Mediziner Professor Hans Lippert vom Johanniterkrankenhaus Genthin referierte in Stendal zum Thema "Organtransplantation nach dem Skandal". Wie die Situation nach dem bundesweiten Skandal von vor zwei Jahren aussieht, darüber sprach er mit Nadin Hänsch.

Volksstimme: Wie stark hat der Skandal die Spenderbereitschaft beeinflusst?

Professor Hans Lippert: Sehr erheblich. In 2013 wurde ein Rückgang von 16 Prozent zum Vorjahr verzeichnet. Das bedeutet, mehr Leute auf der Warteliste sterben.

Volksstimme: Welche Bevölkerungsgruppe hat die höchste Spenderbereitschaft?

Lippert: Subjektiv gesehen, sind es die älteren Menschen. Häufig sind Ältere eher dazu bereit, weil sie vielleicht denken, wenn ich mit meinem Alter noch was Gutes tun kann, mach ich das.

Volksstimme: Wie lange kann ein Patient beispielsweise ohne ein neues Herz überleben?

Lippert: Es gibt künstliche Systeme, mit denen die Wartezeit überbrückt werden kann. Nach ein bis zwei Jahren sind diese Möglichkeiten dann auch ausgeschöpft. Das Sterben auf der Warteliste nimmt zu.

Volksstimme: Wie stehen die Chancen nach einer Transplantation?

Lippert: Patienten können heutzutage gut 20 Jahre mit dem transplantierten Organ leben. Die Medizin hat Fortschritte gemacht und die Medikamente sind besser geworden.

Volksstimme: Gibt es Unterschiede in der Qualität der Spenderorgane?

Lippert: Ja, die gibt es. Natürlich sind Organe von Jüngeren besser. Das Alter der Organspender hat in den letzten zehn Jahren um zehn Jahre zugenommen. Häufig sind die Spender um die 70 Jahre alt. Die älteste Spenderin war 101 Jahre und das Organ hat über ein ganzes Jahr gut funktioniert.

Volksstimme: Wovor haben die Menschen Angst, wenn sie sich als Spender registrieren lassen?

Lippert: Das ist eine gute Frage. Die Menschen haben vielleicht Angst, dass sie gar nicht tot sind und dass dann vielleicht nicht mehr alles für sie getan werde. Das stimmt aber nicht.

Volksstimme: Im Vergleich zu anderen Ländern, wo stehen wir?

Lippert: Deutschland benötigt im Vergleich zu unseren Mitgliedsstaaten die meisten Organe und bekommt diese auch aus anderen Ländern, ist aber Schlusslicht in der Spenderbereitschaft. Dennoch sterben bei uns die meisten Menschen auf der Warteliste.

Volksstimme: Wer hat Anspruch auf ein Organ? Dürfen Sie einem Alkoholiker mit Leberzirrhose eine neue Leber transplantieren?

Lippert: Zunächst hat jeder Anspruch auf einen Platz auf der Warteliste. Ein aktiver Alkoholiker bekommt keine Transplantation. Erst wenn er nachweislich sechs Monate trocken ist.