Die tierischen Therapeuten und der kleine Zoo sind die Attraktion in der Kinderklinik Wernigerode. Hund "Imo" und einige Ziegen, Schafe, Kaninchen und Meerschweinchen helfen den Kindern beim Gesundwerden. Finanziert wird die Therapie vom Förderverein der Klinik.

Wernigerode l Der kleine Paul reißt die Tür zum Sprechzimmer von Dr. "Imo" auf. Dieser springt auf, beschnüffelt seinen Patienten und wackelt freudig mit dem Schwanz. Therapiehund "Imo" ist der heimliche Star in der Kinderklinik in Wernigerode. Der Berner Sennenhund-Mischling mit den treuen braunen Augen und den riesigen Pfoten hilft den Kindern seit fast sechs Jahren beim Gesundwerden. Seine tierischen Kollegen sind zwei Schafe, zwei Ziegen, sieben Kaninchen und zehn Meerschweinchen.

"Tiere üben eine heilende Wirkung auf Kranke aus", sagt "Frauchen" und Tiertherapeutin Katrin Liebelt. Es sei wissenschaftlich erwiesen, dass der Kontakt mit Tieren den Blutdruck senkt, Stress reduziert sowie den Körper und Geist entspannt. "Das machen wir uns zu Nutze."

Seit 2001 wird die Tiertherapie in der Kinderklinik angeboten. Chefarzt Dr. Dieter Sontheimer hatte die Idee mitgebracht, wollte neue Wege gehen und begeisterte seine Mitarbeiter dafür. "Wir haben ganz klein mit ein paar Meerschweinchen und Kaninchen angefangen", erinnert sich Katrin Liebelt, die eigentlich als Kinderkrankenschwester arbeitet. "Aber das Ganze sollte Hand und Fuß haben." Ein Hund musste her und wurde in dem tapsigen Welpen "Imo" gefunden. Katrin Liebelt absolvierte ein zweijähriges Fernstudium in Wien, parallel dazu wurde "Imo" zum Therapiehund ausgebildet. Unbedingter Gehorsam sei Grundvoraussetzung, um den Hund in der Klinik einzusetzen. "Nein heißt nein. Das ist wichtig." Gutmütig und kinderlieb müsse er sein. "Die Größe spielt keine Rolle." Einmal jährlich muss "Imo" zur Nachprüfung in Wien. "Hunde können sich ändern. Es ist nicht damit getan, dass er einmal einen Stempel kriegt."

Dass in Wernigerode tierische "Doktoren" praktizieren, hat sich im Harz und auch darüber hinaus herumgesprochen. "Es gibt Patienten, die wollen unbedingt zu uns, weil sie von der Tiertherapie gehört haben." Und nicht nur das. Der Zoo mit dem Freigehege für Ziegen und Schafe hinter dem Haus am Steinbergweg zieht auch viele gesunde Kinder an.

"Den Tieren erzählen die Kinder ihren Frust. Uns würden sie sich nie öffnen."

"Dienstag ist unser Tiertag", sagt Katrin Liebelt. Von ihrer Arbeit als Krankenschwester ist sie dann freigestellt. "Ich informiere mich morgens erst einmal, wo Kinder für mich sind." Je nach Diagnose entscheide sie, mit welchem Tier sie arbeite. "Bei unklaren Bauchschmerzen sind die Kaninchen hilfreich." Die kleinen Patienten kuscheln mit den Tieren, die Wärme wirkt lindernd. Oft seien ihre Probleme hausgemachter Natur - Stress in der Schule oder mit den Eltern zum Beispiel. "Den Tieren erzählen sie von ihrem Frust", sagt Katrin Liebelt. Das habe sie schon oft erlebt. "Uns Schwestern oder den Ärzten würden sie sich nie öffnen." Neulich habe sie ein behindertes Mädchen in ihrem Patientenzimmer besucht. Die Kleine sei mit dem Kaninchen im Arm richtig glücklich gewesen, habe die Wärme und den Herzschlag des Tieres genossen.

Auch hyperaktive Kinder sprechen auf diese Form der Therapie gut an. "Viele denken sicher, solche Kinder würden den Tieren wehtun. Aber so ist es nicht." Sie seien sogar sehr vorsichtig, würden bei der Beschäftigung mit den kleinen Vierbeinern zur Ruhe kommen.

Gegen 15.30 Uhr beginnt die Sprechstunde von "Imo". Seine Patienten werden ambulant von den Kinderärzten überwiesen - wegen Verhaltensauffälligkeiten, Hundephobien und Ähnlichem. Die Kinder besuchen die Therapie über einen längeren Zeitraum, zwischen sechs bis zehn Sitzungen. Bei manchen würde es dauern, bis sie Vertrauen fassen. Aber gerade für Mädchen und Jungen mit Minderwertigkeitskomplexen sei es das Größte, wenn "Imo" ihre Kommandos befolgt. "Das hebt ihr Selbstbewusstsein. Sie merken dabei gar nicht, dass sie behandelt werden", sagt Katrin Liebelt.

Finanziert wird die Tiertherapie vom Förderverein der Kinderklinik. Futter, die Fahrten zu "Imos" Prüfungen, Tierarzt - "der größte Kostenpunkt für uns ist die Pflege des Außengeländes und die der Tiere selbst", informiert Vereinschef André Boks auf Nachfrage. "Glücklicherweise greift uns die Kommunale Beschäftigungsagentur unter die Arme." So werden die Tierpfleger seit Jahren über KoBa-Projekte gefördert.

Dennoch ist der Verein auf weitere Unterstützung und Spenden angewiesen. Mitte des vergangenen Jahres hätten Mitglieder die Tiertherapie sogar in Frage gestellt. "Sie ist uns ein wichtiges Anliegen, aber eben auch sehr teuer. Wir haben überlegt, auf die größeren Tiere zu verzichten", so Boks. Dank einer weiteren KoBa-Förderung konnten diese Pläne verworfen werden. "Die Tiertherapie in der Kinderklinik ist ein besonderes Angebot, einzigartig in Sachsen-Anhalt. Darum sind wir froh, dass wir nun so erfolgreich wie bisher weiterarbeiten können."

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