6 Tage bis zur Bundestagswahl

Wie entstehen Wahlumfragen?

17.09.2021, 15:40 • Aktualisiert: 17.09.2021, 15:45
Am 26. September ist Bundestagswahl
Am 26. September ist Bundestagswahl Foto: dpa-Zentralbild

Magdeburg/Halle (Saale)/DUR/dpa – Vor der Bundestagswahl vergeht kaum ein Tag ohne Wahlumfragen. Doch wie genau sind die Umfragen überhaupt – und wie entstehen sie.

„Zunächst muss man feststellen, dass Umfragen niemals Prognosen sein können“, sagt Matthias Jung, Vorstand der Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen. Methodisch sauber könnten Umfragen immer nur die Stimmungslage zum Zeitpunkt der Erhebung aufzeigen. „Die Wahlentscheidung fällt inzwischen immer später und immer zeitnäher zum wirklichen Wahltag“, sagt Jung. Das Ganze sei zudem mit einem unvermeidbaren statistischen Fehler behaftet. „Wenige Punkte rauf oder runter bei einer Wahl danach liegen also im normalen Fehlerbereich.“

Und tatsächlich werden genaue Umfragen für die verschiedenen Institute immer schwieriger. Immer weniger Wähler sind Stammwähler – bleiben „ihrer“ Partei also grundsätzlich treu. Stattdessen entscheiden sich viele Bürger immer kurzfristiger.

Liegen Umfragen also heute häufiger daneben? „Das hängt von den politischen Umständen ab“», sagt Organisationssoziologe Marcel Schütz, der an den Universitäten Bielefeld und Oldenburg lehrt. Es komme vor, dass sich Wähler stark kurzfristig entschieden oder unehrlich seien bei der Nennung ihrer Präferenz. „Bei der Sachsen-Anhalt-Wahl gab es jüngst einen Mobilisierungseffekt, der nur ungenau in den Prognosen erfasst wurde.“ Er sieht die Zunahme von Umfragen eher skeptisch.

„Es gibt Vorteile und Nachteile zugleich. Durch immer mehr Umfragen, die fast täglich in Umlauf kommen, werden die Wähler regelrecht konditioniert in ihrem Stimmungsbild“, meint Schütz. Dies könne zu taktischen Wahlentscheidungen führen - wovon vor allem Parteien mit den höchsten Prozenten profitieren könnten. „Umgekehrt wird es für Institute schwieriger, wenn die Abstände der Parteien schrumpfen.“

Wenn Parteien nahe beieinander lägen, sagt Schütz, könnten schon zwei, drei Prozent über Koalition und Kanzler entscheiden. „Daher ist diese Wahl tatsächlich spannender als jene in den letzten Jahren.“

Bei den Wahlumfragen der seriösen Meinungsforschungsinstitute werden im Durchschnitt zwischen 1000 und 2500 Menschen innerhalb von drei oder vier Tagen befragt. Die Umfragen erfolgen meist telefonisch oder online, selten persönlich.

Viele Menschen kritisieren, dass bei einer ja „nur“ eine bestimmte Zahl von Menschen befragt werde, „sie selbst“ ja nicht gefragt wurden. Wie trotzdem möglichst präzise Ergebnisse erzielt werden, damit befasst sich die Sozialwissenschaft seit über 100 Jahren. Entscheidend ist, dass die Stichprobe möglichst sauber ist – das heißt: Theoretisch sollte jeder Bürger die Möglichkeit haben, ausgewählt zu werden. Fehlende Erreichbarkeit oder verweigerte Mitwirkung an Umfragen macht die Arbeit für die Institute dabei schwieriger. Grundsätzlich handelt es sich bei den Umfragen daher um „Projektionen“, bei denen die Angaben der Gefragten so gewichtet wurden, dass sie der Gesamtzahl aller Wähler möglichst nahe kommen.