Schönhausen l Die Rucksäcke sind ausgepackt, die ersten Behördengänge erledigt. Seit wenigen Tagen sind Julia Eichelmann und Marcus Leschien zurück von ihrer Reise über die Kontinente. Das richtige „Ankommen in Deutschland“ braucht noch ein bisschen – zu groß sind die Unterschiede zwischen ihrem Weltentrip und dem geregelten Leben zu Hause. Zu Hause? Wo das sein wird, wissen die beiden noch nicht. Zuletzt hatten sie wegen der Arbeit getrennt in Oldenburg und Bremen gelebt. Auch wenn das Herz noch an Australien hängt, sehen sie sich in Deutschland weiter gemeinsam durchs Leben gehen.

Zukunft planen

Erst einmal wohnen sie zu Hause jeweils bei den Eltern in Schönhausen. Hier müssen die Ideen, die der 31-jährige Marcus und seine drei Jahre jüngere Freundin für ihre Zukunft haben, noch reifen. Wieder als Sozialversicherungsfachangestellte im Büro zu sitzen, kann sich Julia derzeit schwer vorstellen. „Ich halte mir alle Optionen offen und warte erst einmal das Beratungsgespräch ab, das ich demnächst im Jobcenter habe.“ Tischler Marcus, zuletzt im Schiffbau tätig, will weiter im Handwerk bleiben. „Vielleicht mache ich noch eine Weiterbildung, um mehr Möglichkeiten zu haben.“

Eines weiß das Paar schon jetzt ganz genau: „Wir wollen Deutschland kennenlernen! Schwarzwald, München und das Oktoberfest, Rhein und Donau... So oft wurden wir ,drüben‘ angesprochen von Menschen, die in Deutschland Urlaub gemacht haben und von den schönen Gegenden schwärmten, die wir selbst nicht mal kennen.“

Bilder

Auf Selbstverständliches verzichten

Auch das ist ein Resultat der 20-monatigen Reise: sich an den kleinen, einfachen Dingen erfreuen. „Wir haben den Blick für die Natur zu schätzen gelernt, hören auf das Vogelzwitschern. Es ist schön, jederzeit duschen zu können oder in der Küche den Backofen anzustellen.“ Auf solche Selbstverständlichkeiten mussten sie in den letzten Monaten oft verzichten. Denn so manche Nacht haben sie auf Campingplätzen und im Van verbracht oder teilten sich ein kleines Zimmer und mussten mit wenig zufrieden sein.

Im Januar 2015 brechen die beiden mit ganz viel Fernweh in Schönhausen auf. Ein Jahr wollen sie arbeiten und reisen, ganz viel vom Land sehen, eintauchen in das Landestypische fernab der Touristenrouten. Über Dubai, Bangkok und quer durch Thailand geht es nach Australien. Schon von Deutschland aus war alles perfekt vorbereitet – eine gute Planung bringt sie auch in den kommenden Monaten stets sicher zum Ziel.

Arbeit auf Farmen und der Bäckerei

Auch wenn sie Geld gespart haben, so müssen sie sich ihre Brötchen in Australien verdienen. Marcus ist zumeist auf dem Bau tätig, Julia nimmt alle Jobs an, die sich ihr bieten. „Am meisten Spaß gemacht hat mir die Arbeit in einer Käsekuchenbäckerei, wo ich im Verkauf tätig war.“ Anstrengend war es auf den Farmen, wo Zitronen, Kirschen, Avocados oder auch Erdbeeren geerntet werden mussten. Für die längeren Aufenthalte an einem Ort, wenn wieder Geldverdienen angesagt ist, sucht sich das Paar feste vier Wände. Dadurch lernen sie viele Leute kennen und das wahre Leben im Land. Mit dem Van, der genug Platz zum Schlafen bietet, geht es weiter immer entlang der Küste vom Süden bis hoch in den Norden. Auch die australische Insel Tasmanien steht auf dem Reiseplan.

Auf unzähligen Wanderungen erkunden sie das Land, tauchen ein in das Leben der hilfsbereiten, freundlichen Australier und beschäftigen sich mit dem Leben der Ureinwohner. „Es sind phantastische Bilder vor allem von einer atemberaubenden Natur, die wir nie vergessen werden“, schwärmen Marcus und Julia. Zu den Bildern im Kopf kommen am Ende 35 000 Fotos und unzählige Videos dazu. Und weil alles so beeindruckend ist, wollen sie nach einem Jahr auch noch nicht gehen und entscheiden, die Verlängerung der Visa zu beantragen. Die Genehmigung macht es ihnen möglich, die Zeit noch intensiver auszukosten.

Doch sie wussten: Irgendwann geht es zurück. „Warum eigentlich auf dem gleichen Weg wie her? Wenn wir wandern, machen wir doch auch immer einen Rundkurs, um viel zu sehen – warum nicht auch auf der Rückreise?“ Sie beginnen zu planen. Via Internet buchen sie Flüge, dazu meist private Unterkünfte. Nach anderthalb Jahren, am 19. Juli, verlassen die Schönhauser Australien – wehmütig, aber mit Vorfreude auf die kommenden Ziele.

