Sprache

Wenn Gendern zur Pflicht wird: Ärztys statt Ärzte?

Die Uni Kassel prüft, ob Dozenten Genderverweigerern Punkte abgezogen werden dürfen. Derweil macht ein Genderansatz mit Y am Ende des Wortes die Runde.

Von Sebastian Rose
Eine Frau trägt einen Regenmantel mit einem Gender- und Protestsymbol bei einer Kundgebung. Die Diskussion um das Gendern wird immer populärer in Deutschland. Symbolfoto: Christian Charisius/dpa

Magdeburg/Kassel . Die einen sehen in Gendersternchen, Unterstrich und Co. eine Verbesserung für benachteiligte Menschen, die anderen eine Verfrevelung der über Jahrhunderte dynamisch gereiften Frucht der Sprache. Genau hier liegt auch der Streitpunkt. Beispielsweise Anglizismen wie das Wort Laptop sind durch die Prozesse in der Welt auch im deutschsprachigen Raum etabliert worden, auch weil ein passendes Pendant ("ausklappbarer E-Rechenschieber" mal außer Acht gelassen) fehlte. Gendern eben bisher noch nicht. Finden wir uns wieder in einem Prozess, nach dessen Ende ein Zeitalter der stark veränderten deutschen Sprache anbricht, oder landet die Gender-Bewegung auf dem Sondermüll der Sprachfauxpas gleich neben arisierten Begriffen?

Wenn es nach der Universität zum hessischen Kassel geht, ist klar: "Die Annahme, dass das Generische Maskulinum in der deutschen Sprache, das heißt die alleinige Verwendung männlicher Bezeichnungen, alle Geschlechter 'mitmeine', hat sich in zahlreichen wissenschaftlichen Studien als falsch herausgestellt. Wo ausschließlich Männer angesprochen werden, wird letztlich auch ausschließlich an Männer gedacht. Als eine Form geschlechtergerechter Sprache eignet sich das generische Maskulinum daher nicht."

Als eine Form geschlechtergerechter Sprache eignet sich das generische Maskulinum daher nicht.

Universität Kassel

Diskussion wird untergraben

Die Universität, ein Ort, der von Diskussionskultur nährt, macht es sich in den Augen vieler zu einfach, pauschal allen Genderverweigerern ihr Recht auf eine eigene Meinung abzusprechen. Umso größer stieß das Vorgehen eines Dozenten auf Kritik, Punkte bei Nicht-Gendern abzuziehen. Trotz Hinweises, dass das generische Maskulinum gleichwohl für alle Menschen stehe. 

Nach großem Medienwirbel lässt die Uni nun juristisch Prüfen, ob jenes Vorgehen rechtlich einwandfrei ist. Unabhängig vom Prüfergebniss meint die Frankfurter Allgemeine Zeitung in einem Kommentar: "Die Wahl zwischen einer Sprache, die verständlich und ästhetisch ist, und einer, die (angeblich) alle gesellschaftlichen Gruppen einbezieht, ist eine Güterabwägung, die eine Hochschule angehenden Akademikern ruhig selbst überlassen darf."

Neue Form des Genderns

Derweil macht ein nicht unbedingt neuer Gegenvorschlag zum geschlechtsneutralen Sternchen und Unterstrich die Spazierrunde durch die Medienlandschaft. Thomas Kronschläger, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Germanistik der TU Braunschweig, nennt diese Form "Entgendern nach Phettberg“.

Der österreichische Moderator und Schriftsteller Hermes Phettberg nutzt in seiner Kolumne in der Wochenzeitung "Falter" seit vielen Jahren die Eigenart, seine Leser nicht mit Leserinnen und Leser, oder Leser*innen zu bezeichnen, sondern als "Lesys".

Eigenart Gegenbeispiel zum Sternchengendern

Statt des generischen Maskulinums oder beidgeschlechtlichen Formen nutzt Phettberg seiner Meinung nach die neutrale und hängt hinter jedes Wort ein y. Wird es bald nur noch Ärztys statt Ärzte, Mannys statt Männer oder Druckys statt Drucker geben?

Auf diese Suggestivfrage kann es sicherlich in Kürze keine Antwort geben, genauso wenig wie auf die generelle Gendern-Debatte. Die Zeit und nicht zuletzt die Bürger und Menschen im deutschsprachigen Raum werden zeigen, ob sich Gendern, egal in welcher Form, durchsetzt. Ob der Duden nun online 12.000 Begriffe "geschlechtergerecht" ändert, oder nicht.

Die Volksstimme gendert im Übrigen nicht.