Lesetipps

"Magdeburger Sagen", herausgegeben von Axel
Kühling, Magdeburg. 2001.

"Sagen und Legenden der Stadt Magdeburg und Umgebung" von W.A. Reissig, 1817

"Caritas: Otto und Editha. Erzählung aus dem zehnten Jahrhundert" Erscheinungsjahr 1887 in Halle (Fricke
Verlag). Das Buch ist als Kopie einsehbar in der Stadtbibliothek Magdeburg. Im Internet sind viele Informationen gebündelt auf der Webseite: www.koenigin-editha.de von Hans Dieter Müller aus Bruchsal. Der Autor informiert ausführlich auch zur aktuellen Berichterstattung rund um das Ausgrabungsgeschehen.

Braut, Königin, Geliebte, durch Jahrhunderte verehrt wie eine Heilige. Editha (910-946), Frau von König Otto dem Großen, ist untrennbar mit der Geschichte von Magdeburg und Sachsen-Anhalt verbunden. Die Volksstimme geht in einer großen Serie auf Spurensuche.

Teil 7: Editha – die Königin der Herzen.

Magdeburg im März 2009: Stadtführung Editha. Es regnet. Angestrengt versucht eine Menschengruppe am Breiten Weg einen Blick auf Editha zu erwischen. Die Stadtpatronin ist an der Fassade des ehemaligen Postgebäudes aus dem Jahr 1900 verankert und blickt, an ihrer Seite ihr Gemahl Otto, von dort Richtung Dom und Hundertwasserhaus. Heute ist dort der Sitz des Justizzentrums. Als Symbolfiguren sind Editha und Otto dort allemal am rechten Fleck. Was hat die Königin Editha eigentlich den ganzen Tag über getan? Wie sah ihr Tag aus? Professor Caspar Ehlers, im Editha-Team des Landesarchäologen Harald Meller für die Historie zuständig, lacht laut auf: "Ja, wenn wir das so genau wüssten." Das sei zum Großteil nicht einmal bei ihrem prominenteren Ehemann Otto klar. Ein Blick in die Legenden: Seit Otto und Editha Magdeburg zum wichtigsten Regierungssitz im Reich erklärt haben, ist die Innenstadt eine einzige Baustelle. Als die Königin sich über den neuesten Stand der geplanten Konstruktionen informieren will, kommt sie auf Höhe des heutigen Alleecenters Richtung Kloster Unser Lieben Frauen an einem Garten vorbei. Dort ist ein kleines blondes Mädchen eifrig damit beschäftigt, die ersten Maiglöckchen der Saison zu pflücken.

"Bewahr diesen Ring gut auf, er soll dir Glück bringen"
Obwohl in Amtsgeschäften unterwegs, nimmt sich die Königin einen Augenblick Zeit und ruft dem Kind einen Gruß zu. Das Mädchen rennt mit seinem duftenden Strauß zu Editha und drückt ihn der hohen Frau mit einem Knicks in die Hand. Die Königin will die Gabe nicht unerwidert lassen, überlegt einen Moment und schenkt dem blonden Kind einen ihrer Ringe: "Bewahr diesen Ring gut auf, er soll dir Glück bringen. Und wenn du einmal in Not geraten solltest, so darfst du mit dem Ring zu mir kommen." Einige Jahre später, aus dem Mädchen ist eine attraktive junge Frau geworden, gerät die Familie unverschuldet in Not: Der Vater, ein Weber, wird krank. Das Einkommen fehlt, ein soziales Netz gibt es nicht, die Gläubiger wollen die Familie vor die Tür setzen. Als letztes Mittel nimmt die junge Frau den Ring und geht zum Königspalast. Dort öffnet der Ring der Editha ihr sofort alle Türen. Die Königin erinnert sich an das Kind mit dem Maiglöckchenstrauß. Sie freut sich über das Wiedersehen, bezahlt die Schulden, beschenkt die Familie reich. Nach überstandener Krankheit baut der Vater in der Großen Junkerstraße 13 in Magdeburg ein neues Haus und lässt dort eine Tafel anbringen: Maiblume.

