Der Kulturpreis der Stadt Wernigerode geht in diesem Jahr an Erika Spannuth. Die Wernigeröderin engagiert sich seit Jahrzehnten für die traditionelle Harzer Mundart.

Wernigerode l Abends um halb acht klingelte bei Erika Spannnuth das Telefon. "Unser Oberbürgermeister war dran", erinnert sich die Wernigeröderin im Gespräch mit der Volksstimme. "Falls Ihnen jemand auf der Straße gratuliert, will ich Ihnen erklären, warum", waren die Worte von Peter Gaffert (parteilos). Dass sie den Kulturpreis der Stadt erhält, habe die 81-Jährige sprachlos gemacht. Am heutigen Donnerstag wird die Ehrung um 17Uhr im Festsaal des Wernigeröder Rathauses übergeben.

Dass der Stadtrat geschlossen für Erika Spannuth votierte, ist kein Wunder. Die Wernigeröderin ist ein Urgestein der Mundartszene. Seit 20 Jahren bringt sie Kindern der Francke-Grundschule das Harzer Platt nahe. Für ihre Schützlinge schreibt die frühere Kindergärtnerin fantasievolle Mundart-Geschichten, die sich um die Harzer Natur mit ihrer Pflanzen- und Tierwelt drehen. Da geht es um die "Schnecke langsam", die auf Wanderschaft geht, um den kleinen Marienkäfer, das Mutschekiepchen, dem sein Bruder erklären muss, wie man fliegt, oder um den kleinen Harzbach, der von seiner Geburt berichtet.

"Viele haben mich schon angesprochen und gefragt: Frau Spannuth, wo nehmen Sie das alles her?" Die Antwort: "Es bereitet mir einfach Freude." Die Liebe zur Harzer Landschaft und die Fantasie lassen sie Geschichten erfinden, die auf alltäglichen Begebenheiten fußen. "Wenn ich anfange zu spinnen, dann bin ich voll dabei." 61 Texte hat sie inzwischen aufgeschrieben, die als Broschüre erscheinen könnten - in Mundart und auf Hochdeutsch.

Mit Erika Spannuths Geschichten haben die Kinder der Mundartgruppe zahlreiche Preise bei Lesewettbewerben gewonnen. 15 Landestitel waren es in 19 Jahren. Aus der Arbeit mit den Schulkindern will sie sich aus Altersgründen langsam zurückziehen - auch wenn ihr der Abschied nicht leicht fällt. "Es ist ein sehr schönes Miteinander", sagt sie.

Das Problem: Wer soll die Tradition weiterführen? Als Erika Spannuth begann, sich für die Mundart zu engagieren, gab es zahlreiche Mitstreiter. Die Autorin erinnert sich gern an alte Zeiten - an die Mundart-Programme, mit denen sie über die Dörfer tourte, an Auftritte in Funk und Fernsehen mit den Kindern. Die Zahl der Engagierten sei inzwischen stark zurückgegangen. "Viele Autoren und Mundartsprecher sind bereits verstorben." Sie und Ines Friedrich von den Harzer Kramms seien die einzigen, die in Wernigerode die Tradition vermitteln. "Es hat sehr nachgelassen", bedauert Erika Spannuth, die sich mehr Interesse für die Mundart wünscht.

Ihr wurde die Tradition in die Wiege gelegt. Der Vater stammte aus Wernigerode, die Mutter aus Thüringen. Als Kind war sie oft bei den Großeltern. "Da wurde nur Platt gesprochen." Auch in der Familie ihres Mannes bestimmte die Harzer Mundart das Leben.

Ihre beiden Kinder verstehen zwar alles, wenn Erika Spannuth auf Platt erzählt. "Doch mit dem Sprechen ist es schwierig", sagt die 81-Jährige. Noch schwieriger ist das bei den fünf Enkeln und vier Urenkeln, die teilweise nicht mehr im Harz leben. Dabei kann es handfeste Vorteile haben, Platt zu sprechen, sagt sie. So habe ein ehemaliger Schüler seine Banklehrstelle in Hamburg nur bekommen, weil er Platt kann - der Personalchef dort war Mundart-Liebhaber.