Helsinki (dpa) l Nicht nur beim Brexit wartet eine Mammutaufgabe auf den neuen EU-Ratsvorsitzenden Finnland. Die Skandinavier setzen auf ihr diplomatisches Geschick und pragmatische Ansätze. Sie dürften vor allem ein Thema auf die EU-Agenda bringen, das ihnen am Herzen liegt.

Das glücklichste Völkchen der Erde soll es nun richten in Brüssel: Finnland hat am Montag Rumänien abgelöst, übernimmt turnusgemäß für sechs Monate den Vorsitz der EU-Länder. Auf die kühlen und pragmatischen Skandinavier warten einige schwierige Aufgaben, darunter der für Ende Oktober geplante Brexit und das Geschachere um den nächsten EU-Haushaltsplan. Die neue sozialdemokratische Regierung in Helsinki mit starker Beteiligung der Grünen will aber vor allem ein Thema voranbringen: eine äußerst ehrgeizige Klimapolitik. „Die Zeit für eine Ja-Aber-Politik beim Klimawandel ist jetzt vorbei“, sagte Ministerpräsident Antti Rinne.

Dass ausgerechnet die 5,5 Millionen Finnen in ihrem großen Land Nummer eins im UN-Glücksreport sind, liegt sicher nur zum Teil an ihrem Wohlstand und dem ausgefeilten Sozialstaat. Es ist wohl auch die Euphorie über das schier unendliche Licht in diesen Mittsommertagen, die für lange und dunkle Winter entschädigen. Ganz so entspannt dürften die nächsten sechs Monate in Brüssel nicht werden. Nach der zähen Suche nach neuen Chefs der EU-Institutionen wartet auf die Finnen gleich die nächste harte Nuss. Der Finanzrahmen für die Jahre 2021 bis 2027 soll bis zum Jahresende stehen. Aber wo sparen – wenn bald die Briten als starke Nettozahler fehlen? Wo neue Schwerpunkte setzen – wenn bisher mehr als zwei Drittel der EU-Gelder an Landwirtschaft und Hilfsfonds geht? Wie neue Aufgaben finanzieren, etwa das bessere Management von Migration oder Investitionen in neue Technologie? Diese Finanzverhandlungen sind in Brüssel immer epische Verteilungskämpfe, aber diesmal dürfte es noch schwieriger werden. Denn Sozialdemokrat Rinne machte klar, dass Finnland als Nettozahler klare Kante zeigen will: Die Verteilung von Geldern soll daran gekoppelt werden, dass Empfängerländer Rechtsstaatlichkeit einhalten. Rinne: „Wir können nicht Grundwerte ruinieren, wie dies derzeit in einigen Ländern geschieht.“

Spätestens Oktober dürfte dann auch der britische EU-Austritt wieder Krisensitzungen nötig machen. Nach der absehbaren Wahl eines Brexit-Hardliners zum neuen britischen Premier wird sich die EU entscheiden müssen, ob sie nun einen harten Bruch riskiert. Ein „No Deal zu Halloween“ ist für viele immer noch eine Schreckensvorstellung. Den Finnen fällt als Vorsitzende im Rat eine Vermittlerrolle zu. Auch wenn sie bei den großen Fragen vielleicht nur begrenzten Einfluss haben – ihre Bodenständigkeit könnte in schwierigen Situationen helfen. „Wir sind realistisch: Bei Entscheidungen muss es Konsens zwischen Frankreich und Deutschland geben“, sagt Europaexperte Timo Miettinen von der Universität in Helsinki.

Vor allem aber soll es um Klimaschutz gehen. Als Symbol will die finnische Regierung alle Emissionen ihrer Präsidentschaft – etwa die vielen Flugreisen zu EU-Treffen in Finnland – kompensieren. Das skandinavische Land selbst soll schon bis 2035 „klimaneutral“ werden. Für die EU soll dieses Ziel zumindest bis 2050 erreicht werden, so wollen es die Finnen und fast alle anderen EU-Staaten. Nur Polen, Tschechien und Ungarn ziehen noch nicht mit.