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Angriff am Arbeitsplatz - eine Betroffene spricht über ihre traumatische Erfahrung

Ein Tag, der alles verändern kann. Eine traumatische Erfahrung am Arbeitsplatz belastet Betroffene oft noch Jahre später - eine junge Frau erzählt von ihrer Erfahrung.

Von Aline Wobker
Trauma am Arbeitsplatz - ein Vorfall kann das Arbeitsleben für viele Jahre belasten.
Trauma am Arbeitsplatz - ein Vorfall kann das Arbeitsleben für viele Jahre belasten. Symbolfoto: Marijan Murat/dpa/Illustration

Magdeburg - Ein kurzer Moment, der die Karriere für immer beeinflussen kann. Ein Erlebnis, welches die Betroffenen oft Jahre später nicht vollständig verarbeitet haben. Trauma am Arbeitsplatz - Die Volksstimme hat mit einer Betroffenen gesprochen.

Volksstimme: Vielen Dank Frau Müller*, dass Sie sich die Zeit nehmen und bereit sind, über ihr Erlebnis zu sprechen. In welchem Bereich arbeiten Sie und wie sieht ihr Alltag normalerweise aus?

Lea Müller: Ich bin staatlich anerkannte Erzieherin und habe zum Zeitpunkt des Vorfalls  in einer stationären Einrichtung für psychisch kranke Erwachsene gearbeitet. Hier werden Klienten mit verschiedenen Krankheitsbildern wie paranoide Schizophrenie oder Borderline-Persönlichkeitsstörung im Alltag unterstützt - zum Beispiel bei der Wäschepflege, Arztbesuche oder auch die Vergabe von Medikamenten. Es gibt Freizeitangebote, die wir mit Klienten planen. Das Ziel der Klienten ist es eigenständig zu werden und im besten Fall selbständig genug zu werden, um eine eigene Wohnung zu beziehen. Die Mitarbeiter arbeiten im Schichtdienst, damit 24 Stunden jemand vor Ort ist.

Doch irgendwann haben Sie eine traumatische Erfahrung während einer dieser Schichten gemacht. Was ist damals genau passiert?

Am 23. Dezember 2020 hatte ich Nachtdienst, da war ich ab abends alleine in der Einrichtung. Ein Klient war schon seit mehreren Monaten auffällig, nahm seine Medikation nicht ein, konsumierte Drogen und verhielt sich mehrfach aggressiv. Es kam auch schon zu einer lebensbedrohlichen Überdosis. Er war bereits am Nachmittag und Abend stark psychotisch. Nach 22 Uhr rief er immer wieder an, seine Aussagen waren nicht nachvollziehbar, leicht bedrohlich. Dann wollte er eine Tablette haben, die er nicht haben konnte, da diese nicht verordnet war. Ich habe ihm Alternativen angeboten, auf diese konnte er sich einlassen. Zwischendurch kamen immer wieder wirre Anrufe, er wolle einen Baseballschläger kaufen und dann würden wir ja sehen. Um 2 Uhr nachts rief er plötzlich an und schrie ins Telefon, dass er nun rüberkommt und ich „dann sehen werde.“ Eine Minute später stand er vor der Tür und schlug wie wild darauf ein. Es ist eine Sicherheitstür, die hält. Jedoch haben wir noch einen weiteren Eingang auf der anderes Seite des Büros und normal verglaste Fenster.

Was ist dann passiert?

Der Klient brüllte, dass er reinkommt und sich einen Weg suchen wird. Da er in der Vergangenheit bereits eine Schreckschusspistole gekauft hatte und zu Gewaltausbrüchen neigt, bin ich in ein anderes Haus geflüchtet und habe die Polizei und die Kollegin in der Rufbereitschaft alarmiert. Die Polizei brauchte dennoch 20 Minuten. Ich hatte große Angst, da ich wusste, wie gewaltbereit der Klient war. Als die Polizei eintraf, ist der Klient zurück in sein Haus gegangen und war ganz ruhig. Es gab lediglich eine Gefährderansprache. Ich habe ihn angezeigt. Die Polizei fuhr wieder und meine Kollegin kam zum Glück wenige Minuten später. Sie blieb bis zum Eintreffen des Frühdienstes.

