Seehausen (Börde) l Für die Alten ist Seehausen kein schlechter Ort zum Leben. Es gibt altersgerechte Wohnungen, eine Uferpromenade rund um den See, und am vergangenen Sonnabend hat der Ampfurter Karnevalsclub mit den Senioren im Saal "Zur Sonne" geschunkelt und gesungen.

Doch was bietet Seehausen den Jungen?

Das ist die Frage, die die Seehäuser an diesem Abend in den Saal treibt; oben an der Galerie hängt noch die Dekoration von der Rentnerfeier, lustige Clowns mit roten Nasen und grotesk bunten Krawatten. Die Seehäuser haben im Dezember erfahren, dass ihre Grundschule bedroht ist. Ortsbürgermeister Eckhard Jockisch ist es seither angst und bange um die Zukunft. "Das hat mich unheimlich getroffen", sagt er mit belegter Stimme vor den Einwohnern, die er zusammengerufen hat.

Die winzige Bördestadt war noch im vergangenen Jahr sicher, dass ihre Grundschule ausreichend Schüler hat. Die Statistik zeigt das für die nächsten Jahre, die Kinder sind ja alle schon geboren. Einen Schwachpunkt jedoch haben die Zahlenreihen: In diesem Sommer kommen voraussichtlich nur 13 Erstklässler zusammen. Und das sind nach einer neuen Verordnung zwei zu wenig (siehe Kasten rechts). Seither fragen sich die Seehäuser, was aus ihrer vor kurzem noch selbständigen Stadt wird. Zwei Supermärkte gibt es, sogar acht Ärzte, zählt der Ortsbürgermeister die Pluspunkte auf. Doch die sind hinfällig ohne eigene Schule, ist er überzeugt. "Wenn man uns die zumacht, sehe ich schwarz für Seehausen."

Es sind Menschen wie Sabine Riedner, die sich plötzlich fragen, ob sie den richtigen Ort zum Leben gewählt haben. Vor elf Jahren ist sie mit ihrem Mann aus Oschersleben hergezogen. "Hier hatten wir doch alles, was wir benötigen", sagt sie. Die beiden Kinder besuchten den Kindergarten, nach der Tochter soll nun auch deren kleiner Bruder in die Schule kommen. Am 6. September ist die Einschulung.

Doch wird es die Grundschule Seehausen dann noch geben?

Mehr als 150 Menschen erwarten heute genau darauf eine Antwort. Sylvia Dammering versucht eine Erklärung. Die Stadt Wanzleben, sagt die Sozialamtsleiterin, habe nunmehr eine Ausnahmegenehmigung beantragt. Entscheiden wolle die Landesschulbehörde dann bis August - im Saal raunt es, als dieses Datum fällt. Am nächsten Tag wird das Kultusministerium eine zügige Bearbeitung zusichern, bis spätesten Ende Juli soll die Entscheidung feststehen.

Sabine Riedner, die sich in die zweite Reihe gesetzt hat, hört mit Fassungslosigkeit, dass die Ungewissheit bis kurz vor die Sommerferien dauern kann. "Wir stehen doch da wie doof", ruft sie empört.

Zum Verfahren gehört auch, dass zwar der Kultusminister die Schülerzahlen vorgibt. Den Beschluss zur Schließung einer zu kleinen Schule muss aber jede Gemeinde oder Stadt selbst fassen. Die Frage ist: Was passiert, wenn eine Stadt nicht mitspielt? Wenn sie die Entscheidung verweigert?

Der eine oder andere im Saal hat das offenbar schon mal durchgespielt. Ein bärtiger junger Mann rät dazu, auf Zeit zu spielen - jetzt zähle jedes überstandene Jahr. "Wir wissen doch gar nicht, was für eine Verordnung in fünf Jahren gilt", argumentiert er und empfiehlt auch juristische Schritte.

Der Unmut, der sich hier im kleinen Seehausen und vielen anderen Orten entlädt, wird in den nächsten Wochen auch die Landespolitiker beschäftigen. Wer will, kann die Konfliktlinien schon an diesem Abend erkennen. Die drei großen Fraktionen im Landtag haben jeweils einen Politiker auf das Podium neben den Ortsbürgermeister entsandt. Gudrun Tiedge von der Linken genießt den Abend sichtlich - ihre Partei hat die Schließungen von Anfang an abgelehnt. Die neuen Verordnungen seien auch keine Reaktion auf sinkende Schülerzahlen, sagt sie. "Es geht um Lehrerstellen, 2000 will die Landesregierung abbauen - und da setzt man eben die Eingangszahlen herauf."

Die Vertreter von CDU und SPD versuchen sich im Spagat. Die Sozialdemokratin Silke Schindler etwa verteidigt die Regelung, dass Seehausen 15 Eingangsschüler zusammenbekommen muss, die Nachbarstadt Oschersleben hingegen nur 13. "Wir zählen zum dicht besiedelten Gebiet, weil wir zum Verdichtungsraum Magdeburg gehören", erklärt sie den verständnislosen Seehäusern und erinnert: "Davon haben wir auch Vorteile, bei uns kann man zum Beispiel bauen." Ihr Kollege Kay Barthel von der CDU schildert die Haushaltslage des Landes, nennt Zahlen zu Sachsen-Anhalts Verschuldung und Steuereinnahmen. "Wir leisten uns, obwohl wir das ärmste Land sind, die meisten Schulen und die meisten Lehrer."

Schindler und Barthel sind indes nicht nur Landespolitiker - ihren Rückhalt ziehen beide auch aus ihren kommunalen Mandaten. Die SPD-Frau etwa sitzt im Stadtrat von Wanzleben, Barthel im benachbarten Sülzetal. Und als Lokalpolitiker wollen beide auch positive Nachrichten verkünden.

Schindler berichtet von einem Telefonat mit ihrem Parteifreund, Kultusminister Stephan Dorgerloh. Wenn Seehausen die Mindestgröße tatsächlich nur einmal unterschreite, habe ihr der Minister versichert, dann werde die Schule die Ausnahmegenehmigung erhalten. "Klare Aussage", sagt Schindler. Auch ihr Kollege Barthel vom Koalitionspartner CDU verspricht, man werde für Seehausen eine Lösung finden. Und dann sagt er einen Satz, der für die weitere Debatte in den nächsten Monaten noch viel schwerwiegender sein könnte. Barthel blickt nach vorn, aufs Jahr 2017 - dann nämlich steigt die Mindestgröße für Grundschulen nach Dorgerlohs Plänen auf 80 Schüler. "Darüber muss man noch einmal reden", sagt der Finanzpolitiker. Er persönlich, lässt er durchblicken, hält die Zahl 60 für eine plausible Größe. "Man muss aufpassen, dass man da 2017 nicht in die Falle tappt."

Was er nicht sagt: Seine eigene Heimatgemeinde Sülzetal steckt dann nämlich mittendrin. Eine von drei Schulen dort ist schon 2017 zu klein, die anderen sind einige Jahre später gefährdet.

Kommunalpolitiker im ganzen Land stecken in diesem Dilemma. Selbst wenn sie die Notwendigkeit sehen, das Schulnetz auszudünnen und Kosten zu sparen: Schon bald sind wieder Wahlen. Es ist ein parteiloses Stadtratsmitglied, das am Ende alle daran erinnert. "Am 25. Mai sind Kommunalwahlen", schärft Horst Flügel den Besuchern ein. "Da sollten alle vorher drüber nachdenken, wer unsere Interessen vertritt."

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