Ein mit keinem anderen Jahr vergleichbares 2013 liegt hinter den Gemeinden im Elbe-Havel-Land. Die Bürgermeister blicken im Gespräch mit Anke Schleusner-Reinfeldt zurück auf die letzten zwölf Monate und reden über die Pläne für das neue Jahr. Heute: Alfons Dobkowicz aus Schönhausen.

Volksstimme: Seit dem Bruch des Deiches in Fischbeck, der auch so gravierende Folgen für Schönhausen hatte, sind acht Monate vergangen. Ist die Gemeinde noch die, die sie bis zum 9. Juni 2013 war?

Alfons Dobkowicz: Nichts ist mehr, wie es mal war! An den Schäden haben wir noch lange zu knabbern und auch die Menschen haben so viel verloren und gelitten - das ist kaum wieder gut zu machen. Leider haben wir auch etliche Einwohner verloren.

Volksstimme: Wie hatte Sie in der Nacht zum 10. Juni die Nachricht von der Katastrophe erreicht?

Alfons Dobkowicz: 20 Minuten nach Mitternacht kam das Polizeiauto auch durch unsere Straße gefahren. Ich bin erst einmal zum Bürgerzentrum gefahren und habe mich bei Bernd Witt erkundigt, was los ist. In den Tagen vor der Katastrophe hatten wir ja keine Info bekommen, wie schlecht es um den Fischbecker Deich steht. Und wir hatten mit dem Hohengöhrener Deich, der für die angekündigten Höhen ja zu niedrig war, auch eigene Sorgen.

Volksstimme: Kann man als Bürgermeister einen kühlen Kopf bewahren?

Alfons Dobkowicz: Das ging ganz gut. Es war genug zu tun, man hatte keine Zeit zum Nachdenken. Erst einmal haben wir die Akten aus dem Keller des Rathauses gerettet. Mit dem Moped bin ich mehrfach am Tag die Ufer abgefahren und ich habe versucht, alles so gut wie möglich zu koordinieren. Jeden Tag gab es für die Gebliebenen eine Versammlung am Bürgerzentrum. Was mich belastet hat, waren die Fremden, die es geschafft haben, ins Dorf zu kommen und sich hier bereichern wollten.

Volksstimme: Viele Häuser sind noch unbewohnt, den tief gelegenen Wiesengrund hat es am schlimmsten getroffen. Wie lange wird es wohl dauern, bis man von Normalität sprechen kann?

Alfons Dobkowicz: Es wird wohl noch dieses Jahr ins Land gehen, bis alle Wohnhäuser fertig sind, teilweise muss komplett neu gebaut werden. Ich bewundere den Mut und die Kraft derer, die so viel verloren haben und ganz von vorn anfangen müssen. Richtig beruhigt können wir alle erst sein, wenn die Deiche sicher sind. Und in Hohengöhren ist das derzeit noch nicht der Fall.

Volksstimme: Auch Gewerbetreibende sind von der Flut betroffen, am schlimmsten wohl Thermoplast als einer der größten Arbeitgeber in Schönhausen. Wie geht es den Firmen, und muss die Gemeinde mit dem Ausfall von den für ihren Haushalt so wichtigen Gewerbesteuern rechnen?

Alfons Dobkowicz: Ich hoffe, dass alle so schnell wie möglich wieder auf die Beine kommen! Und mit Ausfällen müssen wir wohl rechnen - allein Thermoplast als einer der größten Betriebe wird am Ende wohl fast ein Jahr stillgestanden haben.

Volksstimme: Welche Wiederaufbaumaßnahmen müssen als erstes in Angriff genommen werden?

Alfons Dobkowicz: Unbedingt müssen die Straßen und Brücken repariert werden. Die Straße zum Damm ist dabei ganz wichtig, zum Glück gab es dafür ja schon den ersten Bescheid. Auch die Wohnungen, beispielsweise in der Breitscheidstraße, müssen so schnell wie möglich hergerichtet werden. Und der Park! Der ist wichtig nicht nur für uns Schönhauser, sondern auch für Touristen.

