Salzwedel/Magdeburg l Wenn der 1. FC Magdeburg am Sonnabend im Landespokal beim Landesklassisten SV Liesten antritt, steht Michel Niemeyer im Fokus. Und das, obwohl der gebürtige Salzwedeler nahe dem altmärkischen Heimatort wohl nicht auflaufen kann. Momentan macht Niemeyer eine leichte Knieverletzung zu schaffen. Es ist das rechte Knie, das schon in der vergangenen Saison Probleme bereitete. Wegen eines Meniskuseinrisses verpasste er die gesamte Hinrunde. Im Winter startete Niemeyer aber wieder durch und ist in dieser Saison mit drei Toren und zwei Vorlagen hinter Philip Türpitz bisher der überragende FCM-Spieler der Saison.

Der 21-Jährige hofft darauf, in den kommenden Tagen wieder ins Training einsteigen zu können. „Ich habe meinen Körper durch die Verletzungen viel besser kennengelernt und kann deshalb damit auch besser umgehen“, sagt der 1,78 Meter große Mittelfeldspieler, der einer der wenigen Lokalmatadoren im FCM-Kader ist.

Gänsehaut und Tränen

Der Moment, wenn er in die MDCC-Arena einläuft und zuvor sein Name häufig von mehr als 18.000 Fans skandiert wird, sorgt bei Mutter Ines immer noch für Gänsehaut. „Es ist etwas ganz Besonderes, wenn das Spiel beginnt. Mein Mann Toralf hat immer mal wieder Tränen der Freude und des Stolzes in den Augen“, sagt Ines Niemeyer, die bei fast jedem FCM-Heimspiel im Stadion dabei ist. Gerade in den ersten Jahren hat sie alles, was sie über ihren Sohn in die Finger bekommen hat, gesammelt und bewahrt die alten Artikel in einem Ordner auf.

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Beide Eltern haben bei der Erziehung Wert darauf gelegt, dass Michel bodenständig bleibt und sich seiner Wurzeln bewusst ist. Im altmärkischen Salzwedel geboren, zieht es ihn deshalb auch immer wieder zurück in den Heimatort. Die Besuche sind zuletzt allerdings seltener geworden. „Ich bin viel unterwegs, spiele am Wochenende und habe in Magdeburg auch mein eigenes Leben“, betont er. Wenn er es aber mal nach Hause schafft, geht ihm das Herz auf. Dann trifft Michel Niemeyer auch gelegentlich auf Paul Benecke, seinen besten Freund aus Kindertagen. Benecke ist 23 Jahre alt, beide lernten sich in der Jugendmannschaft des SV Eintracht Salzwedel kennen. „Das hat ein bisschen gedauert, weil ich eineinhalb Jahre älter bin als Michel. Er war deutlich kleiner als seine Mitspieler. Dass er Talent hat, deutete sich aber schon früh an“, sagt Benecke.

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Michel Niemeyer begann im Alter von sieben Jahren mit dem Fußball. In der F- und der D-Jugend rückte er jeweils eine Mannschaft höher und traf somit auf Paul, mit dem er auch neben dem Platz viel Zeit verbrachte. „Wir haben uns in jeder freien Minute mit Sport beschäftigt. Pauls Eltern haben einen großen Garten, in dem wir Fußball, aber auch andere Sachen gespielt haben. Paul war extrem sportverrückt“, sagt Niemeyer und lacht. Neben Hockey und Basketball spielten beide unter anderem Tennis. „Paul und Michel waren ständig unterwegs und hatten auch mal Flausen im Kopf“, sagt Mutter Ines. Wirklich etwas zuschulden ließen sie sich aber nicht kommen, es waren eher Streiche wie das Verstecken von Gartenzwergen, durch die beide in der Nachbarschaft Aufsehen erregten.

Trainer wird "Löwe" genannt

Für Disziplin sorgte unterdessen Trainer Klaus Hilgenfeld, der von vielen bei Eintracht Salzwedel ehrfürchtig „Löwe“ genannt wurde. Dieser Spitzname bezog sich weniger auf die Haarpracht, sondern eher auf sein lautes Organ. „Manche haben den Trainer nicht gemocht, weil er streng war. Ich fand ihn dagegen gut, weil er mir die Chance gab, mich als Jüngerer immer wieder in den höheren Jahrgängen zu beweisen“, sagt Niemeyer. „Dafür bin ich ihm heute noch sehr dankbar.“

Solche Worte hört „Löwe“ natürlich gerne. Der 73-Jährige genießt mittlerweile seinen Ruhestand, hat sein Haus aber immer noch direkt hinter dem Eintracht-Sportplatz. Extra dafür wurde hinter dem Tor zum Schutz ein Netz angebracht. „Es hätte sich aber sowieso niemand getraut, einen Ball in den Garten oder gar gegen die Scheibe des Trainerhauses zu schießen“, betont Paul Benecke mit einem Lächeln. Hilgenfeld, der 40 Jahre bei Eintracht Salzwedel war, erinnert sich gerne an damals zurück. „Michel ist einer der besten Spieler, die ich je trainiert habe. Es hat nicht lange gedauert, bis ich gesehen habe, dass er besser ist als viele seiner Mitspieler“, sagt er. „Michel war immer fleißig und hat sich reingehängt.“

