Einer der langgedientesten Bürgermeister Sachsen-Anhalts geht in den Ruhestand. Kurt "Bodo" Kotzur lenkte 32 Jahre "am Stück" die Geschicke Breitenhagens. Jetzt gab er nach mehreren Anläufen seinen Ausstand.

Breitenhagen l Wie muss ein Bürgermeister sein? Diese Frage wird im 15. Jahrhundert so beantwortet: "Item soll ein Bürgermeister sehr darauf achten, dass er sich in all seinem Tun so verhalte, dass ihn die Gemeinde mehr liebe als fürchte..."

Woran sich in den vergangenen 500 Jahren nichts geändert hat. Auch bei Bodo war das so.

Kein Mensch nennt Kurt-Henning Kotzur bei seinem richtigen Namen. Als der in Zuchau aufwuchs, hatte es eine überdurchschnittlich große Anzahl von Kurts gegeben, sodass seine Verwandten ihm diesen Spitznamen verpassten.

Der regelrecht zum Markenzeichen wurde. Spricht man heute im Altkreis Schönebeck von "Bodo", weiß die Mehrheit, wer gemeint ist.

Und wie war er denn so, der Vollblutkommunalpolitiker?

Klaus Jeziorsky, ehemaliger Landrat und Innenminister, bringt es auf den Punkt, wenn er sagt: "Wenn man Bodo zur Türe rausgeschmissen hat, kam er zum Fenster wieder herein." Das sei schon zu DDR-Zeiten so gewesen, als Jeziorsky noch beim VEB Energieversorgung Kraftstromanschlüsse vergab und Bodo Ortschef von Breitenhagen war.

Soll heißen: Der heute 71-Jährige ist mit einem gerüttelt Maß Schlitzohrig- und Hartnäckigkeit ausgestattet, wie es dem Amt zum Wohle seiner Bürger gut tut.

Ideen belächelt

Ähnlich äußerte sich Glindes Ortsbürgermeister Norbert Langoff, der auch ein bisschen so wie Bodo tickt. Er war zu DDR-Zeiten beim Rat des Kreises für Jugendfragen zuständig. Weil Breitenhagen bei der Abarbeitung der Jugendförderungspläne ständig hinterher hinkte, wurde Langoff ungeduldig. Bodo hatte eine ganz pragmatische Entschuldigung: "Hier kommen immer so viele Delegationen, die ich durchs Dorf führen muss, dass ich dafür keine Zeit habe." Langoff blieb am Ende weiter nichts übrig, als die Pläne selber zu schreiben ...

Der Glinder war in den 1990er Jahren mitverantwortlich für die Bereitstellung von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für das Museumsschiff Marie Gerda. "Hätten wir damals gewusst, wie teuer das wird - ich glaube, wir hätten die Finger davon gelassen", stöhnt Norbert Langoff. Die Heimholung des 1913 in Breitenhagen gebauten Elbekahns gilt als Kotzurs größtes Husarenstück. Er nutzte die Gunst (Kontakte und Fördermöglichkeiten) der Stunde, um es auf ein Gestell zu setzen und zum Restaurant/Museum auszubauen. "Oft wurden Bodos Ideen belächelt. Aber zum Schluss hat er immer lächeln können", gesteht Barbys Bürgermeister Jens Strube zur Verabschiedung. Beide Männer verbindet ein besonderes Datum: Manfred Sichting, damals 1. Stellvertreter vom Vorsitzenden des Rat des Kreises, berief beide 1982 in das Bürgermeisteramt. Derweil Strube Anfang der 1990er Jahre eine Legislatur aussetzte, weil er 1990 keine Chancen als ehemaliger SED-Bürgermeister sah, zog Kotzur bis heute durch. Damit lenkte er 32 Jahre lang in sieben Legislaturen ununterbrochen die Geschicke des Elbedorfes. Und wurde zum Superlativ: Der 71-Jährige ist damit einer der dienstältesten (wenn nicht sogar der dienstälteste, wie Klaus Jeziorsky andeutet) Bürgermeister Sachsen-Anhalts. Darauf ist er stolz.

Apropos Rat des Kreises. Neben Manfred Sichting war auch Udo Knüppel unter den Abschiedsgästen. Er war bis 1990 1. Vorsitzender des Rat des Kreises, dem Klaus Jeziorsky als Landrat folgte. Knüppel kann sich noch gut erinnern, wie Bodo im Karree sprang, wenn er sich gegenüber Groß Rosenburg benachteiligt fühlte. Dort hatte man den Bau einer Mehrzweckhalle organisiert, die als "Heulagerhalle" deklariert wurde, um an Baumaterial heran zu kommen. Bodo Kotzur stand diesem Verfahren an Schlitzohrigkeit allerdings in nichts nach.

Als in Breitenhagen ein Kindergarten gebaut werden sollte, gab es dafür keine Materialfreigabe. Der Hersteller VEB MLK-Calbe hatte dafür keine Gasbetonsteine über, wohl aber konnte man dort Bungalows kaufen. Also bestellte die Gemeinde zwei Bungalows, die zum Kindergarten "umgewidmet" wurden. Was natürlich nicht legal war, da Bungalows für den Bevölkerungsbedarf bestimmt waren.

Bis Ende dieses Jahres

Der parteilose Kurt-Henning Kotzur ist noch bis 31. Dezember 2014 Ortschef von Breitenhagen. Sein Nachfolger wird "zeitnah" aus den Reihen des aktuellen Ortschaftsrates gewählt. Bis dahin liegen die Geschicke in den Händen des Stellvertreters Siegmar Natho.

Kotzur, der in Barby wohnt, will sich fortan den kleinen und altersgerechten Freuden des Lebens widmen: Hühner füttern, Briefmarken sammeln und Reisen.

Und manchmal nach Breitenhagen fahren, nur mal so, um zu gucken ...

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