In diesem Jahr feiert die Wernigeröder Thomas-Müntzer-Sekundarschule ihr 100-jähriges Bestehen. Seit ihrer feierlichen Einweihung am 24. April 1909 hat die Einrichtung eine wechselvolle Geschichte durchlebt. Harzer Volksstimme hat anlässlich des Jubliläums in der Schulchronik geblättert.

Wernigerode. Acht dicke Aktenordner. Edle dunkelblaue Ledereinbände. – Der Holzschrank im Konferenzraum der Wernigeröder Thomas-M üntzer-Sekundarschule beherbergt einen Schatz. 100 Jahre Schulgeschichte – Fotos, Dokumente, alte Zeitungsbeiträge, unzählige beschriebene und bedruckte Seiten.

" Als ich die Schule 1991 übernommen habe, gab es gerade einmal einen Ordner ", erinnert sich Schulleiter Helfred Hauk. " Chronik konnte man das nicht nennen, eher ein Sammelsurium von Materialien aus DDR-Zeiten. " Die Informationen über die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg seien darin leider nur sehr lückenhaft gewesen. " Die Akten sind wahrscheinlich irgendwann in der Nachkriegszeit verscholen ", vermutet Hauk. Dabei waren gerade die Anfangsjahre der damaligen Mädchen-Volksschule von Veränderungen und den Wirren der Zeit geprägt.

Schon während ihrer Bauphase sorgte die Schule in der Straße Unter den Zindeln für Diskussionsstoff. So sah der erste Entwurf des Stadtbaurats Wilhelm Deistel von 1907 eine Schule im Pavillon-Stil vor, bei dem sich drei Einzelbauten um einen Zentralbau gruppierten. Dieser Baustil galt damals als modern und praktisch, da sich die Räume besser lüften ließen, eine Evakuierung im Notfall schneller möglich gewesen wäre und weil der Bau so architektonisch nicht aus seiner Umgebung herausfallen würde.

Dennoch entschieden sich die Stadtväter für den sogenannten Kasernenstil – wahrscheinlich auch aus Kostengründen. Der Neubau war notwendig, weil die alte Mädchenschule in der Kochstraße bauliche Mängel aufwies und wegen der stetig steigenden Schülerzahlen einfach zu klein geworden war.

Anfang 1908 begannen die Bauarbeiten am insgesamt 364 015 Mark teuren Schulgebäude. Durchschnittlich 120 Bauarbeiter, darunter Maurer, Zimmerleute und Dachdecker, waren täglich auf der Baustelle beschäftigt. Bei den Arbeiten, so heißt es in alten Aufzeichnungen, traten verschiedene Schwierigkeiten auf. Die Witterung war schlecht. Wegen des hohen Grundwasserstandes unter dem Kellerfußboden musste Tag und Nacht gepumpt werden. Außerdem fehlte es an verschiedenen Dingen wie Trägern für die Fenster und Eisenträgern für die Torbogen, heißt es.

Am 24. April 1909 wurde schließlich Eröffnung gefeiert. Die Schule war mit Girlanden geschmückt. Als Ehrengäste waren die Fürstin und der Fürst zu Stolberg-Wernigerode und die Mitglieder des fürstlichen Konsistoriums eingeladen.

" Flammende Worte für die neue Schule "

Eine ehemalige Schülerin erinnert sich : " Nach und nach kamen dann alle Lehrer im Gehrock und Zylinder sowie verschiedene Herren vom Magistrat der Stadt. Zuletzt kam das bekannte fürstliche Gespann und brachte die damalige Fürstin Marie, begleitet vom Oberbürgermeister der Stadt und unserem gefürchteten Rektor Budde. Nachdem draußen die Begrüßung zuende war, überreichte die Fürstin dem Rektor den Schlüssel mit allen guten Worten und viel Erfolg. Nun schloss man auf, und dann ging es ganz gesittet zur Aula hinauf, wo sich alles zu einer kleinen Feier versammelte. Wir größeren Mädchen sangen. Die kleineren trugen einige Gedichte vor. Dann hielt der Oberbürgermeister eine Rede. Danach wandte sich der Rektor mit flammenden Worten an uns, was für eine schöne Schule uns erbaut wurde und wie dankbar wir vor allem dem fürstlichen Hause und der Stadt Wernigerode sein müssten. Mit dem üblichen Schulgesang " Nun danket alle Gott " ging die Feier zu Ende. Wir gingen, ob der vielen Wohltaten, ganz beklommen nach Hause. "

