Glöthe l Das Foto im Volksstimme-Rätsel "Kennen Sie Ihre Heimat" hat Heinrich Laas aus Bernburg sofort erkannt. Kein Wunder! "Ich bin in diesem Haus aufgewachsen", berichtet der heute 89-Jährige. "Ich bin der Meinung, dass das Bild so 1900 bis 1902 aufgenommen wurde. Denn die Linde fehlt noch, und die Bebauung in der Nachbarschaft ist noch anders", vermutet Heinrich Laas.

Viele Glöther wissen wohl sofort etwas mit seinem Namen anzufangen. Denn die Familie Laas prägte den Ort. Sie besaß ein Fuhrunternehmen, unter ihrer Ägide wurde die Zementfabrik errichtet, und die Familie hatte einen großen landwirtschaftlichen Betrieb.

Ihren Lebensmittelpunkt fanden die Laas` in ihrem prächtigen Haus. An das hat Heinrich Laas heute noch viele Erinnerungen. "Im Grunde genommen war das Haus viel zu groß", sagt der Senior heute. 1896 hat sein Großvater die Villa erbaut. Friedrich Laas senior war zu Wohlstand gekommen, nachdem er die Zementfabrik in Glöthe aufgebaut hatte. Auch das alles hatte eine Vorgeschichte. Sein Vater, der Urgroßvater unseres Lesers Heinrich Laas, besaß ein Fuhrgeschäft. Aus dem ging die Fabrik hervor. Zunächst ganz klein. "Mein Urgroßvater hat Kalk gewonnen. Der Kalk wurde auf dem Acker gebrannt. Das war damals so üblich. Danach wurde er an die Industrie verkauft", berichtet unser Leser.

Aus diesem Geschäft ging die Zementfabrik hervor. Friedrich Laas senior beschäftigte hier Hunderte Arbeiter. In Hochzeiten bis zu 350 an der Zahl. "Für sie alle mussten auch Wohnungen gebaut werden", sagt Heinrich Laas. Sein Großvater habe sich dabei engagiert und Wohnraum geschaffen. Einige von den Häusern würden heute noch stehen, andere wurden abgerissen.

"Glöthe hatte wegen des Zementwerkes schon relativ früh eine Wasserleitung. Auch Elektrizität hatte der Ort als einer der ersten in der Region."

"Auch sonst hat sich Friedrich Laas senior im Ort engagiert. Er war karitativ tätig und hat die Gemeinde beim Wegebau unterstützt. "Glöthe hatte wegen des Zementwerkes schon relativ früh eine Wasserleitung. Wasser aus dem Steinbruch wurde aufbereitet. Auch Elektrizität hatte der Ort als einer der ersten in der Region." 1938 wurde Friedrich Laas senior 80 Jahre alt. Er war ein geachteter Mann, die Gemeinde benannte sogar eine Straße nach ihm.

Neun Jahre später, nach dem Zweiten Weltkrieg, sah das alles ganz anders aus. Das Schicksal der Familie erfuhr eine Wende. Denn der Fabrikbesitzer wurde enteignet. Der Betrieb wurde verstaatlicht - er produzierte bis zum Ende der DDR unter dem Namen VEB Zementwerk Bernburg, Zweigwerk Glöthe. Heute gibt es wieder ein modernes Werk im Ort. "Mit der Enteignung wurde das Lebenswerks meines Großvaters zerstört. Er hat das nie richtig verkraftet."

Mit dem Großvater, seinen zwei Brüdern und seinen Eltern hat unser Leser Heinrich Laas über Jahre in dem Haus gewohnt. Nach dem Krieg waren hier auch zeitweise bis zu 15 Flüchtlinge untergebracht. "Es gab kaum Kohlen, und wir haben manchmal ganz schön gefroren, weil wir die großen Räume nicht warm bekommen haben", erinnert sich unser Leser an die Jahre nach 1945.

Aber in den 1950er-Jahren sollte auch damit Schluss sein. Heinrich Laas betrieb noch sechs Jahre, nachdem er aus dem Krieg zurückgekommen war, eine eigene Landwirtschaft, führte die Tradition des Vaters weiter. Doch die DDR-Führung ging rigoros gegen selbständige Bauern vor, die sich nicht in Organisationen drängen lassen wollten. Unwirkliche Abgabeforderungen gehörten zu den Repressionen. Heinrich Laas gab den Hof auf, und seine Familie musste auch das Haus verlassen, in dem fortan die Kita untergebracht war. Er ging nach Bernburg und war 38 Jahre auf dem Lehr- und Versuchsgut in Strenzfeld beschäftigt.

Nach der Wende, so berichtet es unser Leser heute, sei ihm das Haus wieder angeboten worden, doch er habe abgelehnt. Er schaut heute nicht wehmütig auf die steinerne Erinnerung an seine Kindheitstage. "Ich hätte es nicht unterhalten können."

Noch einige weitere Leser haben das Motiv erkannt, zum Beispiel Dagmar Schrader aus Glöthe und Hans Wendel aus Förderstedt. Auch Wolfgang Stäker aus Schönebeck schätzt, dass das Foto Glöthe vor rund 100 Jahren zeigt.

Walter Trautewig aus Förderstedt erkennt die Villa und weiß, dass es eine "Laasstraße" gab, wo die Arbeiter der Fabrik wohnten. Im Zementwerk hat er 1949 bis 1952 Schlosser gelernt. Er erinnert sich an die netten Kollegen und den Lehrmeister Otto Witteborn, der hat später polytechnischen Unterricht gegeben hat. Trautewig bekam einen Stundenlohn von 1,21 Mark. Auf der rechten Straßenseite war ein Fleischer, bei dem es "prima schmeckte".

Die Losfee hat Heinrich Laas gezogen, der sich seinen Gewinn in der Redaktion abholen kann.

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