"Für die neue Turnhalle kommt nur eine Fläche am Sportzentrum in Frage"

Volksstimme: Für die geflutete Turnhalle hinter dem Bürgerzentrum soll es einen Ersatzneubau geben. Steht das Grundstück dafür schon fest?

Alfons Dobkowicz: Da wir eine ausreichend große Fläche auch für die dazugehörenden Parkplätze benötigen, kommt nur eine Fläche zwischen dem Dorf und dem Sportzentrum in Frage. Wir stehen mit dem Besitzer des Grundstückes in Verhandlung. Ich hoffe, dass wir uns einigen können. Wenn nicht, haben wir in der Nähe auch ein eigenes Grundstück. Bestenfalls fangen wir noch dieses Jahr mit dem Bau an. Denn die Halle wird dringend als Trainingsstätte für die Preußen-Sportler benötigt. Der alten Halle hinter dem Bürgerzentrum bleibt nach der Flut nur der Abriss.

Volksstimme: Was wird mit dem sogenannten Melkerhotel?

Alfons Dobkowicz: Da gab es ja sieben Wohneinheiten. Die meisten Mieter sind nach Tangermünde gezogen, würden aber auch gern wiederkommen. Der Schaden liegt bei 400000 Euro. Der Wohnungsbau wird leider nur zu 80 Prozent ersetzt. Also werden wir wohl in abgespeckter Form bauen, dann vielleicht gleich altersgerecht als Bungalow - das muss wohldurchdacht sein.

Volksstimme: Im Gegensatz zu Fischbeck hielten sich die Spenden, die in Schönhausen eingetroffen sind, in Grenzen, obwohl die Schäden in Schönhausen viel umfangreicher sind - woran liegt es?

Alfons Dobkowicz: Der Deich ist in Fischbeck gebrochen, da ist es nachvollziehbar, dass die Menschen auch dorthin spenden. Aber auch wir hatten vor allem tatkräftige Hilfe. Die Solidarität aus ganz Deutschland ist sehr beeindruckend.

Volksstimme: Die Gemeinde hat den Bauhof als Spendenlager für das Elbe-Havel-Land zur Verfügung gestellt. Wird der Platz nicht gebraucht?

Alfons Dobkowicz: Das ist jetzt erst einmal wichtiger! Nach wie vor werden Baumaterialien, Möbel, Kleidung und all die anderen Dinge benötigt. Ich denke, dass wir das Spendenlager noch bis Juni aufrecht erhalten. Und die Kleiderkammer im Nebengebäude des Bürgerzentrums lassen wir erst einmal auf unbestimmte Zeit - so lange, bis wir einen Verwendungszweck für das noch zu sanierende Gebäude haben.

Volksstimme: Wie fühlen Sie sich von den übergeordneten Stellen - Verbandsgemeinde, Landkreis, Land und Bund - bei der Bewältigung der Flutfolgen unterstützt?

Alfons Dobkowicz: Die Zusammenarbeit mit der Verbandsgemeinde ist hervorragend. Ohne sie würden wir das alles gar nicht bewältigen. Was die Mitarbeiter dort leisten, kann man nur loben. Andere Flutregionen sind da längst nicht so weit wie wir. Wir als Gemeinde wären allein doch komplett überfordert. Auch der Landkreis mit Landrat Carsten Wulfänger unterstützt uns sehr, da kann man nur Danke sagen! Mit der Hilfe durch das Land bin ich ebenfalls zufrieden. Ministerpräsident Haseloff war mehrfach vor Ort und kümmert sich um unsere Sorgen. Dass es eine 80-prozentige Wiederaufbauhilfe für alle Nichtversicherten gibt, ist beispielhaft, auch wenn man nicht vergessen darf, dass immer noch 20 Prozent von den Flutopfern aufgebracht werden müssen - nicht bei allen wird das durch Spenden ausgeglichen.

