Stendal l Die Lesung des Autors Roman Grafe in einer Stendaler Schule und die Bemerkung einer Lehrerin ("Wenn man sich in Diktaturen an die Regeln hält, passiert einem nichts.") hat bundesweit für Rauschen im Blätterwald gesorgt und in Sachsen-Anhalt eine heftige Diskussion über die DDR entfacht. Das untergegangene Land, das Leben damals und der heutige Blick darauf bewegen die Menschen nach wie vor - unterschiedlichste Meinungen prallen aufeinander.

Das Theater der Altmark und die Volksstimme laden deshalb am 22. März zu einer Podiumsdiskussion ein. Unter dem Titel "Zur Anpassung keine Alternative?" soll die Debatte aufgegriffen und breiter gestreut werden. Das Thema passt außerdem nahtlos ins Spielzeitmotto "Heimat" des Theaters der Altmark. Folgende Gäste werden mit den Moderatoren Marc Rath (Volksstimme) und Claudia Klupsch (Theater der Altmark) auf dem Podium Platz nehmen:

Birgit Neumann-Becker, die Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, kann die DDR-Zeit aus der Perspektive der Diktatur-Opfer einschätzen.

Prof. Ulrich Nellessen, Ärztlicher Direktor des Johanniter-Krankenhauses Stendal und 1995 in die Region gekommen, blickt mit der Außensicht eines gebürtigen Westdeutschen auf die DDR-Diskussion.

Tilman Tögel (SPD), Landtagsabgeordneter aus Stendal, startete in der Umbruchphase der Wende in die Politik und erlebte so den Systemwechsel hautnah. Thomas Lippmann, Landesvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, kennt die Situation der Lehrer vor und nach dem Ende der DDR.

Eine Stunde lang wollen die Moderatoren ein Gespräch mit den Podiumsgästen führen, eine Stunde Zeit ist für die Debatte mit dem Publikum eingeplant. Im Anschluss zeigt das Theater das Schauspiel "In Zeiten des abnehmenden Lichts" von Eugen Ruge, die Geschichte einer ostdeutschen Familie.

Mit Zitaten aus Leserbriefen, die in Volksstimme und "Zeit" erschienen sind, wollen die Moderatoren durch die Veranstaltung führen und die Diskussion anregen. Einige Beispiele:

"Wir waren adaptiert, haben das System aber früh durchschaut und verachten gelernt."

"Die DDR mit der faschistoiden Diktatur auf gleiche Stufe zu stellen, zwingt zum Widerspruch. Millionen Menschen haben in diesem Staat eine gute persönliche Entwicklung genommen und die gesellschaftlichen Vorteile genutzt."

"Es ist unglaublich, wie einige Leute vergessen können. Das Schulsystem in der DDR war besser? Hat man vergessen, wie es wirklich war? Wehrkundeunterricht, Gehirnwäsche in Staatskundeunterricht inklusive Redeverbot, keine Chance auf Abitur, es sei denn, man wird Offizier ..."

"Was ich nicht begreife: Wieso kann man heute vor den Erkenntnissen über das System des real existierenden Sozialismus die Augen verschließen, statt zu sagen: Wie wir es damals gesehen haben - das war falsch. Deshalb muss keiner sein damaliges Leben durchstreichen."

"Natürlich lässt sich die DDR-Geschichte nicht einfach abhaken, was an Unrecht geschah, nicht vergessen machen. 25 Jahre Mauerfall in diesem Jahr und 25 Jahre deutsche Einheit im kommenden sollten indes Anlass sein, den Blick nach vorn zu richten, um zu vollenden, was nicht vollendet ist."

"Steine aufeinander zu werfen, hilft uns nicht weiter. Der selbstgerechte Blick auf 40 Jahre DDR verstellt uns die Wirklichkeit. Jedenfalls hat die Mehrheit meiner ostdeutschen Landsleute eine respektable Lebensleistung hinterlassen."

"Eine Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit kann nur durch die Millionen Bürger erfolgen, die in der damaligen DDR gelebt haben. Dabei ist es wichtig, das Erleben der Opfer zu schildern wie auch das Leben des "normalen DDR-Bürgers".

"Sagt und zeigt es den Kindern und Jugendlichen, was sie erwartet hätte, wenn diese DDR noch existieren würde."

Podiumsdiskussion "Zur Anpassung keine Alternative?" am 22. März ab 17 Uhr im Theater der Altmark in Stendal - Eintritt frei, Anmeldungen erbeten bei der Theaterkasse unter Tel. (0 39 31) 63 57 77.

   

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