Das Corona-Virus (Covid-19) hält die Welt in Atem und produziert Unsicherheit, für Individuen wie für Länder und Unternehmen. Das Neue an der Pandemie ist seine Selektivität und Verbreitungsgeschwindigkeit. Während eine übliche Grippe alle Betroffenen gleichkrank macht, trifft das neue Virus vor allem die Alten und Schwachen.

Wo die saisonale Grippe jährlich etwa 10 Prozent der Bevölkerung trifft, werden sich weltweit zwischen 40 und 70 Prozent der Erwachsenen mit dem Virus infizieren. COVID- 19 ist bedeutend tödlicher und ansteckender. Der Grad der Durchseuchung wird in den nächsten Tagen und Wochen europaweit erheblich steigen. Ein Impfstoff wird frühestens Ende des Jahres vorliegen. Bis dahin muss alles getan werden, um die Verbreitung des Virus einzudämmen und zu verlangsamen. Andernfalls sind spätestens Mitte Mai mehr als eine Million Menschen in Deutschland mit dem Virus infiziert.

60 bis 70 Prozent werden sich infizieren

Während Italien seit dieser Woche das gesamte Land unter Quarantäne stellt, scheint China bereits auf dem Weg der Besserung. Das Reich der Mitte hat mit drastischen Maßnahmen auf das neue Virus reagiert und ganze Regionen und Städte abgeriegelt. Hätte das Land diese Maßnahmen nicht ergriffen, gäbe es in China heute wahrscheinlich Millionen Infizierte. Seit wenigen Tagen geht die Zahl der Infizierten dort erheblich zurück. Die in der Provinz Wuhan schnell errichteten Krankenhäuser wurden inzwischen wieder geschlossen. Auch Südkorea ist es gelungen, das Tempo der Ausbreitung durch weitflächige Virentests zu verlangsamen. Infizierte konnten so frühzeitig isoliert werden. Dagegen wird nach aktuellen Prognosen die Ausbreitung des Virus in Europa drastisch zunehmen. Weil ein Impfstoff nicht existiert, werden sich zwischen 60 und 70 Prozent der Menschen mit dem Virus infizieren. Davon geht inzwischen auch die deutsche Bundesregierung aus.

Risikoqualität ist höher

Im Unterschied zu bisherigen Epidemien wie Sars vor 18 Jahren (774 Tote) und Ebola vor fünf Jahren (11 300 Tote) ist die Risikoqualität von Covid-19 eine andere. Ähnlich wie die Flüchtlingskrise im Jahr 2015 bedeutet sie für das öffentliche Gesundheitswesen einen Stresstest. Es braucht vor allem drei Antworten, die kurz-, mittel- und langfristig wirken.

Erstens sind kurzfristige Einschränkungen des öffentlichen Lebens zum Schutz von Älteren und chronisch Kranken unerlässlich. Die meisten Länder in der EU, darunter auch Deutschland, sind etwa 10 Tage hinter Italien zurück. Diese Zeit sollten wir nutzen. Es gilt die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Italien, Österreich und auch die Schweiz reagieren bislang besonders effektiv. Alle größeren Veranstaltungen, geschlossen oder unter freiem Himmel, sollten für einen Monat abgesagt, Hochschulen geschlossen und Grenzkontrollen durchgeführt werden.

Zweitens braucht es in den nächsten Monaten eine bessere Bevorratung mit Masken, Schutzkleidung, Abstrich-röhrchen und einen massiven Ausbau der öffentlichen Gesundheit (Public Health). Das Verständnis, dass Gesundheit auch Sache der Gemeinschaft ist, ist verloren gegangen. Die aktuelle Situation war vorhersehbar und wurde bereits mit der Flüchtlingskrise 2015 sichtbar. Der öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD) mit seinen rund 400 Gesundheitsämtern als dritte Säule der Gesundheitsversorgung (neben der ambulanten und stationären Versorgung) ist in Deutschland seit den 90er Jahren zurückgefahren worden. Der Deutsche Ärztetag warnte 2014 vor den Folgen seines Ausblutens.

Weniger Ärzte in den Gesundheitsämtern

Die Zahl der Fachärzte in den Gesundheitsämtern ging zwischen 1995 und 2013 um mehr als ein Drittel zurück. Der ÖGD hat heute ein massives Image- und Fachkräfteproblem. Impfungen und Vorsorgeuntersuchungen gelten heute als individuelle Aufgaben der Patienten und Ärzte. Infektionen und Impfungen spielten im öffentlichen Gesundheitswesen gefühlt keine Rolle mehr. Die Folge: In der Altersgruppe der 30- bis 50-jährigen ist noch nicht einmal jeder Zweite geimpft. Eine Impfpflicht galt Anfang der 90er Jahre als Relikt aus DDR-Zeiten. Für viele ist sie es bis heute, wie die Debatte um den Schutz vor Masern bei Kindern zeigt. Ein effektiver Infektionsschutz ohne Impfen ist aber nicht möglich.

Und drittens muss es langfristig um den Ausbau und die bessere Kooperation supranationaler Institutionen gehen. Gesundheitskrisen überschreiten zunehmend Grenzen und haben das Potenzial, zu einer wirtschaftlichen, sozialen und politischen Krise zu werden. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat recht, wenn er eine gemeinsame europäische Seuchenbehörde nach dem Vorbild des Robert-Koch-Instituts fordert. Um Epidemien wie Covid-19 in Zukunft früher und schneller bekämpfen zu können, braucht es auch eine europäische Impfstoffstrategie. Vor 20 Jahren haben sich die meisten Länder aus der Herstellung von Impfstoffen zurückgezogen.

Heute liegt ihre Herstellung in den Händen von vier großen Pharmakonzernen. Die internationale Staatengemeinschaft hat seit 2017 eine gemeinsame Impfstoff-Initiative, in der die beteiligten Staaten mit Stiftungen, Pharmaunternehmen und Forschungseinrichtungen zusammenarbeiten. Die fortschreitende Digitalisierung kann die Zusammenarbeit erheblich verbessern, nach außen wie nach innen. In China hat eine App („Corona 100m“) geholfen, mit Corona infizierte Personen zu identifizieren, um dann gezielt Stadtteile oder ganze Regionen abzuriegeln. In Deutschland würde ein solches Vorgehen, das dem Seuchenschutz dient, am Datenschutz scheitern.

Die Corona-Epidemie wird wahrscheinlich verheerend sein. Wir müssen jetzt alles unternehmen, um ihre schnelle Verbreitung zu verlangsamen und künftige Epidemien zu verhindern. Als erfolgreich haben sich historisch jene Gesellschaften erwiesen, die untereinander vertrauensvoll kooperiert haben und nicht in einen Zustand kollektiver Angst und Panik verfallen sind. Nicht nur wir Menschen, auch Gesellschaft und Wirtschaft können ein starkes Immunsystem entwickeln.