Ein Vierteljahrhundert nach der ersten geheimen und freien Volkskammerwahl in der DDR haben sich drei ehemalige Abgeordnete aus dem Harz zu einer Rückschau eingefunden. Das gute halbe Jahr im DDR-Parlament hat alle drei tief beeindruckt.

Halberstadt l Am 19. März 1990 war Johannes Rieger noch nicht Intendant des Nordharzer Städtebundtheaters. Zu jenem Zeitpunkt studierte er noch an der Hochschule für Musik in München. Am Morgen des 19. März 1990 traf Rieger in der Münchner U-Bahn auf Menschen, die in breitem Sächsisch nach dem Weg zum Hofbräuhaus fragten. Dort wollten sie ihren Sieg feiern, erzählt Rieger 25 Jahre später in der Kammerbühne des Städtebundtheaters in Halberstadt.

Ein Vierteljahrhundert und einen Tag zuvor fand in der DDR die erste und letzte freie und geheime Volkskammerwahl statt. Drei der damals Gewählten blicken am 18. März 2015 auf ihre Parlamentarier-Zeit zurück: Birgit Kayser und Eckhard Altmann, 1990 für die CDU in Blankenburg und Halberstadt in die Volkskammer gewählt, und der Sozialdemokrat und heutige Bürgermeister von Quedlinburg Eberhard Brecht.

"Wir waren keine geübten Politiker", sagt Birgit Kayser, die 1990 Parlamentarische Geschäftsführerin der CDU-Fraktion war. Landrat Martin Skiebe (CDU), der die Runde moderiert, hatte zuvor auf hämische Kommentare aus dem Westen verwiesen, die die Volkskammer von 1990 als "Laienspiel" bezeichneten. Eckhard Altmann erinnert an die Geschwindigkeit, mit der die "Laien" seinerzeit eine Geschäftsordnung geschaffen und Gesetze beschlossen haben.

Gesetzgebung im Schnellverfahren

Beschlüsse habe die Volkskammer im Schnellverfahren fassen müssen. Einen "hocheffektiven Arbeitsstil" habe es damals gegeben, sagt Eckhard Altmann. Eberhard Brecht erinnert sich an den großen Druck, den die Perspektive der Wiedervereinigung ausgelöst hat. "Diskussionen über Alternativen wurden damals nur noch in Kleingruppen geführt", sagt Brecht. Zudem habe es großen außenpolitischen Druck gegeben. Niemand habe gewusst, wie lange sich Gorbatschow noch an der Spitze der Sowjetunion halten würde und wie lange das Zeitfenster für eine Wiedervereinigung damit noch offen gewesen wäre.

Birgit Kayser berichtet vom großen Arbeitsdruck, der auf den Abgeordneten lag. "Ständig wurde irgendwo gestreikt. Die Politiker mussten dann immer ran." Der übliche Arbeitstag habe sich von frühmorgens bis spät in die Nacht hingezogen. Eberhard Brecht sagt: "Ich habe in dem halben Jahr nichts von den Jahreszeiten mitbekommen."

Gefragt nach der für ihn denkwürdigsten Sitzung erinnert sich Eberhard Brecht an die Diskussion um die Offenlegung der Namen von Stasi-Mitarbeitern. Anders als sein Parteifreund und Vize-Parlamentspräsident Reinhard Höppner war Brecht der Ansicht, die Namen von MfS-Mitarbeitern in der Volkskammer offenzulegen. Der Streit eskalierte in die Besetzung des Volkskammer-Präsidiums. Nach dem Eklat seien viele Stasi-Mitarbeiter schließlich freiwillig ans Rednerpult gegangen und hätten sich dort erklärt, sagt Brecht.

Eine Begegnung mit einem Kollegen von der PDS ist Eckhard Altmann im Gedächtnis geblieben. Dieser habe in einer Ausschusssitzung Millionen Erwerbslose im Fall einer Wiedervereinigung vorhergesagt. Altmann selbst habe das damals nicht ernst genommen. "Ich frage mich, woher dieser alte und kluge Genosse diese Einsicht hatte", sagt Altmann heute.

Biografische Unterschiede werden bei der Frage nach bedeutenden Tagen deutlich. Eberhard Brecht war bis 1989 parteilos und arbeitete als Wissenschaftler in der DDR. Im September schließt er sich dem Neuen Forum, später den Sozialdemokraten an. Brecht sagt, dass er sich den 9. Oktober als angemessenen Nationalfeiertag gewünscht hätte. Am 9. Oktober 1989 gingen in Leipzig erstmalig Menschen auf die Straße, der Tag gilt als Beginn der massenhaften Demokratiebewegung in der DDR.

Birgit Kayser hingegen, schon zu DDR-Zeiten Mitglied der Block-CDU, zieht den 9. November als bedeutendsten Tag der Wendezeit vor. "Ich war keine Märtyrerin", sagt die Blankenburgerin. "Wir waren das, was Roland Jahn in seinem Buch schreibt: Angepasste."

Einschneidende Erfahrungen für das Leben

Am Ende war das halbe Jahr als Volkskammer-Abgeordnete für alle eine einschneidende Erfahrung. "Ich habe gelernt, dass man andere Meinungen aushalten muss, dass man heftig streiten und hinterher trotzdem ein Bier trinken kann", sagt Eberhard Brecht. Zuvor habe es nur Anhänger und Gegner, Angepasste und Oppositionelle gegeben. "Es waren die spannendsten Tage meines Lebens", sagt der Quedlinburger.

Eckhard Altmann sagt, er habe erfahren, dass man "sein eigenes Leben organisieren und lenken kann." Seinerzeit hätten Menschen gehandelt, und Dinge verändert, während viele "lieber sitzen und klagen".

Mit Politik und dem Gemeinwesen haben alle drei Ex-Parlamentarier noch heute auf verschiedene Weise zu tun. Birgit Kayser ist Vorsitzende der CDU in Blankenburg. Eberhard Brecht habe sich "als nicht resozialisierbar für einen normalen Beruf" erwiesen, sagt er. Nach der Volkskammer-Zeit war er bis 2001 Mitglied des Bundestages. Seit seinem Ausscheiden aus dem Parlament ist er Oberbürgermeister von Quedlinburg.

Eckhard Altmann hat sich am weitesten von der Politik entfernt. Früh ist der Pfarrer in die Block-CDU eingetreten, enttäuscht von den Realitäten in der Partei ist Altmann dort zu einer Karteileiche geworden. Erst kurz vor der Volkskammer-Wahl wurde er politisch reanimiert und avancierte zum Spitzenkandidaten der CDU im Bezirk Magdeburg. Schon mit dem Ende der DDR geht Altmann zurück nach Halberstadt, um wieder als Pfarrer tätig zu sein.