Den 19. März 1970 hat Jürgen Valdeig bis heute nicht vergessen. Gemeinsam mit Tausenden anderen DDR-Bürgern jubelte der heute 68-jährige Kunsthändler vor 50 Jahren auf dem Erfurter Bahnhofsvorplatz dem damaligen Bundeskanzler Willy Brandt (1913–1992) zu. Im Hotel „Erfurter Hof“ gegenüber dem Bahnhof führte der SPD-Politiker Regierungsgespräche mit dem DDR-Ministerratsvorsitzenden Willy Stoph. Es war das erste deutsch-deutsche Gipfeltreffen.

Im Gedächtnis geblieben ist es vor allem wegen des Empfangs, den die Erfurter dem SPD-Politiker bereiteten. Menschentrauben durchbrachen Polizeiabsperrungen vor dem Tagungshotel, ihr Ruf „Willy Brandt ans Fenster!“ und Fotos vom Kanzler am Hotelfenster sind bis heute unvergessen. „Wir haben damals auf Annäherung der beiden deutschen Staaten gehofft“, erinnert sich der Erfurter Valdeig.

„Erfurt war die Initialzündung für die deutsch-deutsche Entspannungspolitik“, analysiert der Historiker Steffen Raßloff. Mit dem Sozialdemokraten Brandt war 1969 ein Politiker Bundeskanzler geworden, der nach Jahren des Kalten Krieges mit festgefügten Ost-West-Blöcken auf Aussöhnung Westdeutschlands mit Osteuropa und Entspannung setzte.

Das schloss neue Akzente in der deutsch-deutschen Politik ein. Im Bundestag sprach Brandt in seiner ersten Regierungserklärung von „zwei Staaten in Deutschland“, die „füreinander nicht Ausland“ seien – eine Abkehr vom „Alleinvertretungsanspruch“ der CDU-Kanzler vor ihm.

Die völkerrechtliche Anerkennung der DDR durch die Bundesrepublik, wie von DDR-Staatschef Walter Ulbricht gefordert, schloss Brandt allerdings aus. Er strebte vielmehr Erleichterungen für die Menschen in beiden deutschen Staaten an. Valdeig träumte vor allem von Reiseerleichterungen. „Ich wollte unbedingt mal in die USA.“

Viele andere nach dem Mauerbau 1961 von Angehörigen und Freunden getrennte Menschen hätten sich vor allem Verbesserungen bei Familienbesuchen erhofft, sagt der Erfurter Historiker Raßloff. „Und auch eine bessere Versorgungslage.“ Am Tag des Brandt-Besuchs lagen auf einmal Bananen und andere Südfrüchte in Erfurter Schaufenstern, wie ältere Erfurter noch heute erzählen.

Valdeig, damals Elektromechaniker, war noch am Morgen des Besuchstages wie immer zur Arbeit nach Vieselbach bei Erfurt gefahren. Kurz darauf kehrte er jedoch wieder zum Bahnhof in der heutigen thüringischen Landeshauptstadt zurück, wo die Massen Brandt zujubelten – ungeachtet des Verbots der DDR-Staatsorgane für Erfurter Betriebe, ihren Beschäftigten an diesem Tag frei zu geben.

„Es war einfach unglaublich. Und die vielen Presseleute – so was hatte ich noch nie erlebt“, erinnert sich Valdeig. Rund 350 Journalisten aus 42 Ländern berichteten aus Erfurt von dem Treffen und darüber, wie sehr die DDR-Sicherheitskräfte von dem Ansturm der Menschen überrumpelt wurden.

„Es wurden eilends zusätzliche 500 Kräfte der Staatssicherheit aus Gera und Suhl geholt, um die Leute zurückzudrängen“, erzählt Alrun Tauché, Leiterin der Erfurter Außenstelle der Stasi-Unterlagenbehörde. Insgesamt seien während des Treffens 5000 bewaffnete Kräfte im Einsatz gewesen, darunter fast 1000 des Ministeriums für Staatssicherheit.

115 Menschen wurden dem „zentralen Filtrier- und Untersuchungsstützpunkt“ der Polizei „zugeführt“, einzelne blieben in Haft, wie Raßloff recherchiert hat. Die Vorwürfe: provokatorische Beifallskundgebungen, Zusammenrottung, Staatsverleumdung, Fotografieren von Sicherungsmaßnahmen.

„Der Staatsmacht war die Situation völlig aus den Händen geglitten“, resümiert der Historiker. Die DDR-Staatsführung zog ihre Lehren aus Erfurt. Als Brandts Kanzler-Nachfolger Helmut Schmidt (SPD) 1981 mit DDR-Staatschef Erich Honecker in Güstrow zusammentraf, war die Stadt, abgesehen von Mitarbeitern der Staatssicherheit und der Polizei, menschenleer. (dpa)