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Rüstung kurbelt Wirtschaft an Trendwende? Industrieaufträge schüren Konjunkturhoffnung

Das neue Jahr beginnt mit kräftigen Bestellungen für die Industrie - etwa bei Rüstungsgütern. Die Branche könnte wegen staatlicher Militärausgaben zum entscheidenden Treiber für die Wirtschaft werden.

Von Alexander Sturm, dpa und Bernd Zeberl, dpa-AFX Aktualisiert: 08.01.2026, 14:15
Endlich ein Hoffnungsschimmer: Ökonomen sehen Besserung für die deutsche Industrie (Archivbild)
Endlich ein Hoffnungsschimmer: Ökonomen sehen Besserung für die deutsche Industrie (Archivbild) Marcel Kusch/dpa

Wiesbaden - In der krisengeschüttelten deutschen Industrie schüren unerwartet starke Bestellungen die Hoffnung auf bessere Zeiten. Im November stieg der Auftragseingang um 5,6 Prozent zum Vormonat, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Experten hatten nach einem starken Oktober-Wert mit einem Rückgang gerechnet. 

Die guten Auftragszahlen - das größte Plus seit Ende 2024 - sorgten auch an der Börse für Optimismus und trieben den Leitindex Dax zeitweise auf ein Rekordhoch. Ökonomen setzen darauf, dass steigende Rüstungsausgaben die Konjunktur ankurbeln. Zugleich warnen sie vor zu viel Optimismus für die deutsche Wirtschaft, die 2026 nach drei Jahren ohne Wachstum wieder zulegen soll. 

Ökonomen sehen mögliche Trendwende 

„Endlich mal eine Zahl von der deutschen Konjunktur, an der es nichts zu meckern gibt“, sagte Jens-Oliver Niklasch von der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Er sieht darin ein echtes Zeichen für eine mögliche Trendwende. Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der Liechtensteiner VP Bank, sprach von einer „freudigen Konjunkturüberraschung“. 

Deutliche Auftragszuwächse im November gab es etwa für Hersteller von Metallerzeugnissen mit gut 25 Prozent und im Sonstigen Fahrzeugbau (Flugzeuge, Schiffe, Züge, Militärfahrzeuge) mit einem Plus von 12,3 Prozent. „In diesen Bereichen wurde ein hohes Volumen an Großaufträgen verzeichnet,“ erklärten die Statistiker. Ohne Großaufträge war der Auftragseingang 0,7 Prozent höher als im Vormonat. Moderate Zuwächse gab es auch bei elektrischen Ausrüstungen und im Maschinenbau.

Die Auftragseingänge dürften in den kommenden Monaten vor allem von Rüstungsaufträgen geprägt bleiben, meint Gitzel. Der US-Angriff auf Venezuela führe eindrücklich vor Augen, dass es in der derzeitigen Weltordnung auf militärische Stärke ankomme. Die deutsche Rüstungsbranche werde deshalb zu einem der wichtigsten Treiber für die Industrie gehören. 

Ähnlich äußerte sich der wissenschaftliche Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung, Sebastian Dullien. Rüstungsbestellungen dürften zu weiter steigenden Auftragseingängen führen. Das Auftragsplus sei ein weiteres Indiz, dass die steigenden Staatsausgaben im neuen Jahr die Wirtschaft ankurbeln werden. 

„Diese Stütze ist für die Industrie hochwillkommen“, betonte Dullien. 2026 dürfte deutlich besser für die deutsche Industrie werden als das abgelaufene Jahr. Neben steigenden Staatsausgaben für Rüstung dürfte auch der Anstieg bei Infrastrukturinvestitionen der Industrie mehr Aufträge bescheren. 

Krise der Industrie: 120.000 Jobs verloren

Die Schwäche der Industrie ist einer der wesentlichen Gründe für die Krise der deutschen Wirtschaft, die zwei Jahre in Folge geschrumpft ist und 2025 stagnieren dürfte. Ende des dritten Quartals 2025 waren laut Statistischem Bundesamt rund 5,43 Millionen Menschen in der Industrie beschäftigt – ein Rückgang von 120.300 Beschäftigten in einem Jahr.

Die Krise der Industrie spiegelt sich auch in gestiegenen Insolvenzen wider: Sie lagen laut dem Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) 2025 auf dem höchsten Stand seit 20 Jahren.

Im neuen Jahr könnte die deutsche Wirtschaft wieder an Fahrt gewinnen - nicht zuletzt wegen der staatlichen Milliardenausgaben. Forschungsinstitute wie das Ifo, das RWI Essen und das Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW) haben ihre Prognosen für 2026 zuletzt aber gesenkt und erwarten nur ein Plus von rund einem Prozent oder weniger. 

Die deutsche Wirtschaft leidet nicht nur unter strukturellen Problemen wie Bürokratie und teurer Energie. Auch die hohen US-Zölle und harte Konkurrenz aus China machen ihr zu schaffen. Dem Industrieverband BDI zufolge ist die Industrieproduktion 2025 das vierte Jahr in Folge geschrumpft.

Nun verdichten sich die Zeichen auf Besserung. Die Aufträge für die Industrie legten dem Statistischen Bundesamt im November sowohl im Inland mit einem Orderplus von 6,5 Prozent zu als auch aus dem Ausland (plus 4,9 Prozent). 

DIHK: „Aufschwung kein Selbstläufer“

Jupp Zenzen, Konjunkturexperte beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK), sieht die Lage geteilt. „Der dritte Anstieg bei den Auftragseingängen in Folge ist ein gutes Zeichen. Ohne die Berücksichtigung der insbesondere rüstungsgetriebenen Großaufträge fallen die Zuwächse allerdings deutlich bescheidener aus.“

Zumindest die Talsohle scheine nun erreicht. „Ein Aufschwung in der Industrie ist aber bei weitem kein Selbstläufer, die strukturellen Probleme am Standort Deutschland wie hohe Kosten, hohe Steuern und überbordende Bürokratie bleiben ungelöst.“