Mit dem Lied "Macht hoch die Tür`, die Tor` macht weit" eröffnete am Sonnabend Pfarrer Manfred Herrmann i.R. die Adventsfeier im Groß Garzer Gemeinderaum. Seit 1977 hält er an dieser Tradition fest.

GroßGarz l "Früher hatte jede Gemeinde extra ihre Adventsfeier. Jeggel und auch Lindenberg, wo ich herkomme", erzählte Marlies Griep, "jetzt gibt es weniger Kirchgänger, und wir treffen uns immer in Groß Garz. Das gehört für mich zur Vorweihnachtszeit." Mit ihr hatten unter anderem Pfarrer Roland Jourdan und Prädikant Karl-Heinz Mewes im Gemeinderaum Platz genommen.

Jedermann sollte miteinander ins Plaudern kommen, bemerkte Manfred Herrmann und setzte vor das Plaudern erst einmal ein Gedicht. Ins Erzgebirge nach Schneeberg wollte er die Gemeinde entführen, wo vor 500 Jahren die Christmette morgens um vier Uhr begann.

"Meine Frau hat mir `Das goldene Weihnachtsbuch" von Kurt Arnold Findeisen zum ersten Advent geschenkt. Daraus möchte ich vorlesen", begann der Pfarrer. Vom kleinen Melchior erzählte er, der gern während der Christmette für seine Mutter drei Taler für das Singen in einer Kurrende (im Kinderchor/Laufchor) verdienen wollte, aber fieberkrank im Bette lag. Schon hatte die Gemeinde das Loblied gesungen, und der Kantor blickte suchend nach dem Jungen. "Man hörte Wachs von den Kerzen tropfen..." Und auf einmal stand er da und sang. Doch erst am Mittag hob er die Augenlider und war verwundert über die sechs Taler, die er bekam. So war wohl das Christkind an seiner Stelle dabei gewesen.

Neue Geläuteanlage im Gespräch

"Ich habe selbst viele Jahre in einer Kurrende gesungen, im Gottesdienst, auf Beerdigungen und am Heiligen Abend, bei alten Leuten. `Die Weissagung` durfte ich immer solo singen", berichtete Cornelia Herrmann. In Chemnitz aufgewachsen war das Erzgebirge mit seiner Tradition ja nicht weit. Die Kurrende-Figuren mit schwarzem Mantel und weißem Kragen nehmen Touristen gerne mit, erfuhr die Gemeinde. In Seiffen hatte das Paar am dritten Advent die Bergparade miterlebt und damit eine berührende Stimmung eingefangen. In Berg- und Spielzeuguniformen mit Posaunen und Trompeten waren die Seiffener durch die Straßen gezogen. "Menschen aus aller Herren Länder habe ich gehört: England, Jugoslawien, Polen, Schwaben", beschrieb Manfred Herrmann und fügte begeistert hinzu, "die uralte Tradition hautnah zu sehen, die Menschen mit feierlichem Ernst, das kann ich nur jedem empfehlen." Dort heiße es in der Gaststube nicht "Auf Wiedersehen!", sondern "Fröhliche Weihnachten."

Ein zweites Weihnachtsland, das seiner Großeltern, beschäftigte den Pfarrer i.R. im zweiten Teil des Beisammenseins: Schlesien. Auf Siegfried Lenz` Geschichte "Das Wunder zu Striegeldorf" freute sich nicht nur Marlies Griep wegen des besonderen Zungenschlages des Vorlesers. Wie Manfred Herrmann dann von Großonkelchen Heinrich Mattuschitz und dessen Zellengenossen Otto Mulz erzählte, dass sie aus aufgeweichtem Brot ihr Ebenbild formten, um unauffällig zu fliehen und auch zu ihrer Weihnachtsfreude zu kommen, amüsierte die Zuhörer sichtlich. Schließlich glaubte ihnen der Aufseher kein Wort, als sie in ihre Zellen zurückkehren wollten. Als sie die Idee hatten, Mäuse in ihre Zelle zu werfen, damit diese die Brotknöpfe anknabberten, lachte die Runde erst richtig los.

Inzwischen hatten sich die Männer und Frauen den mitgebrachten Kuchen und Kaffee schmecken lassen. Die Vorsitzende des Gemeindekirchenrates Ingrid Kaiser kam mit den anderen außerdem über die für 2015 geplante neue Geläuteanlage ins Gespräch. Bis jetzt wird in Groß Garz per Hand geläutet, einmal in der Woche und Sonntag nur, wenn Gottesdienst ist. "Wir überlegen, ob wir im Zuge dessen eine Uhr anbringen lassen wollen", gab Ingrid Kaiser Auskunft.

Das nächste Mal läuten die Glocken in Groß Garz am Heiligen Abend zum Gottesdienst um 17.30 Uhr. Am Vormittag um 10 Uhr lädt Cornelia Herrmann alle Singfreudigen ein, sie ins Diakoniekrankenhaus Seehausen zu begleiten, um dort die Patienten mit Weihnachtsliedern zu erfreuen.

"Ich führe die Tradition ehrenamtlich weiter", erklärte sie, "neben den Christenlehrekindern sind auch deren Eltern und andere Erwachsene willkommen."

Und an Traditionen wollen Herrmanns festhalten, auch wenn sie im Ruhestand sind.Pfarrer Manfred Herrmann i.R. hatte zum Beispiel vor Jahren mit den Konfirmanden die Figuren des Krippenspiels geschnitzt. "Ich hatte mir gewünscht, dass einmal Eltern ihren Kindern die Figuren zeigen, die sie während der Konfirmandenzeit gefertigt haben", bemerkte Manfred Herrmann. Noch heute zieren die Holzfiguren aus dieser Zeit zur Adventsfeier die Tische. Jede Schnitzarbeit ist mit Namen versehen.

"Der Weg zum Weihnachtsfest geht über alles, was nicht materiell ist, über Lieder, Gedichte, Erzählungen, das Miteinander", hatte der Pfarrer i.R. zum Beginn der Feier gesagt. Ein Stück des Weges ist er am Sonnabend mit der Gemeinde schon gegangen. Und einen Ausflug ins Erzgebirge zur Weihnachtszeit können sich die Gäste der Adventsfeier jetzt auch bildlich vorstellen.

 

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