Leipzig l Vor etwa 300.000 Jahren lebte im Süden Afrikas eine Art von Urzeitmensch namens Homo naledi. Erst vor fünf Jahren haben Forscher der südafrikanischen Universität Witwatersrand deren Überreste in einer Höhle im Nordwesten von Johannesburg entdeckt. Unter den Funden waren auch 137 gut erhaltene Zähne, die von verschiedenen Individuen unterschiedlichen Alters und Geschlechts stammten.

Auffällig an den Funden sind im Vergleich zum modernen Menschen und anderen Vorfahren des Menschen die großen Backenzähne und die kleinen Schneidezähne. Die Befunde sprechen für eine vorwiegend vegane Ernährung von Homo naledi in savannenartigen Umgebungen mit wenig Bewuchs.

Untersuchungen von Forschern des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, der Universität von Durham und der Universität von Arkansas in den USA zeigen, dass die Backzähne der etwa 1,5 Meter großen Urzeitmenschen namens Homo naledi widerstandsfähiger als die vieler anderer bekannter Arten der menschlichen Gattung waren. Über ihre Untersuchungsergebnisse berichteten die Forscher im „Journal of Human Evolution“.

Bilder

Zähne liefern Hinweise auf die Art der Ernährung
Zahnfunde können viel über die Entwicklungsgeschichte irdischen Lebens verraten. Nach dem Tod eines Individuums überdauern dessen Zähne länger als alle anderen Organ-, Gewebs- und Knochenteile. Während die meisten Zellen ohne körpereigene Erneuerungsprozesse binnen weniger Tage und Wochen in ihre Bestandteile zersetzt werden, kann der harte Zahnschmelz unter günstigen Voraussetzungen viele Jahrtausende überdauern. Deshalb helfen Zahn- und Zahnkieferfunde den Spezialisten unter den Archäologen und Paläontologen bei der zeitlichen Datierung ihrer Funde. Darüber hinaus liefern die fossile Zähne wichtige Informationen über die Ernährungsgewohnheiten der verstorbenen Zahnträger.

Verholzte Gräser sind für die Zähne keine leichte Kost
Um Blätter und faserige Pflanzenteile besser verdauen zu können, besitzen Säugetiere, die sich vorwiegend vegetarisch von Blättern und Gräsern ernähren, besonders scharfe Backenzähne mit vielen Zahnhöckern und -kämmen. Damit können sie die pflanzliche Nahrung gut zerschneiden. Säugetierarten, die vorwiegend harte pflanzliche Nahrung zermahlen, haben hingegen eher stumpfere Backenzähne. Eine internationale Forschergruppe um den Menschenkundler Dr. Anthony Berthaume vom Max Planck Weizmann Center for Integrative Archaeology and Anthropology und dem Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig hat jüngst die Backenzähne ausgestorbener Hominiden-Arten vermessen, die vor zwei Millionen bis vor 300.000 Jahren in Süden Afrikas lebten.

Für diese Untersuchungen nutzen die Forscher unter anderem die sogenannte dentale Volumentomographie (DVT), mit der Zähne dreidimensional vermessen und per Computer analysiert werden.

Molare von Homo naledi sind größer als die des Menschen
Die Auswertung ergab, dass die Backenzähne (Molare) der südafrikanischen Urzeitmenschen in Schärfe und Komplexität viele Ähnlichkeiten zeigen. Allerdings waren die Backenzähne von Homo naledi etwas größer, gröber und abnutzungsresistenter als die anderer südafrikanischer Urzeitmenschen, beispielsweise Australopithecus africanus und Paranthropus robustus, die vor etwa zwei Millionen Jahren im Süden Afrikas siedelten.

Die Pflanzenkost hat einen starken Abrieb erzeugt
Homo naledi hat sich offensichtlich hauptsächlich von Pflanzen ernährt, die den Zähnen stark zugesetzt hat. Die Forscher nehmen an, dass es Pflanzen waren, die häufig mit Staub und Sand bedeckt waren. Ebensogut könnten es auch Pflanzen gewesen sein, die viele sogenannte Phytolithen enthielten. Letztere sind harte, mineralhaltige Partikel, mit denen sich Pflanzen vor Fressfeinden schützen, um in einer sehr tockenen Umgebung besser überleben zu können.

Eine Anpassung auf die sich ändernde Umwelt?
Die Folgen einer Ernährung mit an Phytolithen reichen Pflanzen sind auch bei grasfressenden Antilopen in der afrikanischen Savanne zu sehen. Diese Tiere haben Backenzähne mit stärker ausgeprägten Kronen, die den Zahnverschleiß durch sandhaltige Pflanzenteile begrenzen. Homo naledi hat offenbar eine ähnliche Überlebensstrategie entwickelt. Seine stärkeren Backenzähne ermöglichten es ihm, auch die pflanzliche Nahrung in trockenen, staubreichen Gebieten zu verdauen, die für andere Menschenarten ungeeignet waren. Und vielleicht sind das auch Hinweise auf frühere Klimaveränderungen im südlichen Afrika.