Niemeyer ist immer noch beliebt

In Salzwedel genießt der Fußballprofi nach wie vor einen sehr guten Ruf, er sei einer von dort geblieben und immer bescheiden. „Auch wenn sich das im Rückblick immer etwas doof anhört, aber so ist es einfach“, sagt Benecke, der mittlerweile in Dresden Maschinenbau studiert und nach einem Kreuzbandriss die Fußballschuhe an den Nagel gehängt hat. Schon immer sei Michel etwas ruhiger gewesen, „auch auf dem Platz hat er sich fast nie aus der Reserve locken oder gar provozieren lassen“.

Dass der beste Freund aber irgendwann mal Profi werden würde, war für die beiden damals kein Thema. „Wir haben zwar immer mal geflachst. Aber wirklich konkret wurde es erst, als Michel nach Magdeburg ins Internat ging“, erinnert sich Niemeyers Schulfreund.

Schnell reichte es dem großen Talent nicht mehr, ausschließlich bei der Eintracht zu trainieren. Zum Stützpunkttraining ein- bis zweimal pro Woche in Klötze kamen die Auftritte in der Landesauswahl. „Mit unserem Stützpunkt haben wir gegen andere Stützpunkte unter anderem auch in Magdeburg gespielt. So kam der Kontakt zum Landesauswahltrainer zustande. Im Jahr 2008 bekam ich die Anfrage, ob ich beim FCM die Aufnahmeprüfung machen möchte“, sagt Niemeyer. Er machte sie, bestand und ging im Alter von zwölf Jahren in die Landeshauptstadt.

Anfangs Heimweh in Magdeburg

An die ersten Monate erinnert sich Mutter Ines mit gemischten Gefühlen. „Ich hatte nur noch das Telefon am Ohr und bin anfangs alle zwei Tage nach Magdeburg gefahren, weil Michel so starkes Heimweh hatte. In dieser Zeit haben wir schon darüber nachgedacht, ob wir einen Rückzieher machen“, sagt sie. „Für uns war in Magdeburg anfangs auch alles neu, weil wir die Lehrer nicht kannten. Wir haben Michel immer gesagt, dass er nach Hause kommen kann, wenn es nicht mehr geht, haben aber auch betont, dass es einfach etwas dauert, bis er sich wohlfühlt.“ Da der Sohn unbedingt Fußball spielen wollte, bestärkten ihn seine Eltern, suchten das Gespräch mit den Lehrern und fassten dadurch mit der Zeit mehr Vertrauen.

Auch Michel lebte sich ein und kam nach sechs Monaten viel besser zurecht. „Ich bin meinen Eltern unendlich dankbar. Sie haben alles für mich gemacht, waren und sind immer für mich da“, schwärmt Niemeyer junior, der als Kind Trikots des FC Bayern München trug und auch in Bayern-Bettwäsche schlief. „Sie haben mich immer nach Klötze, zu den Auswärtsspielen oder auch zu Trainingscamps nach Italien und Spanien begleitet.“

Einen entscheidenden Anteil an seinem Karriereverlauf hat auch Jens Härtel. Nach fünf Jahren beim FCM fasste Niemeyer 2013 den Entschluss, den nächsten Schritt zu machen und zur A-Jugend von RB Leipzig zu wechseln. Dort traf er auf Härtel. Der FCM-Coach war vor seinem Wechsel nach Magdeburg in Leipzig Nachwuchstrainer und holte ihn 2015 zum Drittligisten zurück. „Wir haben Michel als Mittfeldspieler nach Leipzig geholt, der in der Offensive flexibel einsetzbar war. Als wir in der Defensive Personalnot hatten, haben wir ihn dann zum linken Verteidiger umgeschult“, sagt Härtel.

Härtel lobt Niemeyer

Zu Beginn seiner zweiten Magdeburger Zeit lief Niemeyer zunächst auch als linker Verteidiger auf, wurde dann aber in der Rückrunde der vergangenen Saison wieder nach vorne beordert. „Michel hat ja das Offensivspiel nicht verlernt. Das hat er zuletzt gezeigt und bringt jetzt mittlerweile beides mit – offensive und defensive Qualitäten“, lobt der FCM-Coach. In Leipzig habe er zudem seine körperliche Verfassung enorm verbessert. „Er hatte zuvor ein paar Probleme beim Muskelaufbau“, so Härtel. Auch durch die Verletzungen habe er sich nicht aus der Bahn werfen lassen. „Michel hat nie die Flügel hängen lassen und sich charakterlich sehr gut weiterentwickelt.“

Mutter Ines ist davon überzeugt, dass ihr Sohn auch in Zukunft seinen Weg als Fußballprofi erfolgreich weitergehen wird: „Wir sind unheimlich stolz auf ihn und das, was er jetzt schon erreicht hat.“