Magdeburg l In der Vorwoche erfrechte sich der Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow, eine neue deutsche Nationalhymne erfinden zu wollen. Oh Gott, was hatte er nur gewagt: Von allen Seiten prasselte es auf den Linken-Politiker herein.

Doch ein Witterbenger Theologe fand die Idee gar nicht so daneben und hatte mit der Kinderhymne von Brecht gleich einen seiner Meinung nach sinnvollen Ersatz parat. Da war er wieder: Der unverfälschte Friedrich Schorlemmer – unangepasst, unkonventionell und unbequem.

75. Geburtstag

75 Jahre wird Schorlemmer am Donnerstag alt. Den Begriff „DDR-Bürgerrechtler“ könnte er sich als Markennamen schützen lassen. Der Kirchenmann aus der Luther-Stadt war tatsächlich ein Widerständler von Format. Vor der Wende 1989 gab es davon wenige. Danach vermehrten sich die Regime-Gegner auf wundersame Weise. In der Anpassung waren die Deutschen schon immer spitze. Friedrich Schorlemmer hatte das nicht nötig und war schon wieder in einer Außenseiterrolle.

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Schorlemmer war 1944 in Wittenberge geboren worden und im altmärkischen Werben aufgewachsen. Zur Oberschule durfte der Pfarrerssohn nicht, nahm für das Abitur den Umweg über die Volkshochschule. Die eigene Laufbahn in der evangelischen Kirche begann mit dem Theologiestudium in Halle. Anschließend arbeitete er als Studentenpfarrer in Merseburg und ging 1978 nach Wittenberg. Dort war er Dozent am Predigerseminar und Prediger an dem Gotteshaus, an dem einst Martin Luthers Reformationsthesen hingen: der Schlosskirche Wittenberg. War Luthers Feind der Katholizimus gewesen, wandte sich Schorlemmer konsequent gegen den kirchenfeindlichen DDR-Staatssozialismus. Er trat gegen die neue Verfassung von 1968 genauso auf wie gegen den Einmarsch der Warschauer Vertragsstaaten in der aufmüpfigen Tschechoslowakei.

Der Wittenberger Prediger machte sich fortan für Frieden, Umwelt und Menschenrechte stark. Einen Namen über die engen Grenzen der DDR hinaus erwarb sich Friedrich Schorlemmer durch eine Friedensaktion unter seiner Ägide auf dem Kirchentag 1983 in Wittenberg, mit der er den Staat provozierte. Der Schmied Stefan Nau formte ein Schwert in eine Pflugschar um. Ausgerechnet nach dem Vorbild einer Plastik, die die Sowjetunion der Uno in New York gestiftet hatte. Doch das Bibelzitat „Schwerter zu Pflugscharen“ war der DDR-Obrigkeit ein Dorn im Auge: zu pazifistisch. Sie hatte die Präsentation des Spruchs schon vor der Wittenberger Umschmiedung verboten.

Popluäre Pflugschar am Parka

Die Sicherheitskräfte in der DDR waren angewiesen, subversive Aufnäher mit dem Denkmal-Emblem zu entfernen und den Träger zu erfassen. Statt des erhofften Abschreckungseffektes trat – verstärkt nach Wittenberg – das Gegenteil ein: Die Pflugschar am Parka wurde erst richtig populär.

Die Wende in der DDR war in seinem Sinne und war es so doch nicht: Die DDR wollte er verändern, nicht ruck-zuck weghaben. Deshalb verließ er den Demokratischen Aufbruch, als die Partei, die auch die Angela Merkels war, nach rechts tendierte. Schorlemmer wurde Sozialdemokrat. Ämter und Ehrenämter füllte er aus.

Sein Wende-Fazit lautete später in einem Interview: „Mich hat auch sehr irritiert, dass dieses Volk, das zwischen dem 9. Oktober und 9. November so sprachfähig war, sich wieder entpolitisierte, nur nach seinem persönlichen Vorteil fragte und keinesfalls die Mündigkeit des eigenen Aufbaus wollte, sondern sich ,blühende Landschaften‘ versprechen ließ.“