Neuhardenberg (dpa) l Karl Marx ist in Neuhardenberg nicht vergessen. Zu Füßen eines Denkmals am nördlichen Ende des Dorfangers steht ein Korb mit frischen Frühlingsblühern. „Er wäre jetzt 200 Jahre alt geworden. Zu seinem Geburtstag am 5. Mai veranstalten wir deshalb ein Geschichtsforum“, sagt Dietmar Zimmermann, Vorsitzender des Neuhardenberger Heimatvereins. Auch wenn der Theoretiker des Kommunismus nie in dem geschichtsträchtigen Ort am Rande des Oderbruchs östlich von Berlin gewesen ist, gehört er laut Zimmermann doch zur Historie Neuhardenbergs.

Denn das ehemalige Gut Quilitz, das Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. im Jahr 1814 seinem Staatskanzler Karl August Freiherr von Hardenberg geschenkt hatte und das daraufhin zu „Neu-Hardenberg“ wurde, war 1949 in „Marxwalde“ umbenannt worden. Wer genau dafür verantwortlich war, ist laut Hobbyhistoriker Zimmermann nicht überliefert.

„Fest steht, dass es ein paar aktive Kommunisten gab, die den Junkernamen Hardenberg auslöschen wollten“, sagt der 57-Jährige. Der Gemeinderat sei so lange „bearbeitet“ worden, bis sich für die Umbenennung eine Mehrheit fand, erzählt Vereinsmitglied Lothar Banse, nach dessen Recherchen auch die Namen „Thälmannfelde“ oder „Engelshagen“ im Gespräch waren. Die Dorfbevölkerung war laut Zimmermann gegen eine Umbenennung, wurde jedoch nicht gefragt. 41 Jahre lang sollte der Ort den Namen behalten.

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Dabei hätten die neuen Machthaber nach 1945 stolz auf die Bezeichnung Neuhardenberg sein können. Gehörte der letzte adelige Schlossherr Carl Hans von Hardenberg doch zu den Hitler-Attentätern vom 20. Juli 1944, saß dafür sogar im Konzentrationslager. Doch die DDR-Führung sah keinen Grund, die noch von den Nationalsozialisten vorgenommene Enteignung der Hardenbergs zurückzunehmen.

Im Gegenteil: Als sich die Familie 1958 nach dem Tod des Grafen darum bemühte, seine sterblichen Überreste in Marxwalde beisetzen zu lassen, lehnte der damalige Bürgermeister Karl Linse ab: „Wir wollen weder die Junker noch ihre Asche wieder haben.“ Rückgängig gemacht wurde die Umbenennung des Ortes erst in Wendezeiten 1990, in der Zeit, in der aus dem sächsischen Karl-Marx-Stadt auch wieder Chemnitz wurde. Und so findet sich noch heute jede Menge Marx in dem 2600-Einwohner-Dorf: Die Ortsdurchfahrt heißt noch immer Karl-Marx-Allee, im Dorfmuseum gibt es alte „Marxwalde“-Schilder und natürlich das Denkmal des Philosophen auf dem Dorfanger. Ursprünglich sollte der Ort mit der Umbenennung zu einem „sozialistischen Musterdorf“ umgestaltet werden. 1959 aber entdeckte die Nationale Volksarmee den Standort für sich.

Vergangenheit vergessen

Der Flugplatz, auf dem die DDR-Regierungsstaffel stationiert war, unterlag strengster Geheimhaltung. Für den gebürtigen Sachsen gehört Marx zur Geschichte des Dorfes. „Wenn unser Ort nach ihm benannt war, soll man hier auch wissen, wer er war.“ Die Vergangenheit unter dem Name „Marxwalde“ sei bei vielen Bewohnern allerdings längst vergessen, muss der Vereinsvorsitzende zugeben, auch wenn Ortsvorsteher Mario Eska (die Linke) das Gegenteil behauptet.

„Interesse gibt es vor allem bei Leuten von außerhalb, die uns sogar Leihgaben für unsere Marx-Sonderausstellung im Heimatmuseum zur Verfügung gestellt haben“, so Zimmermanns Erfahrung. Beim Geschichtsforum am 5. Mai im Tagungssaal des Schlosses soll es darum gehen, welche Bedeutung der Philosoph heute noch hat, sagt er. Das Baugeschehen und die Entwicklung des Ortes in den 1960er und 70eer Jahren stehen im nächsten Jahr im Mittelpunkt, dann feiert der Verein „70 Jahre Marxwalde“.