"Die alte Molkerei kann hoffentlich noch dieses Jahr abgerissen werden."

Volksstimme: Unabhängig vom Wiederaufbau gibt es noch andere Pläne. Bis 2015 sollte die alte Molkerei abgerissen sein und eine parkähnliche Anlage mit Caravan-Stellplätzen entstehen?

Alfons Dobkowicz: Die Pläne liegen auch weiterhin in der Schublade. Aber ob wir das dieses Jahr stemmen, ist fraglich. Wahrscheinlich werden wir das Projekt auch abspecken. Ich würde mir wünschen, dass wir es zumindest schaffen, die Molkerei abzureißen, weil sie wirklich nicht mehr schön aussieht und hier der gesamte Verkehr unmittelbar entlangrollt.

Volksstimme: Was ist mit den Außenanlagen des Bürgerzentrums, die ja auch für 2014 im Plan sind?

Alfons Dobkowicz: Die machen wir auf alle Fälle, die Fördermittel sind ja auch genehmigt. Die zusätzlichen Parkplätze für Arztpraxis und Ämter werden dringend gebraucht und das Gelände vor dem Bürgerzentrum soll ansprechender aussehen. Schön, dass sich die stark gestutzte Linde so gut erholt hat. Das Gelände hinter dem Bürgerzentrum, das ja parkähnlich gestaltet wird, nehmen wir zu einem späteren Zeitpunkt in Angriff.

Volksstimme: Reicht das Geld für alles oder muss Kredit aufgenommen werden?

Alfons Dobkowicz: Wir versuchen, ohne auszukommen. Aber der Haushalt muss erst einmal aufgestellt werden, dann sind wir schlauer.

Volksstimme: Bei der Diskussion um die Schließung der Schulen in Schollene und Wust wurden Stimmen laut, dass immer nur in Schönhausen investiert wird. Was sagen Sie dazu?

Alfons Dobkowicz: Alles, was hier gemacht wurde, haben wir ausschließlich aus eigenen Mitteln der Gemeinde finanziert. Die Verbandsgemeinde hat noch keinen Cent in unsere Gemeinde investiert. Das ist auch gar nicht schlimm - dafür gibt es eine Prioritätenliste, die vom Verbandsrat aufgestellt worden ist, und da waren nun mal andere vor uns dran, alles auf einmal geht ja nicht. Wir haben unseren nicht geringen finanziellen Beitrag für die Gemeinschaftskasse gern gezahlt. Ich verstehe nicht, warum diese Stimmung gegen Schönhausen entstanden ist! Wir haben niemals geklagt und über andere gemeckert. Schönhausen ist nun mal die größte Gemeinde mit einem Viertel aller Einwohner des Elbe-Havel-Landes. Es ist doch klar, dass hier auch das meiste passiert. Und durch das hier angesiedelte Gewerbe ist es doch auch logisch, dass sich hier mehr bewegt. Es macht mich traurig, dass wir als Buhmann hingestellt werden und der Sitz der Grundschule überhaupt in Frage gestellt wurde. Manche Dinge wurden von den Mitgliedern des Verbandsrates in ihren eigenen Gemeinden leider falsch dargestellt, weshalb diese Stimmung überhaupt erst aufgekommen ist.

"Ich wünsche mir ein Gemeinschaftsfest, zu dem alle ihren Beitrag leisten"

Volksstimme: 2013 ist das Parkfest ins Wasser gefallen. Dieses Jahr soll es am zweiten Juniwochenende eine Jahrestagsfeier zum Gedenken an den Deichbruch geben.

