Berlin stockt Plätze für Flüchtlinge aus Afghanistan auf

Noch weiß niemand, was angesichts der dramatischen Ereignisse in Afghanistan auf Europa, Deutschland und Berlin zukommt. Steigt die Zahl der Flüchtlinge? Berlin will jedenfalls schon mal vorsorgen.

Von dpa

Berlin - Nach der Machtübernahme der militant- islamistischen Taliban in Afghanistan stockt Berlin vorsorglich seine Kapazitäten zur Beherbergung von Flüchtlingen auf. Dazu sollen zurzeit geschlossene Gemeinschaftsunterkünfte wieder ertüchtigt werden, wie eine Sprecherin der Sozialverwaltung am Mittwoch auf dpa-Anfrage sagte. Dazu zählten womöglich auch sogenannte Tempohomes aus Containern.

Ziel sei es, auf einen „Tag X“ vorbereitet zu sein und Geflüchtete sehr schnell unterbringen zu können, erläuterte die Sprecherin, ohne weitere Details etwa zur Zahl der zusätzlichen Plätze zu nennen. Derzeit sei aber völlig unklar, wann und in welchem Umfang Deutschland und Berlin nach dem Machtwechsel in Afghanistan mit geflüchteten Menschen von dort zu rechnen hätten.

Nach Angaben des Landesamtes für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF) vom Vortag stehen in Berlin aktuell 1250 Plätze zur Unterbringung von Geflüchteten bereit. Der Verein „Moabit Hilft“, der seit Jahren geflüchtete Menschen in Berlin unterstützt, rechnet indes vorerst nicht mit einer starken Zunahme der Schutzsuchenden aus Afghanistan.

Entsprechende Äußerungen von Politikern, darunter Innenminister Horst Seehofer (CSU), seien wohl dem Wahlkampf geschuldet, sagte die Gründerin und Geschäftsführerin des Vereins, Diana Henniges, am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur. „Wo sollen die Leute denn herkommen?“ Die Grenzen Afghanistans zu den Nachbarländern seien praktisch zu, sagte sie. Sie berief sich dabei auf Berichte von Menschen in dem Land, mit denen der Verein oder afghanische Geflüchtete in Berlin in stetigem Kontakt seien.

Konkret versuche der Verein im Moment, Leute, die sich rund um den Flughafen in Kabul versammelt hätten, auf deutsche Evakuierungslisten zu bekommen. Das sei aber äußerst schwierig - auch weil das deutsche Konsulat in der afghanischen Hauptstadt nicht mehr per E-Mail erreichbar sei.

Skeptisch zeigte sich Henniges im Hinblick auf die Frage, ob Berlin tatsächlich wie vom Senat behauptet gut auf eine mögliche Zunahme ankommender Flüchtlinge vorbereitet ist. Früher übliche „Registrierstraßen“ gebe es am Ankunftszentrum in Reinickendorf nicht, auch keinen 24-Stunden-Dienst und nur eine Fünf-Tage-Arbeitswoche. Nach Einschätzung von Henniges, die auf ein Gespräch mit Verantwortlichen verwies, fehlen auch Mitarbeiter, ausreichend Betten als Puffer und ausreichende Warteräume.

Seehofer hatte nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur am Montag bei einer Unterrichtung der Bundestags-Fraktionschefs gesagt, er rechne nach der Machtübernahme der Taliban damit, dass 300.000 bis 5 Millionen weitere Afghanen die Flucht ergreifen. Einen Zeitraum nannte er demnach nicht.

In der Vergangenheit haben insbesondere Nachbarländer wie Iran und Pakistan Flüchtlinge aus Afghanistan aufgenommen. Ein weiteres wichtiges Transit- und Zielland ist die Türkei.