Wie verlief die Zeit danach?

Nachdem ich den Dienst durchgezogen habe - ich habe mich nicht in der Lage gesehen Auto zu fahren - bin ich morgens zu meinem Freund ins Bett gegangen und habe einfach nur geweint. Ich wurde schon mehrfach von Klienten bedroht oder wurde mit Bechern beworfen, aber das war eine andere Nummer. Mein Weihnachten war gelaufen. Ich war danach für fünf Wochen krankgeschrieben. Ich bin aktuell in Therapie, dort habe ich sofort mit der Aufarbeitung begonnen.

Hat ihr Umfeld auf die Situation verständnisvoll reagiert?

Ich hatte das Glück, dass – abseits von Familie und Freunden - mein Team und auch die Leitungsebenen wirklich fürsorglich waren. Während meiner Arbeitsunfähigkeit gab es telefonische Reflexionsgespräche, alle waren sehr einfühlsam und haben regelmäßig nachgefragt, wie es mir geht. Der Klient wurde fristlos gekündigt, er bekam einen Beschluss für die Psychiatrie, aus der er dann vorzeitig entlassen wurde. Er bekam Hausverbot. Leider hielt er sich nicht dran, sodass ich in den ersten Tage nach meiner Arbeitsunfähigkeit mehrfach auf ihn gestoßen bin. Ich hatte furchtbare Albträume, in denen die Situation immer wieder auftrat und schlimm endete. Sobald ich weiß, dass er in der Nähe der Einrichtung ist, bekomme ich Panikattacken.

Wie ging es dann weiter? Sind Sie in ihrem Job geblieben, oder können Sie die Arbeit nicht mehr ausführen?

Tatsächlich arbeite ich immer noch in der Einrichtung. Ich habe lange mit mir gehadert, ob ich das noch kann - überlege immer noch ab und an. Andererseits will ich mich nicht „geschlagen geben“. Erst vor wenigen Tagen bin ich dem Klienten begegnet, er sprach mich an. Ich bin ruhig und selbstbewusst geblieben, weil ich mir dachte: „Ne. Dir zeige ich jetzt nicht, dass du mich einschüchtern kannst.“ Nach der Begegnung war ich zwar am zittern, aber ich hatte keine Panikattacke. Das gibt mir das Gefühl, wieder Kontrolle zurückzuerlangen und mich zu erholen. Ich bin zuversichtlich.

Sicherlich eine schwierige Entscheidung. Ist das auch etwas, was Sie anderen Betroffenen raten würden? 

Ich denke, das kommt immer auf die Person an. Was sagt das Bauchgefühl? Wichtig ist, dass man offen mit der traumatischen Erfahrung umgeht. Wenn man professionelle Hilfe braucht, dann soll man sie nehmen. Wenn ich mich in Situationen unsicher fühle, sollte ich das im Team ansprechen. Das Team sollte Rücksicht nehmen und entlasten, indem dann wieder eine andere Fachkraft in eine Situation geht. In meinem Fall lief das wirklich gut und ich durfte mich zurückziehen, wenn ich mich nicht sicher genug gefühlt habe. Ich fordere nach wie vor Gespräche mit der Leitung ein. Somit kann ich auch selbstsicherer in Krisensituationen gehen und Eskalationen verhindern. Sollte die Arbeit wirklich unzumutbar werden, sollte man sich doch lieber überlegen, ob es nicht gesünder ist den Job oder die Einrichtung zu wechseln. Nichts ist wichtiger als Gesundheit - ob psychisch oder physisch.

Was sind Ihre persönlichen Ratschläge für Betroffene?

Man sollte sich niemals schämen, wenn die Situation zu viel war. Man verliert keine Professionalität, ich glaube, dass viele Leute das befürchten. Eigentlich passiert eher das Gegenteil. Man wird stärker und sensibilisiert. Wir sind Menschen und nicht unerschütterlich. Und genau deshalb arbeiten wir in einem sozialen Beruf.

Vielen Dank für das offene Gespräch!

*Name von Redaktion geändert