Seit Anfang dieser Woche werden hunderte Listen ausgelegt, die ab Mitte April dem Petitionsausschuss des Landtages übergeben werden sollen. Es geht um den Erhalt der Eisenbahnbrücke Barby. Die Bürger werden gebeten, sich einzutragen.

Barby l Fast nebenbei zeigt Uschi Käsebier in einer Broschüre der Oberen Denkmalschutzbehörde auf ein Foto. Es zeigt den Blick in die innere Stahlkonstruktion der Barbyer Elbbrücke, wie ihn einst die Lokführer hatten. Ein Motiv, an dem weder Profi- noch Laienfotografen vorbeikommen. Ganz offensichtlich weiß das auch die Behörde in Halle, sonst hätte sie dieses Bild nicht im Vollformat in einem Heftchen abdrucken lassen, das das Denkmalschutzgesetz des Landes erklärt.

"Ich glaube, das ist unsere einzige Chance", klopft Uschi Käsebier auf die Broschüre. Sie vertritt die Stadtverwaltung in einer Arbeitsgruppe, die sich erst vor wenigen Tagen gründete. Sie will die ungewisse Zukunft der Barbyer Eisenbahnbrücke in den Fokus der Öffentlichkeit rücken. Zur Erinnerung: Die Deutsche Bahn hatte die Brücke sowie Teile der "Kanonenbahn" an ein Privatunternehmen verkauft. In Barby befürchtet man nun den Abriss des Bauwerkes. Man zählt eins und eins zusammen, da bereits Schienen bei Neugattersleben demontiert und verschrottet werden.

Den Hut für die Petitions-Listen und alle zukünftigen Aktivitäten hat sich der Tourismusverein Grafschaft Barby aufgesetzt. Stolze 1000 Blätter mit je 17 Zeilen für Unterschrift und Adresse warten nun darauf, gefüllt zu werden. Je mehr das gelingt, um so mehr sei der Petitionsausschuss beeindruckt.

Was allerdings erstmal organisiert werden muss. Besonders Orte mit guter Publikumsfrequenz sind gefragt: Supermärkte, Arztpraxen, Gaststätten. Auch die Schulen will die Arbeitsgruppe sensibilisieren. Vielleicht haben ja engagierte Lehrer die Kraft, das Thema zum Projekt zu machen. So nach dem Motto: Ein 135 Jahre altes Wahrzeichen könnte verschwinden.

"Der Verkauf war falsch. Wer gibt uns heute das Recht, unseren Nachkommen eine Verkehrsinfrastruktur wie diese zu entziehen?"

Etappenziel ist, am 15. April die ersten Listen dem Petitionsausschuss des Landtages zu übergeben. Der soll die Barbyer Sorgen auf die Tagesordnung heben und nicht zuletzt auf die Obere Denkmalschutzbehörde einwirken. Denn die 1879 eingeweihte Brücke ist nach Darstellung der Hallenser Behörde ein ausgewiesenes "überörtlich bedeutsames Baudenkmal". Aber wie immer im Leben gibt es Ausnahmeregelungen, wenn man clevere Juristen sprechen lässt.

Erfolgschancen hätte ein Antrag auf "Zerstörung des Baudenkmals" nur, wenn der Antragsteller nachweisen kann, dass der Erhalt der Brücke für ihn wirtschaftlich unzumutbar ist.

"Ich habe das mal ausgerechnet", sagt Verkehrsingenieur Jürgen Krebs. "3780 Tonnen Stahl wären für eine Schrottfirma eine interessante Größe." Krebs hatte vor Jahren ein Buch über die "Kanonenbahn" geschrieben und gilt in Fachkreisen als exzellenter Kenner der Eisenbahnhistorie. Er zweifelt bis heute die Sinnhaftigkeit der Streckenstilllegung an und erntet allgemeines Kopfnicken, als er sagt: "Der Verkauf war falsch. Wer gibt uns heute das Recht, unseren Nachkommen eine Verkehrsinfrastruktur wie diese zu entziehen?" Jürgen Krebs belässt es nicht dabei. Prophetisch hebt er den Finger: "Wer weiß, welche Rolle der Eisenbahn mal wieder zukommt, wenn das Öl alle ist."

Für die "Kanonenbahn" dürfte die Reaktivierung allerdings eng werden. Ein Teil der Gleise ist bereits demontiert, die Trasse bei Calbe und der B6n-Querung geschlitzt.

Dererlei noch so ehrenhafte Gedanken werden den Petitionsausschuss jedoch wenig beeindrucken. Deshalb sitzt "Rautenkranz"-Wirt Frank Bläsing mit am Tisch, der stellvertretend für seine Kollegen das Gastro- und Beherbergungsgewerbe vertritt. Das profitiert in der wärmen Jahreszeit von Radwanderern, die den beliebten Elberadweg herunter- und heraufstrampeln. Wäre die Brücke weg, blieben auch die Touristen aus, mahnt Bläsing. Und der Stellenwert eines florierenden Tourismus wird im Lande der Himmelswege und Romanikstraßen ja immerfort proklamiert.

Neben den Petitionslisten hat sich die Arbeitsgruppe weitere Aktionen rund um die Brücke ausgedacht. So lädt Jürgen Krebs Ende April zu einen Vortragsabend ein. Voraussichtlich im Juli ist ein "Brückenfest" am Gnätz geplant. Auch eine Facebook-Seite soll eingerichtet werden.