Ex-DDR-Wurstwerk von Tönnies Nach Schock über "Eberswalder"-Schließung: Mickrige Abfindung sorgt für Empörung
Ende Februar schließt die ehemals größte Fleischfabrik Europas: die Eberswalder Wurstwerke in Britz. Dadurch verlieren 500 Mitarbeiter ihre Jobs – und erhalten nur eine mickrige Abfindung.

Britz. – Es war ein Schock für die Mitarbeiter des ostdeutschen Traditionsunternehmen Eberswalder: Am 6. Januar wurde die Schließung des ehemals größten Fleischwerks Europas in Britz bei Eberswalde bekannt gegeben. 500 Mitarbeiter verlieren ihre Jobs – und erhalten als Entschädigung für jahrelange Treue eine ziemlich kleine Abfindung.
Nach seiner Gründung im Jahr 1977 entwickelte sich das Eberswalder Wurstwerk mit 3.000 Mitarbeitern zur größten Fleischfabrik Europas. Nun steht es vor dem Aus. Am 28. Februar soll das Fleischwerk schließen. Produziert soll künftig an anderen ostdeutschen Standorten werden: in Suhl, Chemnitz oder Zerbst.
Lesen Sie auch: Spülmittel Fit auf dem grünen Zweig: Vom Ost-Kult zum internationalen Klassiker
Gewerkschaftsvorsitzender kritisiert geringe Abfindungen für Mitarbeiter
Ganz zum Unmut von Uwe Ledwig, Vorsitzender der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) im Landesbezirk Ost. Der kennt den Betrieb gut, war im Jahr 2000 bei der Insolvenz und 2023 bei der Übernahme durch Tönnies dabei. Gegenüber dem Focus kritisierte er jetzt vor allem die geringen Abfindungen.
Möglich wurden diese nur, weil die "zur Mühlen Gruppe", die zu Tönnies gehört, die Übernahme wegen der Gründung einer neuen Gesellschaft als Neugründung wertet, obwohl der Betrieb seit Jahrzehnten besteht.
Dadurch griff §112a des Betriebsverfassungsgesetzes, der Betriebe in den ersten vier Jahren nach der Gründung von verpflichtenden Sozialplänen befreit.
Lesen Sie auch: Streit um Marken-Nutzung bei Eberswalder Würstchen droht
Abfindungen für Mitarbeiter von "Eberswalder": "Eines Milliardärs unwürdig"
"Das heißt, den Mitarbeitern stehen rechtlich keine Abfindungen zu. Das hat der Arbeitgeber in den Verhandlungen natürlich genutzt", sagt Ledwig.
Geplant ist, den Mitarbeitern ein Viertel ihres Bruttomonatsgehalts pro Beschäftigungsjahr auszuzahlen. Dies seien in den meisten Fällen 15.000 Euro Brutto. "Damit wird die Abfindung für langjährig Beschäftigte und ein Drittel der ehemaligen Werkvertragsarbeiter de facto halbiert". so Ledwig weiter.
Für den Gewerkschaftler ist es die "unterste Schublade und eines Milliardärs unwürdig", die Leute nach teilweise 45 Jahren im Betrieb so nach Hause zu schicken. Ledwig vermutet, dass es Tönnies nie um den Betrieb ging, sondern mit "Eberswalder" nur auf eine "Traditionsmarke im Osten mit Gewicht und Qualität" scharf war.
Auch interessant: Trabis und Tatra-Bahnen: So sah Magdeburg in der DDR aus – Mit Videos
Er wirft dem Fleischgiganten vor, nur mit "den Hoffnungen der Mitarbeiter, die durch die Insolvenz gebeutelt waren", gespielt zu haben. Schließlich versprach Tönnies im Jahr 2023 bei der Übernahme die lang benötigten Investitionen in das Fleischwerk.
Unternehmen weist Vorwürfe zurück
Gegenüber dem Focus wies Markus Eicher, Sprecher der EWN Wurstspezialitäten GmbH & Co. KG, die Vorwürfe zurück: "Es ist falsch, dass man in Britz nicht langfristig plante: Es gab Investitionen im höheren einstelligen Millionenbereich. Es wurden z.B. neue Geräte angeschafft und die Zahl der Belegschaft wurde erhöht. Das hätte man doch nicht gemacht, hätte man vorgehabt, den Standort bald wieder zu schließen."
Des Weiteren betonte der Sprecher, dass Clemens Tönnies nicht plane, "ostdeutsche Unternehmen plattzumachen". Laut dem Sprecher investiere der Fleischgigant sogar kräftig in diese Firmen.
Tönnies in der Kritik: Schalke-Fans mit Protestplakaten beim Spiel gegen Dresden
Zuletzt stand Clemens Tönnies auch an anderer Stelle in der Kritik. Am vergangenen Samstag protestierten Fans des FC Schalke 04 beim Spiel gegen Dynamo Dresden gegen eine mögliche Aufnahme des Fleischgiganten ins Ehrenpräsidium von Schalke.
Etliche Plakate mit Sprüchen wie "Halt dich an dein Wort, Schweinepriester!" oder "Tönnies-Verdienste für unseren Verein: Schulden, Rufschädigung und Intrigen! Nein zum milliardenschweren Ekelschwein!" waren in der Ultra-Kurve der Gelsenkirchener zu sehen.
Tönnies war langjähriger und umstrittener Aufsichtsratsvorsitzender des FC Schalke 04. Im Sommer 2020 musste er nach 26 Jahren seinen Posten räumen. Die Vorwürfe: Rassismus, Fehlentscheidungen, hoher Schuldenstand und massive Probleme in seinem Fleischkonzern während der Corona-Zeit.