Als Vorstandsvorsitzende der Kreissparkasse Stendal war Kerstin Jöntgen in der Altmark die bedeutendste Frau mit Führungsverantwortung. Marc Rath interviewte die scheidende Vorstands-chefin. Nur ein Thema war tabu - Informationen über die Aufarbeitung der Vorwürfe gegen ihren Vorgänger behält sich der Landrat vor.

Bevor Sie sich erstmals mit Stendal als neuer Wirkungsstätte beschäftigten - was wussten Sie bereits von Stadt und Landkreis?

Kerstin Jöntgen: Ich komme zwar aus dem benachbarten Land Brandenburg, aber ich hatte vor meinem Start hier in Stendal zur Altmark keine Verbindung. Aber ich habe mich sehr schnell heimisch gefühlt.

Was war Ihr prägendsten Erlebnis hier?

Ich habe mich immer für die Aufgabe hier engagiert. Dabei gab es in den letzten Monaten nicht immer nur einfache Momente. Mich hat die Vielzahl der Mitarbeiter aber beeindruckt, die meinen Kurs im Haus unterstützt und mich gestärkt haben.

Wo ist in unserer Region Ihr Lieblingsort?

Die ganze Altmark hat viele schöne Ecken. Besonders gerne bin ich in Stendal, Arneburg und Tangermünde. Es ist eine wunderschöne Region, die man Touristen stets weiterempfehlen kann. Besonders die Elbe-Landschaften sind einmalig.

"Es gibt in der Region weitere Potenziale, die man angehen muss"

Sie kennen mehrere ostdeutsche Regionen durch Ihren beruflichen Werdegang. Wie beurteilen Sie die Entwicklung unseres Landkreises?

Es ist eine Region mit vielen wirtschaftlichen und strukturellen Herausforderungen. Davor stehen aber viele andere Regionen in Ost- und Westdeutschland ebenso. Ich bin überzeugt, dass der Weiterbau der A 14 die positive Entwicklung fördern wird.

Was läuft hier besonders gut?

Die Chancen werden in verschiedenen Bereichen genutzt. Zum Beispiel im Tourismus oder wie die Stadt Stendal sich entwickelt. Man packt die Dinge an und nutzt die Chancen, und das ist schön in der Region. So werden immer mehr touristische Standorte erschlossen und bekannt gemacht.

Wo sehen Sie Nachholbedarf?

Aufgrund der wirtschaftlichen und strukturellen Situation gibt es natürlich weitere Potenziale, die man angehen muss. Da man das hier sehr systematisch macht, wird man diese auch erschließen können. Das wird eine Zeit dauern. Aber man sollte weiter sehr zielstrebig daran arbeiten, die Chancen, die die Region bietet, auch zu nutzen.

Es gibt nur wenige weibliche Vorstandsvorsitzende in Deutschland. Woran liegt das?

Zum einen stimmt das. Zum anderen denke ich aber, dass die Bankbranche von vielen weiblichen Mitarbeitern geprägt wird. Frauen sind sehr häufig in der mittleren Führungsebene, etwa als Geschäftsstellenleiterin, anzutreffen. Weibliche Vorstandsmitglieder sind aber in der Tat eher selten. Und ich habe mich daran gewöhnt und kenne das schon viele Jahre.

Die Gründe mögen vielfältig sein. Ich denke aber, Leistung setzt sich durch - egal ob männlich und weiblich. Von einer Frauenquote für Führungspositionen halte ich daher gar nichts. Es kommt auf hervorragende Arbeit und auf die Leistung an.

Wie merken Sie das in Ihrem beruflichen Alltag?

Ich merke das nicht wirklich. Vielleicht auch, weil es nichts Ungewöhnliches ist. Dass das im Alltag für mich weniger präsent ist, liegt vielleicht auch daran, dass ich schon sehr früh in verantwortlichen Positionen gearbeitet habe.

