Zum ersten Schönebecker "Treffpunkt" in diesem Jahr hatten am Donnerstag Solepark, Soziokulturelles Zentrum "Treff" und die beiden großen Kirchen der Stadt in den Dr.-Tolberg-Saal eingeladen. Zum Thema "50 Jahre nach dem Mauerbau: Lebt die DDR noch heute?" sprach Gastreferent Innenstaatssekretär Rüdiger Erben (SPD). Im Anschluss konnten die Besucher Fragen stellen und ihre Meinung äußern.

Bad Salzelmen. "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten." Diese Worte von Walter Ulbricht, dem einstigen Staatsratsvorsitzenden der Deutschen Demokratische Republik, sind in die Geschichte eingegangen als Paradebeispiel aus der Gattung verlogenes Geschwätz. Ulbricht palaverte den zitierten Satz am 15. Juli 1961. Keine zwei Monate später war die Mauer da und Deutschland in zwei Teile zerschnitten. Der so genannte eiserne Vorhang teilte fortan zwei Systeme.

"50 Jahre nach dem Mauerbau: Lebt die DDR noch heute?" Mit dieser Frage war die erste Treffpunkt-Veranstaltung in diesem Jahr überschrieben. Die Veranstalter hatten am Donnerstagabend dazu den Staatssekretär im Innenministerium Sachsen-Anhalts, Rüdiger Erben, eingeladen. Im Dr.-Tolberg-Saal sprach der Sozialdemokrat eine gute Stunde zur vorgegebenen Thematik, versehen mit eigenen Erinnerungen und einer Reflexion der Ereignisse aus Wendezeiten, die er mit den Entwicklungen bis zum heutigen Tag ins Verhältnis stellte.

Mauer kostete 1 Million DDR-Mark täglich

"Die DDR existiert in den Erinnerungen der Menschen. Das war ihre Identität und das ist auch völlig in Ordnung", beantwortete Erben eingangs die Frage, mit der der Abend überschrieben war. 40 Jahre DDR hätten Prägungen geschaffen, zum Beispiel die Erwartung der Fürsorge des Staates, nämlich "von denen da oben alles zu erwarten". Die DDR lebe als Mythos in einer Partei, der viele Personen angehören, die sich mit diesem Staat besonders identifiziert hatten, meinte der Staatssekretär. Er sagte: "Wer einen Eindruck von der DDR bekommen will, bekommt ihn am ehesten bei der Linkspartei. Und die Linkspartei sollte sich fragen, warum sie dagegen nichts unternimmt."

Mit dem Bau der Mauer, deren Unterhaltung 1 Million DDR-Mark tagtäglich verschlang, hätten die Machthaber ihr unmenschliches Gesicht gezeigt. Nicht eindringende Feinde sollte die streng bewachte und mit Selbstschussanlagen bestückte Grenze fernhalten, sondern das Weglaufen der eigenen Menschen verhindern. Keine Entschuldigung der Welt könne die Tatsache aus der Welt schaffen, dass Menschen an dieser Mauer zu Tode kamen und dass Leid in viele Familien getragen wurde.

Rüdiger Erben erzählte aus seiner eigenen DDR-Biografie. Seine Kindheit und Jugend verlebte er im Grenzgebiet in der thüringischen Rhön. "Ich erinnere mich an einen Besuch des ABV (damaliger Kontaktbeamter der Volkspolizei, die Redaktion) am Abend bei meinen Eltern, der uns darauf hinwies, dass wir noch eine Leiter draußen zu stehen haben. Die könnte ja von einem Grenzverletzer genutzt werden."

Eine Kindheit im Schatten der Grenze

Niemand aus seinem Heimatort hätte Geburtstag oder eine Hochzeit zu Hause feiern können, da ja das Sperrgebiet tabu war für Personen, die dort nicht lebten. "Meine gesamte Kindheit und Jugend habe ich im Schatten dieses Zaunes verbracht", erinnerte sich Erben.

Der Politiker ist Vorsitzender des Stiftungsrates der Gedenkstättenstiftung. Die wohl bekannteste Gedenkstätte entlang der einstigen innerdeutschen Grenze ist das Museum "Deutsche Teilung" in Marienborn. Die Grenzanlagen hätten freilich Ostdeutsche kaum zu Gesicht bekommen. "Ein wohlig-schauriges Erinnern durchströmt allenfalls unsere westdeutschen Landsleute, wenn sie an Marienborn denken", mutmaßte Erben. In die Geschichtsbücher könnte heute als kurz gefasstes Fazit hineingeschrieben werden, dass an dieser Grenze Freiheit und Unfreiheit aufeinander prallten, zwei Welten, die nun seit 21 Jahren zusammenwachsen.

In richtige und falsche Erinnerungen beim Rückblick auf die DDR zu unterscheiden, sei hingegen ein ungünstiges Unterfangen. Jede Erinnerung sei individuell. Der SPD-Mann lobte die Ostpolitik des ehemaligen Berliner Regierenden Bürgermeisters und späteren Bundeskanzlers Willi Brandt. Sein Ziel sei es gewesen, auf der Basis von Verhandlungen und Gesprächen die Mauer durchlässiger zu machen, löchriger. Wahrscheinlich habe Brandt damit die Grundlage geschaffen für den Fall der Mauer am 9. November 1989.

