Das Diakonische Werk im Kirchenkreis Halbestadt gehört im Landkreis zu den mittelgroßen Unternehmen und bietet mehr als 200 Menschen Arbeit. Im Jahr 2010 kamen neben weiteren Arbeitsplätzen auch neue Projekte hinzu.

Halberstadt. Ute Gabriel-Betzle blickt auf ein "sehr erfolgreiches Jahr 2010" zurück. "Wir haben viele Dinge stabilisiert, und neue Projekte konnten angeregt werden", so die Geschäftsführerin des Diakonischen Werkes. Zwar habe es keine spektakulären Neueröffnungen gegeben, aber man sei beispielsweise über die Komplettsanierung der Dingel- stedter Kindertagesstätte sehr froh. "Das ist ein großer Erfolg. Dort herrschen jetzt ganz andere Bedingungen. Es ist wirklich schön geworden", schwärmt Gabriel-Betzle förmlich. Mit der Entwicklung der vier Kitas, die die Diakonie in Eilenstedt, Nachterstedt, Schwanebeck und Dingelstedt führt, ist die Geschäftsführerin sichtlich zufrieden. "Wir haben jetzt alle zukunftsfähig saniert, und alle Einrichtungen sind gut belegt."

Das Diakonische Werk legt in seiner Kita-Arbeit besonders viel Wert auf die sogenannte Erziehungspartnerschaft. "Echte Erziehungspartnerschaft geht davon aus, dass Eltern und Kindertageseinrichtungen gleichberechtigt – aber mit unterschiedlicher Verantwortung – den Erziehungsprozess der Kinder begleiten", heißt es in dem Bildungsprogramm. Eltern und Erzieher sollen sich gegenseitig als Partner wahrnehmen und Hand in Hand arbeiten. "Es geht nur gemeinsam", ist sich Ute Gabriel-Betzle sicher, gerade in einer Zeit, in der familiäre Erziehungsstrukturen durch Großfamilien weggebrochen wären.

Aber das Diakonische Werk kümmert sich nicht nur um die jüngsten Bewohner des Kreises. Es deckt das komplette Spektrum ab. Neben den vier Kindergärten betreibt es auch zwei Altenpflegeheime in Osterwieck und Wernigerode und bietet mit dem "neuen wohnen" zudem ein generationsübergreifendes Wohnprojekt an.

In den beiden Pflegeheimen der Diakonie leben 130 Bewohner. Der Anteil derer, die eine sogenannte eingeschränkte Alltagskompetenz haben, sei in den vergangenen Jahren drastisch angestiegen, berichtet Iris Schumann, Leiterin des Bereichs Altenhilfe. Um dieser Entwicklung gerecht zu werden, wird das Haus "Sonneck-Harzfriede" in Wernigerode derzeit umgebaut. Es entsteht ein Anbau, der als großer Gemeinschaftsbereich genutzt werden soll. Außerdem wird es einen Küchenbereich und einen Hauswirtschaftsraum geben. "Es ist wichtig, dass die Leute das erleben, was sie in der Familie auch getan haben", so Schumann. Man dürfe den alten Menschen nicht zuviel abnehmen, getreu dem Motto: "Wer rastet, der rostet."

Dieses Motto findet sich auch in dem "neuen wohnen" wieder. Beschäftigung und familienähnliches Zusammenleben werden hier groß geschrieben. Deswegen legt Ute Gabriel-Betzle auch großen Wert da- rauf, dass das "neue wohnen" nicht mit dem betreuten Wohnen, das von vielen Trägern angeboten wird, zu verwechseln ist. Das "neue wohnen" ermöglicht Menschen, in ihren eigenen vier Wänden alt zu werden. Die Menschen mieten eine Wohnung und können von dem Betreuungsangebot der Diakonie Gebrauch machen. "Es gibt aber keine Betreuungspauschale", betont die Pflegedienstleiterin des "neuen wohnen", Ina Schnee. "Jeder bezahlt nur die Leistung, die er auch in Anspruch genommen hat." Im vergangenen Jahr war das Interesse aus anderen Bundesländern an dieser Betreuungsform sehr groß. Geschäftsführer vieler sozialer Einrichtungen und Wohnungsunternehmen kamen nach Halberstadt, um sich über das Projekt vor Ort zu informieren. So gibt es seit dem Sommer auch in Bernau nahe Berlin ein "neues wohnen". Nicht ohne Stolz stellt Ute Gabriel-Betzle deshalb fest: "So wird Halberstadt beispielgebend für moderne Wohn- und Betreuungsformen."

"Halberstadt ist beispielgebend für moderne Wohn- und Betreuungsformen."

Mit dem Finckehof in Halberstadt ist das "neue wohnen" auch 2010 gewachsen. Die letzten freien Wohnungen wurden dort bezogen, und die Mieter nehmen die zahlreichen Angebote gut an und gestalten ein aktives Miteinander. Dabei wird das "neue wohnen" nicht nur von älteren Menschen genutzt, sondern als eine generationsübergreifende Form des Zusammenlebens praktiziert. Ute Gabriel-Betzle: "Wir als Diakonisches Werk haben uns zum Ziel gesetzt, auf das zu setzen, was von der Gesellschaft gebraucht wird."

Weitere Aufgaben erfüllt das Diakonische Werk in den Bereichen Migration – hier wird Mi- granten bei Behördengängen und beim Erlernen der deutschen Sprache geholfen – und im sozialen Dienst. Dort leitet die Diakonie eine Freiwilligen-Agentur, die die zahlreichen ehrenamtlichen Mitarbeiter vermittelt. So wurden im vergangenen Jahr zehn Frauen und Männer zu sogenannten Familienpaten ausgebildet, die benachteiligten Familien und Alleinerziehenden helfen, den Alltag zu bewältigen. "Familienpaten können Eltern aber nicht die Verantwortung abnehmen. Sie sind Spielgefährten und Vertrauenspersonen, Zuhörer und Mutmacher. Sie sind aber kein Ersatz für professionelle Hilfssysteme. Sie können deren Arbeit nur unterstützen", erklärt die Leiterin des Sozialen Dienstes, Christina Schäfer. "Familienpaten sind keine Babysitter. Sie leisten Hilfe zur Selbsthilfe", unterstreicht auch Gabriel-Betzle.

Ein Thema liegt der Geschäftsführerin noch besonders am Herzen: ihre Mitarbeiter. 38 sozialversicherungspflichtige Mitarbeiter wurden 2010 im Bereich Pflege und Betreuung eingestellt, damit stehen inzwischen 215 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei der Diakonie in Lohn und Brot. Hinzu kommt eine Schar von mehr als 300 Ehrenamtlichen, die sich in der gemeinnützigen Einrichtung engagieren. Zwei Lehrlinge wurden im vergangenen Jahr zu Altenpflegern ausgebildet. "Wir würden gerne noch mehr ausbilden. Das müssten dann aber die Bewohner bezahlen, denn weitere Lehrlinge gehen in die Pflegesätze ein", erklärt sie. Teurere Pflegesätze könnte man sich angesichts starker Konkurrenz in der Altenpflege nicht erlauben. "Uns ist es wichtig, Fachkräfte auszubilden und sie auch langfristig an uns zu binden."

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