Halberstadt l Im Rahmen der Veranstaltungen des Gleimhauses anlässlich des 200. Todestages von Johann Georg Jacobi zeichnete Hans-Henning Schmidt aus Halle ein facettenreiches Bild des "Dichters und Professors der Schönen Wissenschaften", der sich als anakreontischer Dichter, als Reiseschriftsteller, als Gründer der ersten deutschen Damenzeitschrift und als Verfasser von Volksliedern einen Namen gemacht hat.

Mit Blick auf die Fußballweltmeisterschaft hatte sich der Beginn der Veranstaltung um 30 Minuten verschoben, den Ute Pott, die Direktorin des Gleimhauses, als "Extra" für eine Führung durch die aktuelle Ausstellung nutzte. Hans-Henning Schmidt, mittlerweile in Halberstadt bekannt durch seine besondere Art, Literatur und Literaten zu präsentieren, stellte in einer Mischung aus Lesung, Rezitation, Musik und Gesang das Jahrhundert Jacobis mit dem vielseitig begabten Mann im Mittelpunkt vor. Unterstützt wurde er dabei von den Mitarbeitern des Gleimhauses, dem Kunsthistoriker Reimar Lacher und der Restauratorin Stefanie Volmer als Co-Rezitatoren von Briefen oder im amüsanten Rollenspiel. Neben Halberstädter Gästen nahmen auch zwei Besucher aus Baden-Württemberg und Hessen an der Veranstaltung teil.

Dank der chronologisch aufbereiteten Daten vermittelte Schmidt seinen Zuhörern ein gut fassbares Bild des 1740 in Pempelfort (heute Stadtteil von Düsseldorf) geborenen und nach einer langen Lebensreise in Freiburg 1814 gestorbenen Literaten. Neben den Stationen auf seinem Weg waren vor allem die literarischen Größen der Zeit für die heutigen Zuhörer von Interesse, die Schmidt in ein Verhältnis zu Jacobi setzte, allen voran Gleim.

Aus dem "ungeliebten Halle" wo er eine Professur für Philosophie hatte, führte ihn die Freundschaft zu Gleim schließlich nach Halberstadt, wo er, dank der Vermittlung Gleims, das Kanonikat an der Moritz-Kirche erwerben konnte. Literarisches Ergebnis der ersten zweieinhalb Jahre zwischen der ersten Bekanntschaft in Bad Lauchstädt und der Übersiedlung nach Halberstadt waren die "Briefe von Herrn Johann Georg Jacobi" und die "Briefe der Herren Gleim und Jacobi". Durch diese Publikation, aus der alles Persönliche entfernt worden war, erhoffte sich Gleim als Freund und Mäzen des 21 Jahre jüngeren Jacobi, dessen literarische Laufbahn zu befördern.

Das Echo war geteilt. Es reichte von Anerkennung bis Spott. Goethe sprach vom "Austausch von Wechselnichtigkeiten". Dessen ungeachtet machte sich Jacobi als "Dichter der Grazien" einen Namen und bildete mit einer Gruppe von jungen Schriftstellern, die von Gleim gefördert wurden, den Halberstädter Dichterkreis.

An diesen erinnerte, wie Schmidt am konkreten Beispiel vorführte, unter anderem die sogenannte "Büchse", in der von den Mitgliedern des Freundeskreises mit verstellter Handschrift geschriebene Verse gesammelt wurden. Trotz aller Annehmlichkeiten in Halberstadt zog es Jacobi zurück in das Pempelforter Haus seines Bruders Johann Friedrich, das zu einem "Musenhof" geworden war, wie Hans-Henning Schmidt zu berichten wusste.

Seine besondere Aufmerksamkeit im zweiten Teil des Abends galt Johann Georg Jacobi als Verfasser volkstümlicher Lieder und Förderer der Volksliedbewegung. So stellte er an Hörbeispielen die Vertonungen Jacobischer Gedichte durch Haydn und Schubert vor. Als das bedeutendste und nachhaltig wirksamste Zeugnis seiner volkstümlichen Lyrik gilt sein Gedicht "Sagt, wo sind die Veilchen hin", das Schmidt nach der Melodie "Where have all the flowers gone" von Pete Seeger zum Abschluss sang.