Berlin (vs) l Nach umstrittenen Thesen des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), die die Beschränkung staatlicher Förderpolitik auf Großstädte zum Kern hatten, erhält die Debatte jetzt neuen Schub: Joachim Ragnitz, Vize-Chef der Niederlassung Dresden des Münchner Instituts für Wirtschaftsforschung (ifo), sagte der Zeitung „Die Welt“, auch er erwarte, dass „kleinere Siedlungen verschwinden“ könnten.

Nicht um jedes Dorf kämpfen

Als Antwort schlug er vor, betroffenen Anwohnern Angebote zur Umsiedlung zu machen. Man müsse die Frage stellen, ob man statt Subventionen „den Menschen in sterbenden Siedlungen nicht besser den Umzug in die nächstgrößere Stadt bezahlt, in der sie dann eine moderne Infrastruktur nutzen können, die alle Bedürfnisse des täglichen Lebens erfüllt“, sagte der Forscher. „Anstatt um jedes Dorf zu kämpfen, sollten die zuständigen Politiker lieber versuchen, den Prozess der Abwanderung auf diese Art zu beeinflussen.“

IWH-Präsident Gropp bekräftigte zuletzt frühere Äußerungen zum Thema: „Es ist eine sehr deutsche Eigenschaft, zu glauben, man müsse dafür sorgen, dass überall im Land Menschen leben.“ Es sei nicht Aufgabe des Staates, für möglichst einheitliche Lebensbedingungen im ganzen Land zu sorgen.

„Wenn man Lebensbedingungen verbessern will, dann sollte man das in den Städten tun, also dort, wo viele Menschen leben. Nicht auf dem Land, wo das Geld nur wenigen hilft“, forderte der Volkswirt. Die Steuerung von Bevölkerungsströmen durch Subventionen grenze „an Planwirtschaft“.

Für seine Positionen war Gropp im Frühjahr vor allem von Ost-Ministerpräsidenten kritisiert worden. Thüringens Bodo Ramelow (Linke) nannte sie „verantwortungslos“. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) forderte das IWH bei einer Tagung zum Thema auf, den Transformationsprozess der neuen Länder „hilfreich zu begleiten“.

Grund für die neuerliche Debatte über ein Ausbluten ganzer Landstriche sind aktuelle Zahlen zum ungebremsten Auseinanderdriften der Einwohnerzahlen in Ost und West.

In der ifo-Studie wird festgestellt, dass die Bevölkerungszahl in Ostdeutschland nach einem stetigen Rückgang inzwischen auf den Stand des Jahres 1905 zurückgefallen ist.