Die in Magdeburg überlieferten Geschichten um Editha drehen sich allesamt um das besondere soziale Engagement der Königin, die, obwohl aus einem fremden Land stammend, offenbar schnell Kontakt zur hiesigen Bevölkerung gefunden hat und zu einer veritablen Königin der Herzen wird. "Von reiner und edler Stirn, anmutigem Wesen und wahrhaft königlicher Gestalt", beschreibt die Kanonisse Hrotsvit von Gandersheim die erste Frau Ottos. "Editha gewann sich mit ihrem natürlichen Wesen und ihrer aufrichtigen Gesinnung bald das Vertrauen und die Zuneigung nicht nur ihres Gatten, sondern auch des Volkes, das die Ausländerin wie eine Heilige verehrte."

Mit viel Liebe zum Detail geben die Magdeburger Editha-Legenden Auskunft darüber, wie einfache Menschen wie die Weberstochter es wagen durften, sich an die Königin zu wenden, wie sie stets von ihr gehört und unterstützt wurden. Kein Wunder, dass die Menschen, vor allem wohl in Magdeburg, sie ins Herz geschlossen haben: "Es gab im Volk nur eine Stimme, sie sei die beste von allen Frauen", merkt Hrotsvit an. Editha ist eine Königin zum Anfassen. Das wird immer wieder betont. Auffällig ist das umso mehr, als das Mittelalter eine Gesellschaft mit hohem Bewusstsein für Rang- und Standesunterschiede ist, in der der Umgang miteinander einem strengen Reglement unterliegt. Berichtet wird in den Legenden von einer regelrechten Sprechstunde der Königin: Täglich soll sie an einem Treppenabsatz des von ihr bewohnten rechten Flügels der Königspfalz für jedermann ansprechbar gewesen sein.

Und das offenbar ganz ohne den sonst üblichen Wach- und Personenschutz: "Jedermann durfte frei sprechen, dies war bekannt, Editha war bei den Magdeburgern heimisch und frei von jeder Furcht", heißt es in der Beschreibung eines Gemäldes aus dem historisierenden 19. Jahrhundert, das "Editha, die Wohltäterin" zeigt. "Gütig" sei sie gewesen und gefragt: "Sie wies die Leute nicht ab, im Gegenteil, stets hatte sie ein offenes Ohr für die Nöte und versuchte zu helfen, soweit sie es vermochte." Deshalb bezeichnet man sie auch später noch als "den beglückenden Engel Magdeburgs", als "allgeliebte Editha". So heißt es in den 1817 herausgegebenen Sagen und Legenden der Stadt Magdeburg und Umgebung. Gewiss, das sind Legenden. Der Versuch, die aus einer heiligen Familie stammende Königin selbst mit dem Nimbus der Heiligkeit zu umgeben, sie sakral zu überhöhen. Von Wundern wird später auch an ihrem Grab berichtet.

Mit der Heiligsprechung durch die katholische Kirche hat es bei Editha im Gegensatz zu Adelheid und Mathilde allerdings nie geklappt. Das protestantische Magdeburg hat seit der Reformation darauf dann ohnehin keinen Wert mehr gelegt. Einerseits geben die Legenden natürlich vor allem Aufschluss über gesellschaftliche Werte und ethischen Vorstellungen der Zeit, in der sie entstanden sind. Erstaunlich sind aber Übereinstimmungen mit den jüngsten Bildern, die die Historiker von der Rolle der Königin entwerfen. Zumindest in der Kernaussage. Dabei ist viel die Rede von der "kommunikativen Funktion" der Frau an des Königs Seite. So benennt der Bayreuther Professor Ludger Körntgen das Phänomen. Körngen hat bereit bei den ersten Otto-Ausstellungen in Magdeburg mitgearbeitet. Politik im 10. Jahrhundert erfordert die ständige Präsenz des Königs. Er regiert vom Sattel aus, ist ständig unterwegs von Pfalz zu Pfalz, ein Reisekönig eben. "Politik ist damals vor allem Kommunikation", sagt Körntgen. Die Gesellschaft wird weniger von festen Strukturen und Institutionen bestimmt wie es heute der Fall ist. Einzelne Personen prägen das Gesicht der Politik. "Personenverbundstaat" ist ein Fachbegriff dafür. Der Kreis der gesellschaftlichen Akteure ist beschränkt, "im gesamten ostfränkischen Reich vielleicht im Kern eine Gruppe von rund 200 Menschen", erklärt der Historiker Körntgen.

