Interview mit Bärbel Dieckmann, Präsidentin der Welthungerhilfe:

"Ernährung muss Vorrang haben"

Tausende Menschen sind in Ostafrika vom Hungertod bedroht. Andererseits haben sich die Hektarerträge bei Getreide seit 1950 verdreifacht. Nancy Eggeling und Gerald Semkat sprachen mit Bärbel Dieckmann, Präsidentin der Welthungerhilfe, über diesen Widerspruch.

Volksstimme: Auf dem G-20-Treffen am 17. Juni in Paris hat der französische Landwirtschaftsminister Bruno le Maire von einem Jahrhundert des Hungers gesprochen. Frau Dieckmann, wie schätzen Sie die Lage ein?

Bärbel Dieckmann: Weltweit hungern 950 Millionen Menschen. Davon 260 Millionen in Indien, 100 Millionen in China. Wir haben große Hoffnungen, dass diese Zahlen in den nächsten Jahren viel geringer sein werden.

Volksstimme: Das klingt aber sehr optimistisch.

Dieckmann: Die Menge der weltweit produzierten Nahrungsmittel reicht aus, um alle jetzt lebenden Menschen zu ernähren. Allerdings werden in den reichen Industriestaaten Nahrungsmittel weggeworfen - allein in Deutschland wird diese Menge auf jährlich 20 Millionen Tonnen geschätzt. Entwicklungsländer haben sogenannte Nachernte-Verluste von 40 Prozent. Das heißt, von den produzierten Nahrungsmitteln können viele nicht konserviert werden.

Volksstimme: Wie schafft man Abhilfe?

Dieckmann: Indem erstens in die Landwirtschaft investiert wird, wie es auch der Gipfel in Paris beschlossen hat. Indem zweitens in Entwicklungsländern Betriebe und Gewerbe gefördert werden, die Nahrungsmittel verarbeiten. Drittens fangen wir als Welthungerhilfe aber auch an, uns stärker um Energiefragen zu kümmern, weil Energiemangel eine Ursache für die Verluste ist. Viertens brauchen wir Maßnahmen gegen Preissteigerungen, die durch Spekulationen entstehen. Fünftens brauchen wir eine andere Verteilung von Nahrungsmitteln. Und wir müssen aufhören, Lebensmittel zu verschwenden.

Volksstimme: Und auch unsere Essgewohnheiten ändern?

Dieckmann: Es gibt da einen Vergleich: Würden alle Menschen vegetarisch leben, könnte man zwölf Milliarden Menschen ernähren. Lebten alle nach US-Standards des Fleischverbrauchs wären es nur 2,7 Milliarden.

Volksstimme: Zudem belastet die Produktion von Kraftstoffen aus Nahrungsmitteln die Ernährungsbilanz.

Dieckmann: Wir sind nicht gegen Biosprit. Aber Ernährung muss immer Vorrang haben.

Volksstimme: Bekanntlich exportiert die EU subventionierte Lebensmittel in Entwicklungsländer, was dort für etliche Erzeuger den Ruin bedeutet.

Dieckmann: Grundsätzlich sind wir nicht gegen eine Politik der freien Märkte. Allerdings war es in der Vergangenheit falsch, wie die Liberalisierung der Märkte gehandhabt worden ist. Marktteilnehmer können eben nur in Konkurrenz zu anderen treten, wenn sie stark genug und konkurrenzfähig sind. Wir fordern aber vor allem gerechte Preise für die Bauern.

Volksstimme: Was verstehen Sie darunter?

Dieckmann: Wer produziert, muss davon leben können. Das gilt für den Milchbauern in Bayern genauso wie für den Landwirt in Afrika.

Volksstimme: Die Praxis ist aber nicht so.

Dieckmann: Nein, aber die Forderung ist richtig. Auch für Deutschland. Wenn Sie hierzulande manche Lebensmittelpreise anschauen, dann wissen Sie, das reicht für den Landwirt nicht.

Volksstimme: Große Konzerne und Hedgefonds haben in afrikanischen und asiatischen Entwicklungsländern 65 Millionen Hektar Land genommen. Das heißt, ein Gebiet, so groß wie die gesamte Mais- und Weizenanbaufläche in den USA steht diesen Ländern nicht mehr zur Verfügung.

