Ukraine-Krieg

Entsetzen über Angriff auf Klinik - Russland dementiert

Ein angeblich gezielter Angriff russischer Truppen auf eine Geburtsklinik in Mariupol löst Entsetzen aus. Moskau widerspricht der Darstellung. Währenddessen warnen die USA vor einem russischen Einsatz chemischer Waffen.

Von Hannah Wagner, Andreas Stein und Benno Schwinghammer, dpa Aktualisiert: 10.03.2022, 19:22
Eine verletzte schwangere Frau in einem beschädigten Treppenhaus. Nach ukrainischen Angaben stammt das Bild aus dem beschossenen Krankenhaus in Mariupol.
Eine verletzte schwangere Frau in einem beschädigten Treppenhaus. Nach ukrainischen Angaben stammt das Bild aus dem beschossenen Krankenhaus in Mariupol. Evgeniy Maloletka/AP/dpa

Kiew/Moskau - Nachrichten aus dem Krieg sind oft schrecklich, doch der russische Angriff auf das Gebäude einer Geburtsklinik in der ukrainischen Hafenstadt Mariupol hat international besonders großes Entsetzen ausgelöst.

„Es gibt wenige Dinge, die verkommener sind, als die Verletzlichen und Hilflosen ins Visier zu nehmen“, schrieb der britische Premierminister Boris Johnson am Mittwochabend bei Twitter. Die Sprecherin von US-Präsident Joe Biden, Jen Psaki, sprach von „barbarischer Anwendung militärischer Gewalt gegen Zivilisten“. Moskau weist die ukrainische Darstellung entschieden als Falschmeldung zurück.

Das Gebäude wurde offenbar am Mittwoch beschossen. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj berichtete von 3 getöteten Zivilisten und 17 Verletzten.

Russland dementiert

Russland habe bereits am 7. März die Vereinten Nationen informiert, dass in der ehemaligen Klinik kein medizinisches Personal mehr sei, sondern ein Lager ultraradikaler Kämpfer des ukrainischen Bataillons Asow, sagte dagegen Russlands Außenminister Sergej Lawrow am Donnerstag in Antalya nach Gesprächen mit seinem ukrainischen Kollegen Dmytro Kuleba. Er sprach von einer „Manipulation“ der gesamten Welt mit Informationen zu mutmaßlichen Gräueltaten der russischen Armee.

Selenskyj wies Lawrows Vorwürfe zurück: „Die Russen wurden (im Fernsehen) damit belogen, dass angeblich in dem Krankenhaus keine Patienten und in dem Geburtshaus keine Frauen und Kinder waren“, sagte der Staatschef in einer Videobotschaft. Das sei alles eine „Lüge“. Der Kreml in Moskau kündigte eine Untersuchung an.

Bilder verbreiten sich in sozialen Medien

Unterdessen kursieren in sozialen Netzwerken vor allem zwei Bilder: Das eine zeigt eine hochschwangere Frau auf einer Treppe voller Schutt, sie trägt einen gepunkteten Jogginganzug, im Brustbereich ist ein Teddybär aufgenäht, in ihrem Gesicht klebt Blut. Das zweite Bild zeigt eine offenbar ebenfalls schwangere Frau, die auf einer Liege durch Trümmer getragen wird. Beide Aufnahmen stammen laut ukrainischer Darstellung von dem Gelände des betroffenen Entbindungsheims.

USA: Reale Gefahr von Chemiewaffen-Einsatz

Die USA sehen währenddessen ein steigendes Risiko für den Einsatz von Bio- oder Chemiewaffen durch Russland. Kursierende „Propaganda“ aus Moskau über die angebliche Produktion von Massenvernichtungswaffen durch die Ukraine könnten ein Vorwand sein, um diese selbst einzusetzen, sagte der stellvertretende amerikanische UN-Botschafter Jeffrey Prescott der Deutschen Presse-Agentur.

„Russland hat diese neuen falschen Behauptungen aufgestellt. Wir haben gesehen, dass China diese Propaganda unterstützt hat. Und deshalb sollten wir Ausschau halten, ob Russland möglicherweise chemische oder biologische Waffen in der Ukraine einsetzt oder eine Operation unter falscher Flagge startet“, sagte Prescott.