Da zählt die Persönlichkeit des Einzelnen. "Umso mehr die der Königin." Ihre Domäne ist die Kommunikation. Vor 1000 Jahren bedeutet das mehr als heute PR oder Marketing. Das Spinnen von Netzwerken ist, auch wenn es den Begriff damals noch nicht gab, eine entscheidende Größe für den politischen Erfolg. Im Extremfall kann es dabei um Leben und Tod gehen. Der König ist darauf angewiesen, ständig in Kontakt mit möglichst vielen Entscheidungsträgern zu sein. Nur so kann er seine Macht sichern. "Die Königin verdoppelt die Ansprechbarkeit, Erreichbarkeit, Erfahrbarkeit des Königs", erklärt Ludger Körntgen: Sie ist die wichtigste Kontaktperson für jeden, der etwas von ihm will. Mehr als das: Für die Menschen ihrer Zeit ist sie vor allen anderen (Angehörigen der königlichen Familie, Erzbischöfen, Beratern) überhaupt die Tür zum König. Schließlich kann man den König nicht "einfach so" ansprechen. In einer Zeit mit einem tiefen Sinn für Rituale und Rangunterschiede ist das nicht möglich. Ein Gespräch mit dem König ist etwas Exklusives und die zugrundegelegte Dramaturgie folgt strengen Regeln. "Hat man hingegen die Königin auf seiner Seite, hat man schon fast den König selbst und setzt doch noch nicht alles aufs Spiel", so Körntgen "Die Stimme der Königin wurde nicht nur gehört, ihre Einflussnahme eigens betont, und sogar hervorgehoben, dass nicht zuletzt ihr Plädoyer für den Ausgang einer Angelegenheit ausschlaggebend war", schreibt dazu Professorin Amalie Fößel von der Universität Essen-Duisburg, Expertin für mittelalterliche Königinnen.

Eine von Edithas Hauptaufgaben wird es gewesen sein, Anliegen, die von geistlichen und weltlichen Würdenträgern an sie herangetragen wurden, zu sondieren und zu filtern. Das hauptsächliche Klientel ihrer politischen Arbeit ist die Prominenz. So die Annahmen aus heutiger Forschungssicht. Als Quellen existieren dazu Urkunden, die die Intervention von Editha nachweisen. Für die komplizierten und höchst heiklen Missionen, die Editha im knirschenden ottonischen Machtgefüge abverlangt werden, ist der Ausgleich im Konflikt zwischen Otto und seiner Mutter Mathilde nur ein Beispiel. "Königin Editha versöhnt ihren Gemahl mit seiner Mutter Mathilde", berichten Überlieferungen zum Leben von Edithas Schwiegermutter, die später heilig gesprochen wird.

Gerade in den turbulenten Anfangsjahren der Amtsführung Ottos mit ständig wechselnden Bedrohungen aus dem nächsten familiären Umfeld ist Vermittlung in jeglicher Hinsicht bitter nötig. Im Gegensatz zu seinem Vater Heinrich stellt Otto machtpolitisch die Weichen neu, setzt eigene Akzente bei der Verleihung von Ämtern und Würden. Eine neue Ordnung, die sich schlussendlich durchsetzt, gegen die sich zunächst heftiger Widerstand regt. In den ersten Jahren Ottos kommen Königsfamilie und Reich kaum zur Ruhe. "Die Menschen des 10. Jahrhunderts im Umfeld der Macht waren für Verschiebungen in dem fein austarierten Gefüge der Machtpositionen um König und Königin herum äußerst sensibel", sagt Mittelalterexperte Ludger Körntgen. Otto zeigt sich als äußerst konfliktfreudig. Für die Königin wird die Aufgabe nicht leicht gewesen sein, in dieser Gemengelage, den Part des Ausbalancierens der Ungleichgewichte zu übernehmen. Es geht in diesen Jahren um Konsolidierung. Trägt auch Ottos kluge und weitsichtige Heiratspolitik, mit der er sich Stück für Stück neue tragfähige Netzwerke schafft, Edithas Handschrift? Denkbar ist das. Weil sie vor Ort keine eigene familiäre Hausmacht hat, ist Editha vor allem auf sich gestellt. Vielleicht hat sie sich deshalb so eng an Magdeburg gebunden.