Alfons Dobkowicz: Ich wünsche mir einen Gemeinschaftstag, an dem alle Evakuierten und Gebliebenen zusammenkommen, miteinander reden und die Erlebnisse Revue passieren lassen. Dieser Tag soll auch gemeinschaftlich gestaltet werden - wie eine große Mitbringparty, zu der jeder seinen Beitrag leistet. Wir als Gemeinde spendieren die Getränke. Einen DJ habe ich auch schon organisiert. Mal sehen, inwieweit wir zumindest einen Teil des Parkes nutzen können. Das Parkfest wäre dann wieder 2015 an der Reihe, aber da sind wir ja auch Gastgeber für das große Altmärkische Heimatfest.

Volksstimme: Inwieweit kann die Gemeinde die Initiativen der Otto-von-Bismarck-Stiftung bei den Aktivitäten zum 200. Geburtstag des Reichskanzlers 2015 unterstützen?

Alfons Dobkowicz: Was in unseren Kräften liegt, machen wir. Deshalb ist die Herrichtung des Parkes auch so wichtig.

Volksstimme: In einigen Wochen wird ein neuer Gemeinderat gewählt. Welche Zusammensetzung wünschen Sie sich?

Alfons Dobkowicz: Ich hoffe, dass aus jedem Ortsteil Vertreter dabei sind. Wer sich zur Wahl stellt, muss sich seiner Verantwortung bewusst sein. Wahrscheinlich werden wir die Ausschüsse reduzieren. Der Haupt- und Finanz- sowie der Bauausschuss sind wichtig. Ob wir den Ausschuss für Sport, Kultur und Soziales noch brauchen, ist zu überlegen, zumal es für die Vorbereitung von Festen wie den Nikolausmarkt und das Parkfest ein Komitee gibt, das ganz gut zusammenarbeitet.

"Ich bewundere das Durchhaltevermögen der Ehrenamtlichen in den Spendenlagern."

Volksstimme: Sie haben im Ort etliche Ehrenamtliche, die das Gemeindeleben bereichern, die nach der Flut zugepackt haben und es in den Spendenlagern bis heute tun. Wie wird dieses Engagement gewürdigt?

Alfons Dobkowicz: Toll, so eine Mannschaft zu haben, das ist nicht selbstverständlich! Vor allem die beiden Bibliothekarinnen sind ein Glücksgriff. Ich bewundere auch das Durchhaltevermögen der Helfer in den Spendenlagern. Auch wenn sie so manches Mal Nackenschläge kassiert haben, machen sie weiter. Wir müssen im Rat darüber nachdenken, wie man all das würdigen kann.

Volksstimme: Als Inhaber einer Firma für Sanitär- und Heizungsinstallationen hätten Sie nach dem Deichbruch wie alle anderen Firmen sicher mehr als genug zu tun. Wie ließ sich Ihr Job und die Arbeit als Bürgermeister unter einen Hut bringen?

Alfons Dobkowicz: Es ist schwierig. Aber nicht nur nach der Flut, sondern generell als ehrenamtlicher Bürgermeister einer so großen Gemeinde. Ich habe auch so manchen Sonntag gearbeitet, denn die Kunden wollten zurück in ihre Häuser. Es gibt jetzt immer noch genug zu tun und mancher Tag könnte doppelt so lang sein. Ärgerlich ist, dass die Behörden in Stendal und Magdeburg die Termine immer in ihre Arbeitszeit legen und wir ehrenamtlichen Bürgermeister, die ja alle einen Beruf haben, müssen zusehen, wie wir klarkommen. Auch deshalb ist die Verbandsgemeinde für uns so wichtig.

Volksstimme: Werden Sie 2015 wieder als Bürgermeister kandidieren?

Alfons Dobkowicz: Ich bin jetzt 60 Jahre als und würde gern noch eine Legislaturperiode dranhängen. Die Dinge, die ich begonnen habe, würde ich gern weiterführen. Ich werde mich im Mai auch um einen Platz im Verbandsgemeinderat bewerben. Denn ich finde, dass wir Bürgermeister hier unbedingt vertreten sein sollten.