Magdeburg l Als Ugur Sahin im Januar aus einer Fachzeitschrift vom Coronavirus erfährt, betrachten es viele noch als chinesisches Problem. Sahin nicht. „Ich war sofort alarmiert, dass dieser Ausbruch sich nicht auf China beschränken, sondern zur weltweiten Pandemie werden würde“, betont er in einem Interview.

Zehn Monate später steht Sahins Unternehmen Biontech kurz davor, die Zulassung eines Impfstoffs gegen Corona zu beantragen. „Lichtgeschwindigkeit“ heißt das Impfstoffprojekt seiner Firma passenderweise. „Er ist den Leuten immer einen Schritt voraus“, sagt ein Wegbegleiter im Interview über den Mediziner.

Die bisherige Erfolgsgeschichte mit dem Impfstoffkandidaten hat Sahin zu einem der reichsten Deutschen gemacht. Der Börsenwert des Mainzer Unternehmens Biontech, das er zusammen mit seiner Frau Özlem Türeci gründete, vervielfachte sich in den vergangenen Monaten. Als anerkannte Wissenschaftler galten die Eheleute schon vorher. Nun sind sie dazu steinreich und retten mit ihrem Impfstoff womöglich bald vielen Menschen das Leben.

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Am Hochzeitstag ins Labor zum Arbeiten

Tatsächlich ist die Geschichte von Sahin und Türeci vieles. Eine Unternehmergeschichte, eine Erfolgsstory der Wissenschaft. Und sie ist auch eine Erfolgsgeschichte zweier Einwandererkinder.

Sahin ist in der Türkei geboren. Als er vier Jahre alt ist, zieht seine Mutter mit ihm nach Köln, wo sein Vater in den Ford-Werken arbeitet. Später studiert Sahin dort Medizin, im Jahr 1992 promoviert er mit der Auszeichnung „Summa cum laude“. Sieben Jahre später wird er an der Uni Köln habilitiert. Daraufhin wechselt er ans Universitätsklinikum des Saarlandes. Dort lernt er Türeci kennen.

Auch sie hat türkische Wurzeln. Ihr Vater, ebenfalls Mediziner, war aus Istanbul nach Deutschland gekommen. Seine Tochter wird eine Pionierin der Krebsimmuntherapie. Als Türeci 2002 Sahin heiratet, sollen beide vor der Trauung noch im Labor gearbeitet haben. Auchdanach sollen sie wieder zurück an die Arbeit gegangen sein.

Im Jahr 2001 gründen Sahin und Türeci das Biopharmaunternehmen Ganymed. Die Firma entwickelte Krebsmedikamente, 15 Jahre später wird sie für mindestens 422 Millionen Euro verkauft. Biontech gründen Sahin und Türeci mit anderen im Jahr 2008. Auch diese Firma konzentrierte sich auf Krebsimmuntherapien – bis zum Januar 2020, als die Firmenchefs entschieden, einen Corona-Impfstoff zu entwickeln.

Biontech hat derzeit mehr als 1300 Mitarbeiter. Etwa ein Drittel von ihnen soll an der Entwicklung eines Corona-Impfstoffs beteiligt sein.

Biontech auch in Halle vertreten

Neben dem Unternehmenssitz in Mainz ist Biontech in Deutschland an sechs weiteren Standorten vertreten, darunter auch Halle. Das Unternehmen hat dort eine Adresse im Biozentrum am Weinbergweg. Nach Informationen der Volksstimme handelt es sich dabei um eine Forschergruppe mit einem Dutzend Mitarbeiter. Der Firmenstandort soll aus dem einstigen Unternehmen Lipocalyx hervorgegangen sein. Lipocalyx hatte bereits vorher mit Biontech zusammengearbeitet. Die Anfrage, inwiefern die Arbeitsgruppe an der Entwicklung des Impfstoffs beteiligt ist, blieb gestern unbeantwortet.

Weltweit haben mittlerweile zehn Impfstoffkandidaten die Phase drei der klinischen Prüfungen erreicht. In den USA oder der EU zugelassen ist noch keiner von ihnen. In Phase zwei der Prüfungen befindet sich der Impfstoff des Unternehmens Curevac aus Tübingen. Der Impfstoff des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF) und der Firma IDT Biologika mit Sitz in Dessau-Roßlau wird derzeit in Phase eins getestet.

Biontech arbeitet bei der Impfstoffentwicklung mit dem US-Pharmakonzern Pfizer zusammen. Beide haben angekündigt, im kommenden Jahr 1,3 Millarden Dosen ihres Impfstoffes herstellen zu wollen. Noch in diesem Jahr wollen sie bereits 50 Millionen Dosen produzieren.

Hoffnungsträger trotz hoher Verluste

Einen Gewinn erwirtschaftet Biontech mit der Impfstoffentwicklung bislang nicht. Zwar ist der Unternehmenswert in den vergangenen Monaten in die Höhe geschossen, die Firma machte aber trotzdem Verluste. Wie das Börsen-Unternehmen gestern bekanntgab, stand im dritten Quartal ein Minus von 210 Millionen Euro zu Buche. Insgesamt habe die Firma in diesem Jahr schon einen Nettoverlust von rund 350 Millionen Euro eingefahren.

Sahin ist trotzdem zuversichtlich. Die erste Zwischenanalyse aus der globalen Phase-3-Studie sei „ein Wendepunkt“, sagte er gestern zur Geschäftsentwicklung. Die Ergebnisse dieser Zwischenanalyse hatte Biontech am Montag präsentiert. Schwere Nebenwirkungen seien bislang nicht registriert worden. „Diese Daten bringen uns einer möglichen Lösung für die aktuelle globale Pandemie einen Schritt näher“, sagt Sahin.

In einem Interview hat der Biontech-Chef die Herausforderungen, denen sich sein Unternehmen stellen muss, einmal mit denen des US-Elektroautobauers Tesla verglichen. Doch der Unterschied zwischen ihm und Tesla-Gründer Elon Musk ist groß. Sahin wirkt bei seinen Auftritten bescheiden, von Glamour und Inszenierung keine Spur. Sachlich und mit sanfter Stimme berichtet er von Forschungen – mehr zurückhaltender Wissenschaftler als smarter CEO.

Sahin und Türeci sollen laut „Welt am Sonntag“ mittlerweile über ein Vermögen von 2,4 Millarden Euro verfügen. Damit schafften sie es in der Liste der reichsten Menschen in Deutschland auf Platz 93. Die Entscheidung zur Impfstoffentwicklung im Januar sei jedoch nicht nur eine unternehmerische gewesen, betonte Sahin in einem Interview. „Wir sahen uns auch verpflichtet, hier etwas zu tun, weil wir die Grundvoraussetzung dafür haben, Impfstoffe zu entwickeln“, sagt er. (mit dpa und AFP)