Eisklettern und Bungee-Jumping

Das erste ist Neuseeland. Sie mieten einen Van, fahren über beide Inseln. Sie sehen Wale, Delfine, Pinguine, landestypische Schafsfarmen und zahlreiche einheimische Vogelarten... und sind beeindruckt von dieser Vielfalt der Tierwelt. Und der Landschaft! Sie haben viele Schauplätze des Kino-Klassikers „Herr der Ringe“ besucht und sich von der Weite des Landes tragen lassen. Das Eisklettern auf einem großen Gletscher zählt zu den beeindruckendsten Reiseerlebnissen. Genau wie der Bungeesprung über einem See, mit dem sich Marcus einen langgehegten Traum erfüllte: 50 Meter freier Fall. Gleich zweimal ist er gesprungen. Im Gedächtnis bleibt auch, nicht zuletzt wegen des Gestanks, das Schwefelschlammbad, das sie inmitten der Vulkanlandschaft Neuseelands nehmen.Nach vier Wochen hebt der Flieger ab nach Honolulu: Hawaii ist das nächste Ziel. Acht Tage bleiben ihnen, um einen Eindruck zu gewinnen. „Natürlich haben wir hier im Gegensatz zu unserem Australienaufenthalt die ganz klassischen Touri-Angebote genutzt. Wir waren surfen am berühmten Waikiki-Beach, sind mit dem Cabrio gefahren.“ Das Beste an Hawaii jedoch war die nächtliche Vulkantour. Nur einen Schritt entfernt von der fließenden Lava zu stehen, die sich zischend ins Meer ergießt, bezeichnen beide als magischen Moment. „Du stehst einfach nur da und bist wie hypnotisiert, welche Kraft die Erde hat!“ Pearl Harbor, weltweit bekannt geworden durch den Angriff der japanischen Streitkräfte am 7. Dezember 1941 auf die US-Pazifikflotte während des Zweiten Weltkriegs, ist die letzte Station.

Weiter geht es nach San Francisco. Drei Tage nehmen sich Marcus und Julia Zeit, die wichtigsten Sehenswürdigkeiten zu sehen – natürlich die Golden Gate Bridge, auch mit der für die Stadt typischen Straßenbahn sind sie gefahren, sie haben das Feeling in Chinatown genossen und das Walt-Disney-Family Museum besucht, wo unter anderem die Entstehungsgeschichte von Micky Maus eindrucksvoll vermittelt wurde.

Auch hier sind es wieder die kleinen Dinge, von denen sie erzählen: „Das Gebäck ist einfach lecker! Nirgends haben wir so etwas Köstliches gegessen!“

Im Flugzeug geht es weiter nach New York. Der nur so von verrückten Menschen wimmelnde Time-Square muss sein. Bewegend sind die Stunden am Platz, an dem bis zum 11. September 2001 das World Trade Center stand und wo sie von einem Feuerwehrmann hören, was er in den Stunden nach dem Terroranschlag erleben musste. 14 Tage haben sie Zeit, die schönen Seiten Amerikas zu sehen, aber auch die hässlichen mit Obdachlosen, die unter Brücken schlafen.

Letzte Etappe: Island

Und dann geht es auf die letzte Etappe der Weltreise: Island. Hier sind sie ihrem alten Leben schon ganz nahe. Denn Julias Eltern kommen ihnen entgegen, gemeinsam verbringen sie fast zwei Wochen hoch im Norden auf einer Insel, die auf die Weltenbummler großen Eindruck macht. Sie schwärmen von gigantischen Wasserfällen, von Gletschern und Gletscherlagunen mit treibenden Eisbergen, von Geysiren, die 20 Meter hohe Fontänen in die Luft schleudern, von Island-Pferden und vor allen von den Polarlichtern, die das Ende der Weltreise verkünden.

Am 7. September steigen sie ein letztes Mal ins Flugzeug, landen morgens um halb sieben in Berlin-Tegel. „Es ist schön, nach Hause zu kommen. Hier haben wir unsere Wurzeln, fühlen uns wohl.“

Ein neues Kapitel in Deutschland

Das Fazit ihrer Reise: „Wir haben echt viel erlebt. Das müssen wir nun erst einmal verarbeiten. Die Reise hat uns beide zusammengeschweißt, wir wissen, dass wir zusammengehören!“ Sicher habe es in Australien auch Momente des Streits wegen Kleinigkeiten gegeben – aber das gehört dazu, wenn man 24 Stunden am Tag zusammen ist. „Reden ist der Schlüssel, nur so kann Partnerschaft funktionieren. Wir teilen beide ein unbeschreibliches Erlebnis, können jetzt zusammen in Erinnerungen schwelgen.“

Beide sagen, dass sie reifer geworden sind, gelassener und die kleinen Dinge zu schätzen wissen. Und sie raten anderen, die sich mit dem Gedanken tragen, in die Ferne zu ziehen, es zu tun: „Wagt diesen Schritt!“ Sie selbst würden alles noch einmal genau so machen. Und irgendwann einmal wollen sie noch einmal rüber auf den fünften Kontinent, der ihnen so sehr ans Herz gewachsen ist. Aber jetzt heißt es erst einmal, ein neues Kapitel in Deutschland aufzuschlagen.