An diesen historischen Tag kann sich Rüdiger Erben sehr gut erinnern. Damals war er Soldat bei der Nationalen Volksarmee. Am 10. November habe er Kurzurlaub gehabt und bei seiner Fahrt von der Kaserne in seinen Heimatort erlebt, dass zwar die Mauer gefallen war, die Kontrollen am Sperrgebiet fünf Kilometer vor der Grenze aber nach wie vor erfolgten. Obwohl es für Armeeangehörige streng verboten war, nutzte Erben die Möglichkeit für eine Stippvisite in den Westen.

Am 13. November habe es einen großen Appell auf dem Kasernenhof gegeben. Der Bataillons-Kommandeur habe erklärt, dass das Westfahr-Verbot aufgehoben sei. Auf seinen Hinweis, dass das "Hören von Feindsendern" aber nach wie vor bei Strafe untersagt sei, hätten sich 400 Soldaten vor Lachen gebogen. "Das war für mich die persönliche Vollendung der Wende von 1989. Die Menschen hatten keine Angst mehr, die Entwicklung war damit unumkehrbar", sagte Erben.

Freude über die deutsche Einheit

Für alle, die dabei gewesen sind, lohne es sich die damalige Freude über den Mauerfall immer wieder ins Bewusstsein zu rufen. "Es lohnt sich auch, diese Freude kommenden Generationen zu vermitteln. Die deutsche Einheit ist eine der glücklichen und gelungenen Ereignisse in unserer Geschichte", betonte der 43-Jährige. Sein Credo: "Darauf können wir ein Halleluja singen."

Nach dem Vortrag stellte Schönebecks katholischer Pfarrer Thomas Thorak dem Gast einige Fragen. Ob die Ostdeutschen angesichts der geleisteten Aufbauhilfe undankbar seien, wollte er wissen und nannte die unglaubliche Zahl von 1300 Milliarden Euro, inklusive ostdeutscher Beiträge.

Erben antwortete mit einer Gegenfrage. "Was wohl wäre in Nordrhein-Westfalen passiert, wenn dort über Nacht die Kohlegruben geschlossen worden wären, so wie es in Braunkohleabbaugebieten im Osten der Fall war? Ich denke, es wäre zu Unruhen gekommen." Die Menschen in den neuen Bundesländern hätten weitreichende Umbrüche hinnehmen müssen, ebenso westdeutschen Hochmut und Raubrittertum ertragen müssen. Es seien nicht immer die Besten zum Aufbau Ost aus dem Westen gekommen. Nein, die Ostdeutschen sie seien keineswegs undankbar. Allen Menschen mit DDR-Biografie legte Erben ans Herz, selbstbewusst mit ihrer Lebenleistung umzugehen. Er stellte auch fest, dass das Gefühl von sinkender sozialer Gerechtigkeit im Osten verbreitet sei. Bei der Bestrafung der DDR-Verantwortlichen, die sich Menschenrechtsverletzungen schuldig gemacht haben, seien die Waffen des Rechtsstaates wohl zu stumpf. "Aber der Rechtsstaat ist kein Rachemittel. Er kann nur die nächste Annäherung an Gerechtigkeit sein, die Menschen auf Erden realisieren können", so Erben.

Er beantwortete zudem Fragen aus dem Publikum. So wollte ein Zuhörer wissen, ob mit den schwarz-roten Koalitionen in Sachsen-Anhalt nicht wieder eine Art Einheitspartei entstehe. Erben dazu: "Wir werden bei den Koalitionsverhandlungen, in die wir jetzt hieneingehen, sehen, wie groß die Unterschiede sind."

Zu den Gästen des Abends gehörten Schönebecks Stadtrat Norbert Franz (FDP-Fraktion) und Heinz Werkmeister aus Gifhorn (Niedersachsen), der zur Zeit in der Reha-Klinik weilt. Während der eine auf die Frage, was ihn zu DDR-Zeiten am meisten bedrückt hat, auf die Freiheitsberaubung in vielfältiger Form verwies, meinte der andere, dass der bislang gemachte und gepflegte Unterschied in Ost und West immer weniger eine Rolle spielen werde. "Ich jedenfalls bin Deutscher", hob der Gifhorner gegenüber der Volksstimme hervor.

Schönebecker machten bittere Erfahrungen

Irmgard Krause und ihre Bekannte Maria Scherbaum zeigten sich weitgehend erleichtert, dass die Wende gekommen war. Immer auf Nahrungsmittel zu warten und den Alltag ganz ohne Luxus zu verbringen, nahm Irmgard Krause ein Stück Lebensqualität. Maria Scherbaum machte die bittere Erfahrung wegen ihrer Gläubigkeit benachteiligt zu werden und ihr setzte die Trennung von der Familie und die fehlende Meinungsfreiheit zu.