Die örtliche Presse überschlug sich damals fast mit Lobeshymnen für die neue Schule. So heißt es unter anderem :

" Es ist ein modernes Gebäude, und den modernsten Anforderungen der Neuzeit ist bis in den kleinsten Teil Rechnung getragen. Korridor und Treppenhäuser sind nicht nur geräumig, die Klassenzimmer nicht nur hell, luftdicht und gut ventiliert. (…) Das Gebäude ist durch eine reiche Farbengebung besonders schön gestaltet. Es gibt viele Nörgler, die dieses als Luxus verschreien. (…) Selbstverständlich befindet sich auch eine Haushaltsschule ( Küche ) und eine Badeeinrichtung im Gebäude. Der Zeichensaal, der so groß ist, dass er auch für kleinere Schulfeiern benutzt werden kann, ist ein Schmuckstück eigener Art. "

Die Schule war eingerichtet für 18 Klassen ( sechs Klassenstufen ) mit je 60 Schülerinnen, die von 12 Lehrern und drei Lehrerinnen unterrichtet wurden. Im November 1910, so belegen es alte Statistiken, besuchten 911 Mädchen die Einrichtung, 859 davon aus Wernigerode, 45 aus Nöschenrode und sieben vom Schlossbezirk. Der Unterricht begann um 8 Uhr morgens und endete um 12 Uhr. An den Tagen Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag wurde um 14 Uhr nach der Mittagspause weiter gelernt. Nur am Mittwoch war nachmittags schulfrei. Der Stundenplan für einen Tag sah folgendermaßen aus : 1. Stunde Religion, 2. Stunde Lesen, 3. Stunde Geschichte, 4. Stunde Geografie, 5. Stunde Gesangsunterricht.

" Chronik verstaubt nicht – sie lebt "

100 Jahre später beim großen Jubiläumsfest ( wir berichteten ) Unter den Zindeln ist die Geschichte interessanter denn je. Viele Besucher drängen in den Konferenzraum der Müntzer-Schule, blättern in den Chronik-Ordnern, haben Fotos, Zeugnisse und viele Erinnerungen an ihre Schulzeit dabei. Besonders begehrt zur Jubilämsfeier ist die Festschrift mit vielen historischen Daten und Bildern. Verantwortlich dafür ist u. a. Lehrer Wolfgang Härtel, der seit dem Jahr 2000 auch die Schulchronik betreut. " Schon mein Vorgänger, Herr Lautenschläger, hat versucht, das ganze Material zusammenzutragen und aktuelle Veranstaltungen festzuhalten ", sagt der Geschichtslehrer. " Ich habe schließlich versucht, aus der Sicht eines Historikers zu entscheiden, was in eine Chronik gehört und was nicht. " Um die Festschrift zu vervollständigen, recherchierten Härtel und einige seiner Kollegen stundenlang akribisch im Stadtarchiv.

Fakten über Fakten, die er zusammen mit den Erzählungen und Erinnerungen der ehemaligen Schüler auch in der Schulchronik verarbeiten will. " Wir wollen sie in Zukunft bei Tagen der offenen Tür präsentieren und auf Anfrage auch für interessierte Besucher ", sagt der Lehrer. Zudem baue er das Material immer wieder in seinem Geschichts- und Sozialkundeunterricht ein. " Diese Bände verstauben garantiert nicht in unserem Konferenzzimmer ", versichert Wolfgang Härtel. " Die Chronik lebt. "

Übrigens : Wer Wolfgang Härtel Material für die Chronik zur Verfügung stellen möchte, kann sich gern in der Thomas-Müntzer-Schule melden.