"Wirtschaftlicher Erfolg und Seriosität stehen bei mir obenan""

Eine Frau an vorderster Position einer Bank scheint für viele jedenfalls zumindest ungewohnt zu sein. Bei Ihrer öffentlichen Vorstellung an Ihrer künftigen Wirkungsstätte Blomberg waren die Journalisten offensichtlich überrascht, als die Tür geschlossen wurde und der Bürgermeister "nur" Sie mitgebracht hatte. Wie gehen Sie mit Erlebnissen wie diesen um?

(schmunzelt) Das war offenbar eine Überraschung. Man hat mich dann aber sehr freundlich und mit großer Offenheit empfangen. Ich habe an den Termin eine sehr positive Erinnerung.

Was machen Sie anders als ein Mann es tun würde?

Ich glaube, dass ich nicht wirklich etwas grundlegend anders mache. Jeder hat seine Aufgabe, man engagiert sich für seinen Auftrag. Das bringt die Verantwortung mit sich. Ich lege viel Wert auf Fachkompetenz, gehe sehr systematisch und strukturiert vor - das bringt aber die Aufgabe mit sich.

Hat man Sie in Stendal unterschätzt?

Das glaube ich nicht. Ich bin ja schon einige Zeit Vorstandsmitglied gewesen und habe mich für das Kundengeschäft eingesetzt. Man hat mich sehr bewusst gewählt, kannte meine beruflichen Leistungen und meinen Werdegang.

Daher dürfte es keine Überraschung sein, dass ich mit der Sparkassen-Arbeit und dem Sparkassen-Wesen eng verbunden bin. Und es dürfte niemanden überrascht haben, dass ich dies bei meiner Arbeit in den Vordergrund gestellt habe. Der wirtschaftliche Erfolg und die Seriosität einer Sparkasse stehen bei mir bei allen Entscheidungen obenan.

Sie haben doch sicher schon ein bisschen nordrhein-westfälische Luft geschnuppert. Was ist dort anders?

Meine Aufgabe hier erfordert bis zum letzten Tag ein sehr hohes Engagement, und ich habe mich noch nicht viel mit der Luft oder den Menschen in Blomberg vertraut machen können. Meine Eindrücke sind aber sehr positiv. Ich bin sehr offen aufgenommen worden - sowohl vom Verwaltungsrat, dem Sparkassenverband und den Vorstandskollegen.

"Woher man kommt, sollte heute keine Rolle mehr spielen""

Dass Westdeutsche in den Osten Deutschlands gegangen sind und auch heute oft noch Spitzenpositionen besetzen, ist nicht ungewöhnlich. Der umgekehrte Weg ist doch eher seltener. Wie erklären Sie sich das?

Ich denke, es sollte keine Rolle mehr spielen, ob man aus den alten oder neuen Bundesländern kommt. Wir sind inzwischen seit fast 25 Jahren ein Land. Beruflich glaube ich daran, dass verantwortungsvolle Führungspositionen eine besondere Flexibilität erfordern, die nicht von der Herkunft abhängig ist.

Merken Sie (noch) etwas von Vorurteilen?

Bei Vorstandskollegen merke ich im Alltag keine Vorurteile. In der Vergangenheit haben Kunden schon mal meine Herkunft positiv erwähnt, aber das ist mit den Jahren seltener geworden.

Was denken Sie wird man unter dem Strich von Ihnen in Stendal in Erinnerung behalten?

Die Weiterentwicklung der Kreissparkasse Stendal ist eine besondere Herausforderung. Da hängt es nicht nur von mir, sondern ganz entscheidend vom Engagement der Mitarbeiter ab, denen daher mein besonderer Dank gilt. Wir haben gemeinsam die aufsichtsrechtlichen und regulatorischen Anforderungen bewältigt, so dass wir wirtschaftlich und strukturell gut aufgestellt sind. Für die Kunden ist es wichtig, dass wir weiterhin eine ganzheitliche und individuelle Beratung bieten, aber auch, dass wir uns als Kreissparkasse für die Förderung von Kultur, sozialen Aktivitäten und Sport einsetzen.

Was wird Ihnen besonders in Erinnerung bleiben?

Dass ich meine Aufgaben mit besonderem Engagement angegangen bin. Ich habe meine Pflicht erfüllt. Das mache ich gerne.