Noch heftiger als mit der Mutter verlaufen die Machtkämpfe zwischen Otto und seinem Bruder Heinrich. Sie gipfeln in offener Verschwörung des jüngeren Bruders gegen den König. Ein Mordversuch, geplant für Ostern 942 in Quedlinburg, fliegt auf. Heinrich kann entkommen, hat aber nach damaligen Maßstäben keine Perspektive. Vor das Angesicht des Herrschers kann er sich nicht wagen. Der König müsste ihn gefangen nehmen lassen, Bruder hin oder her. Die einzige Chance: Eine Petition an Editha, Heinrich muss in der Königin eine Fürsprecherin fi nden. Ausgerechnet. Schließlich kann Editha das versuchte Attentat auf ihren Mann ebenfalls kaum kaltgelassen haben. "Heinrich kannte ihren Einfluss auf das Herz ihres Gemahls, wusste, dass er derselben nie eine Bitte versagte, weil er stets von der Reinheit ihrer Absicht dabei, sowie von dem ihr geprüften Inhalt solcher Bitten überzeugt war", heißt es in einer Beilage zu den Sagen und Legenden der Stadt Magdeburg aus dem 19. Jahrhundert.

"Editha hat die Strenge von Otto stets abgemildert"
Dort wird die Szenerie beschrieben, die in einem Gemälde festgehalten ist: Heinrich nähert sich Editha zunächst als Bettler, wirft sich ihr vor die Füße, gibt sich dann zu erkennen und bittet sie, sich bei Otto für ihn zu verwenden. Zunächst wehrt sie ab. Das ist zuviel verlangt. Schließlich kann sie nicht ablehnen. Die gewagte Mediation gelingt: Editha wird zur Anwältin des Attentäters, schafft es, bei Otto Verzeihung zu erwirken. Gab es in ihrem Inneren einen Widerstreit zwischen persönlichen Gefühlen und überpersönlicher Anforderung? Wie hat sie den bewältigt? Sich selbst gegenüber erbittertsten Gegnern und Feinden großzügig zu zeigen, ist Teil der im Mittelalter gültigen Spielregeln.

"Editha hat Ottos Strenge stets abgemildert", sagt die Historikerin Gerlinde Schlenker. Das entsprach den Erwartungen, die man an die Königin hatte. Das Wirkungsgefüge im 10. Jahrhundert unterscheidet sich von unseren Denk- und Machtstrukturen. König und Königin sind zwei Komponenten der Macht. Herrschaft wird geteilt, nicht getrennt. Das bedeutet, der Schlüsselbegriff "consors regni", Teilhaberin des Königtums, im Grunde. Bei der Königinkrönung ist das Versprechen, die königliche Macht zu teilen, die Kernbotschaft. Deshalb lässt sich die Königin nicht auf ein "Frauenressort" reduzieren. Ihre Autorität ist umfassend, wenn auch gebunden an den Ehemann und König oder auch: den Thronfolger. Das Konzept: Mann und Frau an der Spitze des Reichs, überhöht als Repräsentanten göttlicher Ordnung. Das mittelalterliche Königspaar tritt in gleicher Weise als Ehewie Herrscherpaar auf. Im besten Fall ergibt sich daraus eine Balance. "Es ist in der Praxis immer abhängig von der Persönlichkeit der Königin, was sie aus dem consortium macht", sagt Ludger Körntgen.

Praktisch mischt die Königin bei der Personalpolitik mit, bei der Lehensvergabe, zum Teil sogar der Gerichtsbarkeit. Wie Adelheid später wird auch Editha ein eigenes Beratungsteam gehabt haben. Wie sie vor der Krönung in Magdeburg in die Planungen etwa zu Kloster oder Regierungssitz eingebunden war, ist sie jetzt in der Verwaltung des Reichs eine maßgebliche Größe. Später gibt es Königinnen, die in eigener Mission, nicht an der Seite des Königs, sondern allein reisen. Das ist für Editha nur einmal nachzuweisen. 939 lässt Otto sie ins Kloster Lorsch in Sicherheit bringen, als er in den Krieg zieht. Ob Editha allein im Reich unterwegs ist, wissen wir nicht. Den Magdeburgern ist ihre Königin ans Herz gewachsen, weil sie sich nicht als Herrscherin gebärdete sondern als fürsorgende Landesmutter. Die Erinnerung an Editha wurde auch in den geschichtlich interessierten Familien gepflegt – auch zu DDR-Zeiten. Manche Eltern nannten ihre Tochter Editha und sorgten so dafür, dass Editha weiterlebt. Eine solche Frau hat auch die Internetseite zu Königin Editha (Infokasten) inspiriert. Deren Urheber, Hans-Dieter Müller, gebürtiger Berliner, lebt in Bruchsal (Baden-Württemberg). Doch die Familie seiner Frau Editha stammt aus Magdeburg und Umgebung. Mit seiner Frau hat Müller Editha bis nach Süddeutschland getragen – und über das Internet noch weiter.

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