Die Musik begleitet ihn schon sein Leben lang. Ortwin Goldbach aus Schollene steht inszwischen seit 50 Jahren auf der Bühne. Einst gab er mit dem Schlagzeug den Rhythmus bei den "Electric`s" an, heute sorgt der 72-Jährige mit Musik aus der Konserve auf Familienfeiern und Dorffesten für Stimmung.

Schollene l "Das waren Zeiten!" Ortwin Goldbach schwelgt in Erinnerungen, als er die alten Schwarz-Weiß-Bilder vorkramt. Auf den etwas neueren Aufnahmen ist er hinterm Schallplattenspieler oder Tonbandgerät zu sehen, die schon etwas knittrigen, vergilbten Fotos zeigten ihn am Schlagzeug seiner Band "Electric`s", die im Elbe-Havel-Land und im Rathenower Raum einst Kult-Status hatte. "Unser erstes Band-Fahrzeug war ein ,Jumbo` - den musste man noch ankurbeln. Keine Ahnung, wie wir alle und unsere Technik da reingepasst haben. Wir sind ja auch nicht nur ein paar Kilometer weiter ins nächste Dorf gefahren, sondern wurden auch für die Weltfestspiele in Berlin oder die GST-Festspiele in Karl-Marx-Stadt gebucht. Da standen wir dann zusammen mit den ganz Großen wie den Phudys oder Stern Meißen auf der Bühne."

Die "Electric`s" waren legendär in der Region. Aus den Kreisen Rathenow, Genthin und Havelberg waren sie die einzige Band, die mit der höchsten Kategorie "Sonderstufe" eingestuft waren, "das Prüfungs-Vorspiel in Potsdam hatte es in sich, aber wir haben die kritische Kommission wohl überzeugt". Ortwin Goldbach erzählt, wie mühsam sich gute Technik "besorgt" wurde: für gute Mikrophone aus dem Westen wurde lange gespart und "über Beziehungen" in die DDR geholt. Auch die großen Bands gaben ihre ausrangierte Technik hin und wieder an gute Bekannte wie die aus Schollene weiter.

Seit genau 50 Jahren steht Ortwin Goldbach nun schon auf den Party-Bühnen. "Im Mai 1965 bin ich von der Armee zurückgekommen. Während meiner anderthalb Jahre in Prora an der Ostseeküste hatte ich in der ,Standort-Combo` mitgemacht. Ich konnte eigentlich nur Akkordeon spielen, das mein Vater mir als Kind geschenkt hatte. Weil die Gruppe, die aus lauter Profis bestand, aber dringend einen Schlagzeuger brauchte, hab ich umgesattelt und recht schnell das Spiel darauf gelernt. Zweimal pro Woche war Probe und wir haben an den Wochenenden auf ganz Rügen gespielt."

Electric`s rocken die Bühnen der DDR

Wieder im zivilen Leben in Schollene angekommen, traf er auf Willi Nierzwicki. Mit ihm als Gitarristen, mit Kurt Menze (Trompete) und Gebhard Schönfeld (Schlagzeug) hatte Ortwin Goldbach (Akkordeon) vor der Armeezeit so manches Schulfest als "Piraten" gerockt. Nun, ein paar Jährchen älter, fragte Willi Nierzwicki, ob Ortwin denn nicht Lust hätte, bei den Rathenower "Electronic`s" mitzumachen. Götz von Kirn aus Rathenow (heute Schollene)war Bandleader und Gitarrist, Reinhold Düskau spielte Bass-Gitarre und Willi Nierzwicki Melodie-Gitarre. Mit Ortwin Goldbach am Schlagzeug war die Gruppe, die sich kurz darauf in "Electric`s" umbenannte, perfekt. Schnell stieg der Bekanntheitsgrad und es wurden nicht nur die heimischen Bühnen gerockt, sondern in der ganzen DDR. Ein wenig änderte sich die Besetzung: Reinhard Düskau sattelte auf Keyboard um und Klaus Bäker kam als Bass-Gitarrist dazu. Der ersten Sängerin Marlies folgte Bärbel und dann Ute Alpermann aus Rathenow (heute ebenfalls Schollene), die den weiblichen Part des Gesanges übernahm.

Die Arbeit als Elektriker und Ausbilder beim Chemiefaserwerk in Premnitz, vier Kinder, den Hausbau und die Musik unter einen Hut zu bringen, fiel Ortwin Goldbach zusehends schwerer. Zumal er ab 1973 immer mehr Aufträge als DJ auf Dorf- und Familienfesten bekam. "Irgendwann war dann tatsächlich die Luft raus. 1983 haben wir uns aufgelöst."

Beim Comeback 1996 am Kamernschen See, zu dem treue Fans um Erhard Michael die Musiker bewegt hatten, war Ortwin Goldbach nicht mehr dabei. "Ich hab als DJ so viel zu tun. Aber ich hab mich sehr gefreut, dass die ,Electric`s` für ein paar Jahre wieder auf der Bühne standen. Ich treffe immer wieder mal Leute, die mich aus meiner Electric`s-Zeit kennen, dann gibt es viel zu erzählen..." Inzwischen sind Klaus Bäker und Willi Nierzwicki verstorben.

Herz hängt an Blau-Weiß und den Karnevalisten

Auch jetzt sind die Auftragsbücher des 72-Jährigen gut gefüllt. Auf so manchem Familienfest sorgt der gesellige Ortwin Goldbach für die passende Tanzmusik, beispielsweise am 30. Mai beim Scharlibber Dorffest. Beim Schollener Weihnachtsmarkt oder beim Schollener Sportfest ist er ebenfalls dabei, "für die Kinder mache ich natürlich kostenlos Musik". Wenn Blau-Weiß Musikwünsche äußert, erfüllt der DJ sie den Sportlern sehr gern. Und auch ein zweiter Schollener Verein - die Karnevalisten - begleitet Ortwin Goldbach schon viele Jahre. Angefangen mit den "Electric`s", marschiert er heute als Elferratsmitglied ein, inzwischen ist er Ehrenmitglied des närrischen Vereins, in dem auch seine Töchter Kathi und Lisa stets einen Programmteil mitgestalten. Sohn Marco ist musikalisch in Vaters Fußstapfen getreten und ist ebenfalls als DJ unterwegs.

Als DJ erfüllt der Schollener sämtliche Musikwünsche von Schlager bis Rock, privat hört er gern Deep Purple und Smokie, "ich war auch ein großer Queen-Fan". Die Lieder der Beatles gehörten zum festen Repertoire seiner Band.

Beim Schwelgen in Erinnerungen erzählt Ortwin Goldbach von seiner ersten West-Schallplatte, die er in Premnitz unterm Ladentisch bekam. Er könnte Bücher schreiben über seine Zeit mit den "Electric`s". Auch wenn er an so manchem Montagmorgen Mühe hatte, die Augen aufzuhalten und sich auf die Arbeit zu konzentrieren - "die ,Electric`s` sind ein wichtiger Teil meines Lebens, das durch die Musik um Vieles reicher geworden ist."

   

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