Dieckmann: Bei dem sogenannten Landgrabbing werden vor allem Flächen gekauft, die wasserreich sind. Darauf baut man Pflanzen an, die einen hohen Wasserverbrauch haben, um in den eigenen Ländern Wasser zu sparen. Wenn dann dort noch nicht einmal Einheimische Arbeit finden, ist das ein riesiges Problem für die Länder. Zumal durch Landgrabbing kleinbäuerliche Existenzen zerstört werden. Häufig gibt es einen Zusammenhang zur Korruption.

Volksstimme: Wie kann man dieser großflächigen Land- aneignung entgegentreten?

Dieckmann: Das liegt in der Verantwortlichkeit der einzelnen Regierungen. Es gibt Probleme, die wir nicht von außen lösen können. Wir können Anstöße geben und Hilfe zur Selbsthilfe leisten.

Volksstimme: Es gibt Beispiele dafür, wie Nahrungsmittelhilfe in Krisen- und Kriegsgebieten Warlords stärkten und Kriege verlängerten. Wie sehen Sie das?

Dieckmann: Ich will im einzelnen nicht ausschließen, dass es so etwas gegeben hat. Nahrungsmittelhilfe ist immer Nothilfe, einer der Grundsätze dabei ist, zu kon- trollieren, wer sie bekommt. Sehen Sie sich die Lage in Somalia und im Norden Kenias an. Die 500000 Menschen, die dort in großer Not sind, können im Moment nicht für sich allein sorgen. Wenn man dort den Müttern die Lebensmittel gibt, weiß man, dass die Kinder sie bekommen. Deshalb sorgen wir immer dafür, dass wir selbst die Lebensmittel verteilen.

Volksstimme: Ihre Organisation hat nach der Flutkatastrophe in Pakistan im Sommer 2010 als eine der ersten geholfen. Wie ist derzeit die Lage dort?

Dieckmann: Ein großer Teil der Häuser ist wiederaufgebaut worden, Straßen wurden wiederhergestellt, Getreide ist gesät. Da, wo wir arbeiten, läuft der Wiederaufbau.

Volksstimme. In Kenia hilft Ihre Organisation beim Bau von Regenauffangbecken.

Dieckmann: Früher haben wir Brunnen gebaut. Da stießen wir nach zehn Metern auf Grundwassen, heute erst nach 60. Der Gedanke, Regenwasser zu sammeln, ist richtig. Das System ist mit einem Staudamm zu vergleichen. Es gibt dort Anlagen, in denen das Regenwasser von Mai bis Anfang Dezember reicht, also bis zum Beginn der nächsten Regenzeit.

Volksstimme: Wem gehören die Anlagen?

Dieckmann: Den Menschen. Sie bezahlen für das Wasser ein geringes Entgelt an die Verwaltung im Dorf. Dieses Wasser bedeutet, dass Nomaden ihr Vieh tränken können. Eine weitere Folge ist der verstärkte Schulbesuch von Kindern.

Volksstimme: Nun werden 85 Prozent des Wassers in Entwicklungsländern in der Landwirtschaft verbraucht. 15 Prozent bleiben für den großen Rest. Wie kann man dieses Verhältnis spürbar verändern?

Dieckmann: Das muss man. Weil der unzureichende Zugang zu Wasser zu mangelhafter Hygiene und zu Krankheiten führt. Da gibt es wassersparende Pflanzmethoden und direkte Bewässerung. Und alte landwirtschaftliche Kenntnisse, die Menschen aufgrund anderer Anbaumethoden in der Kolonialzeit verloren haben, sind wieder zum Leben zu erwecken.

Volksstimme: Angesichts der Probleme muten Entwicklungsprojekte an wie der berühmte Tropfen auf den heißen Stein.

Dieckmann: Natürlich ist es wahr, dass eine Organisation wie die Welthungerhilfe mit 220 Millionen Euro an Projektmitteln im vergangenen Jahr nicht die Welt verändern kann. Insgesamt aber verzeichnet die Entwicklungszusammenarbeit erhebliche Erfolge. Vor 40 Jahren haben noch 40 Prozent der Menschen gehungert und in bitterer Armut gelebt, heute sind es 16 Prozent. Und heute geht ein hoher Prozentsatz von Jungen und Mädchen in die Schule. Insofern ist Entwicklungszusammenarbeit mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein - ganz eindeutig.