Anspruch.

An den 8. Mai 1945 wurde in Genthin auch an anderer Stelle gedacht. Am Mahnmal Genthin-Wald legten Vertreter der Stadt und des Stadtrates Kränze und Blumen nieder. Das Mahnmal erinnert an das KZ-Außenlager Genthin-Wald, das erst dem KZ Ravensbrück und später dem KZ Sachsenhausen untergeordnet war. Dort waren Anfang der 40er Jahre mehr als 500 Frauen untergebracht, die in den angrenzenden Silva-Metallwerken körperliche Schwerstarbeit leisten mussten. Im Mai 1945 wurde das Lager befreit. Am sowjetischen Ehrenmal kamen Teilnehmer auf Einladung der Partei die Linke zu einem Gedenken zusammen. Der Landtagsabgeordnete und Kreisvorsitzende Harry Czeke machte in seinen Worten deutlich, dass der 8. Mai ein Tag der Erinnerung an das sei, was Menschen erleiden mussten.

Eine besondere Form der Erinnerung an die letzten Kriegstage fand in der Bunkeranlage unter dem Genthiner Marktplatz statt. Altbürgermeister Wolfgang Bernicke konnte zu einer Führung eine Reihe von Interessierten durch die Anlage führen. Diese Bunkeranlage wurde ab dem Jahr 1944 als Luftschutz-Führungsstelle erbaut und erst im Februar 1945 fertiggestellt. Bis heute blieb die Anlage erhalten und ist ein besonderes Zeitzeugnis der letzten Kriegsmonate.

 

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