Dienstag geht´s los
40 Länder treten beim 60. Eurovision Song Contest in Wien an.

Die Halbfinale werden am 19. und am 21. Mai ausgetragen. Sie werden ab 21 Uhr u.a. auf Phoenix und auf eurovision.de gezeigt.

Finale ist am 23. Mai. Dort treten die besten 20 Teilnehmer aus den Halbfinals sowie Österreich, Australien und die fünf großen Geldgeber des ESC (darunter Deutschland) an.

Das Finale wird ab 21 Uhr im Ersten, auf EinsFestival und auf eurovision.de übertragen.

Die Musikvideos der Künstler finden Sie unter www.eurovision.de/videos/index.html

Berlin l Wer hat beim Eurovision Song Contest diesmal die Nase vorn? Die schönen Tenöre aus Bella Italia, Finnlands Punkrocker oder gar unsere Ann Sophie? Die Volksstimme fragt eine, die vergangenes Jahr mitgemacht hat: Altmärkerin Yvonne Grünwald von Elaiza. Vor den Halbfinals hat sie in einige Songs reingehört.

Durch Yvonnes Kopfhörer - Kaliber Ohrenschützer - dringt nach außen nur der Schimmer einer Frauenröhre. Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, klingt die ganz passabel. Entspannt greift die Akkordeonistin ihr Glas und nippt am Grapefruit-Saft. Plötzlich reißt sie die Augen weit auf. Nanu, war etwa der Saft zu bitter? Nein, es lag eher am Lied: "Was ist das denn für Techno-Gedöns?!" Gut, das hätten wir geklärt: Der ESC-Beitrag aus Serbien fällt bei Yvonne Grünwald durch. Nichts gegen Bojana Stamenov, schließlich kommt sie nicht nur körperlich, sondern vor allem stimmlich gewaltig daher. Doch das Synthesizer-Bumbum ab der Hälfte des Songs ist so gar nicht Yvonnes Fall.

"Das Lied aus Portugal ist zwar ganz schön - aber es klingt wie jeder andere Popsong."

Vor einem Jahr stand die gebürtige Arendseerin beim Eurovision Song Contest selbst auf der Bühne. Sie und die zwei anderen Mädels von Elaiza hatten mit ihrem Folk-Pop-Song "Is It Right" überraschend den Vorausscheid gewonnen und durften so in Kopenhagen starten. Dass ihnen dort geschätzt 125 Millionen Menschen zusahen, hat sie erst vor kurzem realisiert, erzählt die 31-Jährige, als sie zwischen zwei Liedern ihre Kopfhörer absetzt. "Damals habe ich mich gefühlt wie in einer Blase. Wenn ich jetzt den Mitschnitt sehe, denke ich: Was hast du da eigentlich gemacht?"

Heute jedenfalls hat sie es sich gemütlich gemacht. Zum Songcheck für die Volksstimme lümmelt sie auf einer Lederbank im Moppete im Prenzlauer Berg, dem Lieblingscafé der Berliner Band.

Der Irritationsmoment beim Beitrag aus Serbien bleibt an diesem Nachmittag der einzige. Ihr Gesicht verzieht Yvonne Grünwald trotzdem noch ein paarmal. Zum Beispiel, als sie das Lied hört, mit dem Portugal in Wien startet - Pop-Rock von Casting-Sternchen Leonor Andrade. "Das Lied ist zwar ganz schön - aber der Wiedererkennungswert fehlt. Es klingt wie jeder andere Popsong." Keine gute Voraussetzung, findet sie. Hat man doch nur die drei Minuten auf der Bühne, um seinen Song in möglichst vielen Köpfen festzusetzen. Mit ihrem Eindruck ist sie nicht allein. Bei den Buchmachern steht das Lied auf dem letzten Platz.

