Junge Franzosen in Sachsen-Anhalt erklären die Proteste gegen die Rentenreform in Frankreich

Deutsche reden erst und streiken dann, Franzosen machen es genau umgekehrt

Von Philipp Hoffmann

Was in Deutschland die Proteste gegen Stuttgart 21 und Atomkraft sind, ist in Frankreich der Streik gegen die Rentenreform. Dauer und Heftigkeit zeigen, dass es um mehr geht als den eigentlichen Anlass. Die Proteste sind dies- wie jenseits des Rheins ein Blitzableiter für aufgestaute Wut. Wut über Regierungen, die unverhohlen Klientelpolitik betreiben und deren Reformen diesen Ausdruck nicht verdienen.

Dennoch verblüfft es, dass in Frankreich so viele junge Menschen ausgerechnet eine Rentenreform als Blitzableiter wählten – nichts liegt ihnen im wörtlichen Sinne ferner als die Rente. "Für Schüler und Studenten ist es immer leicht zu streiken", meint Mathilde Lemesle, die die Vorgänge in ihrer Heimat aus Sachsen-Anhalt beobachtet. "Wenn ich jetzt in Frankreich wäre, würde ich wohl auch auf die Straße gehen", sagt die 21-Jährige aus Nantes, die seit zwei Jahren in Magdeburg Journalistik studiert. Ihre Eltern haben gestreikt, ihre Freunde ebenfalls, "da wäre ich mittendrin gewesen". Jetzt, mit dem räumlichen Abstand, denkt Mathilde Lemesle anders: Die Rentenreform müsse "so oder so kommen", sagt sie.

Thomas Bouillot, der seit sechs Jahren als Verfahrenstechniker in Magdeburg arbeitet, sieht es genauso. "Das musste irgendwann gemacht werden", sagt der 28-Jährige, der ebenfalls aus Nantes stammt. "Auch eine Linksregierung wäre nicht daran vorbeigekommen." Zwei Jahre länger arbeiten zu müssen, findet Thomas Bouillot in Ordnung. "Wenn jetzt nichts passiert, würde es nur immer schlimmer", sagt er. Die letzte Rentenreform liege Jahre zurück, seither habe sich viel verändert: Es gibt deutlich weniger Erwerbstätige und mehr Rentner.

Dass die Franzosen dennoch so heftig protestierten, nennt Christelle Mouret den "Geist der Revolution". In Frankreich habe jeder ein bisschen was davon im Blut, meint die 25-Jährige, die seit einem Jahr bei einem Möbelhersteller in Burg arbeitet. Sie sieht die jüngsten Proteste vor allem in der Wut auf Staatspräsident Nicolas Sarkozy motiviert. "Bei ihm gehen Reichtum und Politik Hand in Hand", sagt die junge Frau aus Le Puy en Velay in der Auvergne.

Mathilde Lemesle erinnert sich noch gut daran, dass Sarkozy schon bei seinem Amtsantritt 2007 ankündigte, dass die Franzosen länger arbeiten müssten. Kurz darauf wurde bekannt, dass eine seiner ersten Amtshandlungen darin bestand, sein eigenes Gehalt zu erhöhen. Das vergessen ihm die Franzosen nicht.

Zudem ist es Sarkozy nach wie vor nicht gelungen, die hohe Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen. In Frankreich hat jeder vierte Jugendliche keinen Job. Christelle Mouret versteht daher, dass die Rentenreform die Sorgen der Jugendlichen noch erhöht. "Sie haben noch nicht einmal angefangen zu arbeiten, da sollen sie schon länger arbeiten." Mathilde Lemesle führt zudem die – auch in Deutschland bekannte – "Generation Praktikum" an: Junge Leute, und seien sie auch noch so gut ausgebildet, werden vielfach lediglich als Praktikanten beschäftigt. Feste Verträge gibt es kaum noch.

Um die Streiks in Frankreich zu verstehen, muss man auch das Ausgangsniveau betrachten: Die Franzosen kommen von einem höheren Level als die Deutschen. Es gibt die 35-Stunden-Woche und die Rente mit 60 Jahren. Der Staat zahlt jungen Leuten eine volle Ausbildungsförderung – in Deutschland muss die Hälfte zurückgezahlt werden. "Als ich nach Deutschland kam und von der Debatte über Mindestlöhne – auch noch getrennt nach Ost und West – hörte, war ich geschockt", erzählt Christelle Mouret. In Frankreich sind Mindestlöhne Standard.

Von daher verwundert es auch nicht, dass die Franzosen vor allem wochentags demonstrieren – das Wochenende ist ihnen, ganz im Gegensatz zu den Deutschen, dafür zu schade. "In Deutschland ist Arbeit das Wichtigste", hat Christelle Mouret festgestellt. "Wenn wir in der Firma viele Aufträge haben, ist es normal, dass wir auch sonnabends arbeiten. Ich bin mir nicht sicher, ob das in Frankreich auch so wäre." Zur unterschiedlichen Mentalität sagt man in Frankreich, Franzosen würden erst streiken und dann reden, Deutsche umgekehrt.

Am Mittwoch trat das Gesetz über die Rentenreform in Kraft. Vermutlich wird es noch einige Proteste geben. Dass sie noch einmal die Kraft vom Oktober erreichen, glaubt kaum jemand. Vor allem, weil sich die Jugend nicht noch einmal so mobilisieren lässt wie vor den Herbstferien, die den Streiks den Schwung nahmen. "Studenten sind Idealisten", sagt Christelle Mouret. "Sie wollen immer, dass alles besser wird – aber irgendwann sind auch wieder Prüfungen."