„Russlands Einsatz chemischer Waffen, einschließlich versuchter Attentate und Vergiftungen von Putins politischen Feinden, einschließlich (Alexej) Nawalny, sind gut dokumentiert“, betonte Prescott. Außerdem unterstütze Moskau das „Assad-Regime“ in Syrien, das wiederholt chemische Waffen eingesetzt habe. Russland unterhalte außerdem in Verletzung des Völkerrechts seit langem ein biologisches Waffenprogramm. Die nun kursierenden Vorwürfe gegen die Ukraine seien „genau die Art von falschem Vorwand, vor dem wir seit einigen Monaten warnen, dass Russland ihn erfinden würde.“

Auch Johnson warnt

Auch der britische Premierminister Boris Johnson warnt davor, Russland könne im Ukraine-Krieg chemische Waffen einsetzen. „Die Dinge, die man über chemische Waffen hört, stammen exakt aus Russlands Drehbuch“, sagte Johnson in einem Interview mit dem Sender Sky News.

„Sie beginnen, in dem sie sagen, dass ihre Gegner oder die Amerikaner chemische Waffen lagern“, sagte Johnson über die russische Führung. „Und wenn sie dann selbst chemische Waffen einsetzen, was ich fürchte, dass sie das tun könnten, haben sie schon eine Art "Maskirovka", eine Fake-Geschichte, bereit.“

Bitte um Hilfe für Mariupol

Die ukrainische Vizeregierungschefin Iryna Wereschtschuk wandte sich in einem dramatischen Appell an die internationale Gemeinschaft. „Helft Mariupol! Dort ist eine reale humanitäre Katastrophe“, sagte die 42-Jährige am Donnerstag per Videobotschaft.

Die strategisch wichtige Hafenstadt am Asowschen Meer wird seit mehreren Tagen von russischen Truppen belagert. Zuletzt scheiterten mehrere Versuche, Zivilisten zu evakuieren. Die humanitäre Lage ist Beobachtern zufolge katastrophal.

Es sei zum wiederholten Male kein Hilfstransport zustande gekommen. „Weder Wasser, noch Medikamente oder Lebensmittel gelangten zu den Menschen, die sich unter totalem Beschuss mehrere Tage hintereinander befinden“, betonte die Ministerin. Im Gebiet Donezk sei der Fluchtkorridor von Wolnowacha nach Pokrowsk ebenso nicht zustande gekommen.

Parallel dazu seien zu anderen Städten erfolgreich humanitäre Korridore eingerichtet worden. „Aus den Städten Sumy, Trostjanez, Krasnopillja haben wir in Richtung Poltawa innerhalb der vergangenen zwei Tage mehr als 60.000 Menschen herausgebracht“, sagte Wereschtschuk. Das habe Frauen, Kinder, Behinderte und Alte betroffen. Ihr zufolge ist es zudem im Gebiet Charkiw gelungen, etwa 3000 Menschen aus der Stadt Isjum zu retten.

Parallelen zu Aleppo und Grosny

Es wird befürchtet, dass die Lage in Mariupol durch die russische Belagerung letztendlich so dramatisch werden könnte wie einst in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny und im syrischen Aleppo. „Ich denke, was man in Mariupol vorfinden wird, wenn der Krieg vorbei ist, wird schrecklich sein“, sagte der französische Außenminister Jean-Yves Le Drian kürzlich. Auch der Chef der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, Kenneth Roth, zog bereits die Parallele zu Aleppo und Grosny.

Ungeachtet der wiederholten Beteuerungen aus Moskau, nicht gezielt Zivilisten anzugreifen, meldete Mariupol am Donnerstag einen erneuten Beschuss von Wohngebieten. Nach Angaben der lokalen Behörden wurden mehrere Bomben abgeworfen. Auch das ließ sich zunächst nicht überprüfen. „Die Zerstörung ist enorm“, teilte der Stadtrat von Mariupol mit.

UN-Menschenrechtsbüro: 549 Zivilisten getötet

Das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte dokumentierte seit dem Einmarsch Russlands am 24. Februar und bis Mittwoch, 00.00 Uhr, den Tod von 549 Zivilisten in der Ukraine. Am Vortag waren es 516. Darunter waren 41 Minderjährige, wie das Büro in Genf berichtete. Dem Büro lagen zudem verifizierte Informationen über 957 Verletzte vor. Am Vortag waren es 908.

Die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Michelle Bachelet, betont stets, dass die tatsächlichen Zahlen mit Sicherheit deutlich höher lägen. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bräuchten oft Tage, um Opferzahlen zu überprüfen. Das Hochkommissariat gibt nur Todes- und Verletztenzahlen bekannt, die es selbst unabhängig überprüft hat.