Silstedt. Es ist der 14. "Politische Aschermittwoch" der SPD, und ihr erster in Silstedt.

Im Saal des Hotels "Blocksberg" sind die Stühle rar geworden. Gut 100 Voranmeldungen hat es gegeben, verkündet ein Kreisvorstand mit einem freudigen Lächeln auf den Lippen.

Dann ist es aber im Grunde schon vorbei mit der Fröhlichkeit. Zumindest zeitweise. "Der Countdown läuft" wird in großen weißen Lettern mit rotem Untergrund auf eine Leinwand projektiert. Die Neue Deutsche Welle rollt. "Major Tom" scheppert aus den Lautsprechern. Der heißt jetzt allerdings Jens und wird am 20. März neuer Ministerpräsident sein. Glauben zumindest die Genossen. Ganz fest. Unbeirrt.

Die vier Landtagskandidaten Ronald Brachmann (Blankenburg), Siegfried Siegel (Wernigerode), Gerhard Miester-feldt (Halberstadt) und Andreas Steppuhn (Quedlinburg) sitzen mit in der Runde. Letzterer bekennt: "Ich bin nach wie vor nicht der große Karnevalist." Dem ist wohl kaum zu widersprechen.

"Ich bin nach wie vor nicht der große Karnevalist"

Gut, dass es Karl-Theodor zu Guttenberg gibt. Da lässt sich trefflich draufhauen. Mehr oder weniger gereimt. Kalauer, die lustig sein sollen. Noch mehr kopieren, das geht eigentlich gar nicht.

Dann ist er dran. Willi Polte der Hauptredner. Der Sozialdemokrat hat 1989 die SDP in Magdeburg mitbegründet, als deren erster Bezirksvorsitzender fungiert und ein Jahr später den Sprung in die Volkskammer geschafft. Polte, von 1990 bis 2001 Magdeburgs Oberbürgermeister, und seit 2003 Ehrenbürger der Stadt, zwischen 2004 und 2008 auch Mitglied des Landtages. Eine lange erfolgreiche Karriere. Dessen ist er sich bewusst. Staatsmännisch, beinahe präsidiabel.

Zackige Klänge begleiten seinen Auftritt. "Ich hatte eigentlich den Bayerischen Defiliermarsch bestellt. Ach, das war er ...", wundert sich der 73-Jährige ein wenig.

Für Willi Polte ist der "Politische Aschermittwoch" Neuland. Er gesteht: "Ich kannte das nicht, musste erst mal ins Internet gucken." An dem, was er dort entdeckt hat, muss irgendetwas falsch gewesen sein. Denn es wird keineswegs eine launige Rede zum Beginn der Fastenzeit. Polte betreibt Wahlkampf pur. Dafür hat er die fast 150-jährige Geschichte der Partei in sein Manuskript gepresst. "Die SPD in der Verantwortung - gestern, heute und morgen" heißt das Motto. Der Sozialdemokrat redet den Genossen ins Gewissen. Das Bewusstsein für die eigenen Ziele müssen sie stärker leben. Vielleicht braucht es dafür ein Parteilehrjahr wie damals in der DDR. Das soll sicher ein Scherz sein. Bei ihm klingt es wie eine Drohung.

Willi Polte – das ist sehr viel Vergangenheit. Er schwelgt förmlich in Erinnerungen. "Wer hat das aufzuweisen, keine faulen Kompromisse einzugehen?", fragt er rein rhetorisch. Die Antwort kennt jeder im Saal.

Doch da sind auch Sorgen, die ihn umtreiben. Dass sie noch immer viel zu wenige sind. Und das Politiker "undifferenziert an den Pranger gestellt werden als Kaste, die man eigentlich verachtet". Das bringt dem Mahner Beifall. Polte appeliert an die Medien als vierte Gewalt. Manchmal, sagt er, hat er den Eindruck, in einer Telekratie zu leben.

"Das Land ist in den letzten fünf Jahren vorangekommen"

Der Bundesverdienstkreuzträger weiß noch weit mehr zu erzählen. Auch über potenzielle Regierungspartner. Der CDU bescheinigt er beispielsweise zuweilen eine gewisse Überheblichkeit. Aber: "Das Land ist in den letzten fünf Jahren vorangekommen."

Die geistigen Väter des Abends haben wahrscheinlich den Text von "Major Tom" nicht bis zu Ende gehört. Vor lauter Begeisterung, dass der Countdown endlich läuft. Dann hätten sie gewusst, dass der Kapitän, der bei ihnen Jens heißt, aus seiner Umlaufbahn katapultiert wird. Er verschwindet einfach so in den unendlichen Weiten des Weltalls. Auf Nimmerwiedersehen!

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