Am Beitrag aus Finnland hingegen scheiden sich die Geister. Er ist ja auch der außergewöhnlichste in diesem Jahr. "Aina mun pitää" heißt der Song, zu Deutsch: "Ich muss immer." Nicht nur, dass er es mit 1 Minute 40 zum kürzesten in der Geschichte des Musikwettbewerbs geschafft hat. Besonders sind in erster Linie die Musiker: Drei haben das Down-Syndrom, einer ist Autist. Und dann spielen sie auch noch Punkrock. In den Wettprognosen rangiert das Lied auf Platz fünf. Yvonne Grünwald allerdings sieht es weiter hinten. "Aus Musikersicht finde ich es nicht so gut. Es hat nur wenige Harmonien", sagt die studierte Akkordeonistin. Allerdings: "Auch das Statement zählt, und das ist toll: Leute, die anders sind, machen Musik beim ESC."

"Die Österreicher haben gute Chancen. Der Sänger ist überzeugend, der Song interessant."

Beim Spitzenreiter in den Wettbüros herrscht dann wieder Einigkeit. Gemeint ist "Heroes" von Schweden-Schnuckel Måns Zelmerlöw. Die Elektropop-Nummer à la David Guetta gehört auch zu Yvonnes Favoriten, da ist sie sich schon vorm ersten Refrain sicher. Der Beweis folgt auf dem rechten Fuße, denn der wippt gleich mit. "Das Lied geht sofort ins Ohr, ich kann es mir gut im Radio vorstellen."

Mit dem Beitrag, der am zweithäufigsten als Sieger-Song gehandelt wird, kann sich die Altmärkerin auch anfreunden: "Grande Amore" von Il Volo, einer Art Tenor-Boygroup. "An sich finde ich die Mischung aus Pop und Oper schwierig. Aber für einen ESC-Beitrag aus dem Land der Oper ist es eine coole Idee."

Viel mehr begeistert Yvonne aber die Band, die dank des Vorjahres-Siegs von dem oder der Conchita Wurst nun in Wien ein Heimspiel hat: The Makemakes. Sie schicken ihre Rockballade "I Am Yours" ins Rennen. "Die Österreicher haben gute Chancen auf den Sieg", tippt sie. "Der Sänger überzeugt mit seiner stimmlichen Bandbreite, und der Song hat eine interessante Harmonik."

Auch Australien rechnet sie Chancen aus. Für das Land an den Start geht Guy Sebastian mit dem Popsong "Tonight Again". Bei ihm stimmt die Mischung, findet die Musikerin: "Das Lied, die Ausstrahlung und die Performance sind gut. Außerdem sind die Australier zum ersten Mal dabei - das bringt vielleicht einen Sympathie-Bonus."

So, und jetzt bitte noch mal die Kopfhörer ab und Hand aufs Herz: Wer wird das Rennen machen? Yvonne runzelt die Stirn. "Puh, das ist schwer zu sagen. Aber irgendwie habe ich im Gefühl, dass es dieses Jahr ein Mann wird." Und was wird dann aus unserer Ann Sophie und ihrem souligen "Black Smoke"? "Ich glaube, sie wird im Mittelfeld landen", sagt Yvonne. "Ihr Auftritt wird auf jeden Fall gut, mit ihrer Musical-Erfahrung macht sie das super. Aber ich fand das andere Lied aus dem Vorentscheid besser." Lied hin oder her: "Ich drücke ihr jedenfalls wahnsinnig die Daumen!"

Ein Platz im Mittelfeld, sagt die Musikerin, fühlt sich übrigens gar nicht schlimm an. Sie muss es wissen: Schließlich landeten Elaiza letztes Jahr auf Platz 18 von 26. "Bei unseren Konzerten sind die Leute nach wie vor total enthusiastisch", erzählt Yvonne gelassen.

Auch, was die Aufregung wegen der abermillionen Zuschauer vor den Fernsehern angeht, kann sie Ann Sophie beruhigen. Denn die ESC-Veteranin weiß etwas, das Außenstehenden verborgen bleibt: "Vor dem Finale im Fernsehen hatten wir die komplette Show schon dreimal durchgespielt."