Starke Frauen

Mit Anlauf zurück ins Leben

Die Volksstimme stellt starke Frauen in der Wirtschaft vor. Heute: Tina Eicher, Inhaberin des "Mademoiselle Cupcake" in Magdeburg.

Von Elisa Sowieja 22.12.2016, 00:01

Magdeburg l Wenn Tina Eicher ihre Steuererklärung ausfüllt, dann trägt sie in das Feld zum Beruf „Unternehmerin“ ein. Doch eigentlich stimmt das gar nicht. Streng genommen ist sie eine Mischung aus Unternehmerin, Designerin, bildender Künstlerin, Fotografin und Lehrerin. Mit Schriftgröße sechs dürfte das sogar ins Feld passen. Allerdings würde sich der zuständige Finanzbeamte beim Lesen vermutlich verschaukelt fühlen.
Wer mit der Magdeburgerin einen Plausch in ihrem kleinen Café hält, versteht, wie es zu dieser Kombination kommt. Im „Mademoiselle Cupcake“ verkauft sie selbst designte Törtchen und Torten, die glatt als Kunstgebilde durchgehen: Auf Cremehäubchen betten sich filigrane Tannenbäume, Schneeflocken, Lippenstifte – alles aus Zucker oder Schokolade. Neue Kreationen setzt Eicher vor der Kamera in Szene, um sie auf ihrer Facebook-Seite zu präsentieren. Und die Lehrerin? Zu der wird sie in ihren Backkursen.
Letztere sind stets ein halbes Jahr im Voraus ausgebucht. Auch die anderen Bereiche scheinen zu laufen. Pro Woche, sagt die Ladeninhaberin, stehen drei bis vier Aufträge für Cupcake- und Torten-Lieferungen in den Büchern – meist für Hochzeiten, oft aber auch für Junggesellinnenabschiede oder Kindergeburtstage. Und im Café werden in diesem Zeitraum um die 150 Törtchen serviert. Inzwischen beschäftigt sie zwei Konditorinnen, die ihr das Backen größtenteils abnehmen. Nicht schlecht für jemanden, der erst 26 Jahre alt ist – und schon ein herbes Schicksal wegstecken musste: eine Krebserkrankung. Wenn Tina Eicher darüber redet, macht sie das mit einer bemerkenswerten Leichtigkeit. Von einem „kleinen Rückschlag“ spricht die zarte, elegant gekleidete Frau und lächelt dabei offenherzig.
Es war kurz vor der Bachelorarbeit ihres Studiums in Ernährungswissenschaften, als sie die Diagnose Lymphdrysenkrebs erhielt. „Natürlich habe ich mich gefragt, ob ich es schaffe“, erzählt die junge Frau. „Aber heute ist das aus meinem Kopf so gut wie verschwunden.“ Wie sie sich all die Zeit lang beschäftigte, in der sie zu Hause bleiben musste, ist ihr allerdings noch sehr präsent: Sie begann, Cupcakes zu backen. Die Rezepte zog sie aus dem Internet, die Verzierungen übte sie erst einmal mit Knete.
Nach einem Jahr hatte sich Tina Eicher wieder aufgerappelt. Nun ging‘s mit Anlauf zurück ins Leben: Sie machte ihr Studium fertig und feilte parallel dazu an ihren Backkünsten – nicht nur für Familie und Freunde, sondern auch für erste Auftraggeber. Gleich nach dem Abschluss stand fest, dass sie sich selbständig machen will. „In der Ernährungswissenschaft hatte ich in der Region kaum eine Perspektive.“ Cupcakes lagen im Trend, warum also nicht ein passendes Café eröffnen? Und die Idee, Kurse zu geben, schwirrte ihr schon im Kopf herum, seit sie Jahre zuvor bei einem Praktikum in Nürnberg Kindern Kochunterricht gegeben hatte.
Bevor es losging, sammelte die Magdeburgerin noch ein Jahr lang Erfahrung als Servicekraft in einem Kaffeehaus. „Ich wollte vor allem lernen, wie man mit Gästen umgeht. Damals war ich ziemlich schüchtern.“ Wenn man heute mit ihr spricht, kann man sich das kaum vorstellen. Zum Programm gegen die Schüchternheit gehörte auch, dass sie sich für eine Magdeburger Modenschau bewarb – und danach sogar über Laufstege in Berlin spazierte.
Als es dann vor zwei Jahren soweit war, kam Eicher ganz ohne Bank aus. Sie und ihr Freund – er kümmert sich bis heute um das Marketing und arbeitet nebenbei als Fotograf – kratzten ihre Ersparnisse zusammen, dazu kam ein Kredit aus der Familie. Mit 15?000 Euro Startkapital entstand ein Laden im Vintage-Stil: Holzbänke, die mit Schleifpapier auf Alt getrimmt wurden. Eine Original-Kasse aus den 60er Jahren. Stühle aus dem 19. Jahrhundert – einer sogar vom Dachboden der Oma.
Das Startkapital, erzählt Tina Eicher, sei inzwischen wieder eingespielt. Seit kurzem beschäftigt sie sich übrigens mit Adam, Eva und Schneewittchen. Sie bastelt nämlich an kreativen Benennungen für ihre Törtchen. Quasi als Namenserfinderin – noch ein Beruf.
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