Magdeburg l Karfreitag. Twitter ist heute die virtuelle Bühne der goldgelb gebackenen Hefezöpfe. Bei WhatsApp teilt mir eine Freundin mit, sie hat ihren Balkon schick gemacht, nur noch ein paar Paletten durchsägen, dann sind die neuen Blumenkästen auch fertig, eine andere will das Osterfest nutzen, um ihren Schreibtisch aufzupimpen. Produktivität soweit das virtuelle Auge reicht.

Ich hingegen sitze noch immer in der Mittagssonne auf Klein-Balkonien und habe die vergangenen 60 Minuten nichts anderes gemacht als genau das: die Errungenschaften meiner Außenwelt via Smartphone wahrnehmen – und rumsitzen. Nichtstun. Ein wenig aus Protest, ein wenig als eigene Herausforderung – wobei wir schon wieder bei Selbstoptimierung wären und was zeigt: Selbst, wenn es paradoxerweise der Drang nach Selbstoptimierung ist, den es zu beseitigen gilt – irgendwie ist es immer unser Ansporn, das Maximale aus unserem Dasein herauszuholen.

Anpacken statt resignieren

Der eigene Körper, Sprachkenntnisse, Karriereleiter oder eben die Gestaltung der eigenen vier Wände – Optimierung, bis das Produktivitätsbarometer ausschlägt. In einer globalen Welt, versehen mit dem Glück, in einem Industrieland geboren zu sein, in dem alles möglich erscheint, bedeutete alles andere als Selbstverwirklichung durch Selbstoptimierung bisher oft: faul sein. Inakzeptabel.

Und dagegen stemmen sich viele von uns eben auch in der Krise – und tragen das in den sozialen Medien zur Schau. Klar, das ist auch ein Weg, mit der neuen Situation umzugehen, sie zu bewältigen. Anpacken statt resignieren. Das Beste aus allem machen. So lautet das Credo in der Krise. So lautete es für viele von uns aber auch vor der Pandemie. Die Corona-Krise als das anzunehmen, was sie ist, nämlich alles andere als toll, das ist inakzeptabel. Das kommt einer Aufgabe gleich, das könnte die „positive vibes“ vom Spielfeld der Privilegierten fegen.

Und so ertappe auch ich mich dabei, mitziehen zu wollen. Wenn ich vom neuen Yoga-Eifer einer Freundin lese, sage ich direkt zu, jetzt auch mit einzusteigen. Dazu drei Monate Abo bei der Sprachlern-App. Wenn schon, denn schon. Kein Arbeitsweg am Morgen, keine Veranstaltungen am Abend oder Ausflug am Wochenende – die freie Zeit muss genutzt werden.

Ein Luxus jener, die noch immer im Homeoffice arbeiten können, die nicht mit Ängsten und Panikattacken in den heimischen vier Wänden sitzen, die nicht um das Leben ihrer Angehörigen bangen, nicht ihren Job verloren haben. Aus diesem Grund habe ich auch in den ersten Wochen der Pandemie erste Jammer-Anflüge ob der neuen Situation immer mit dem Zusatz „aber ja, uns geht’s noch gut, wir müssen das Beste daraus machen“ abgeschlossen. Der letzte Teil nach dem Komma fällt in meinen Antworten jetzt oft weg. In Woche vier bin ich von meinem eigenen Drang zur Selbstoptimierung genervt, es stresst mich, den Zwang der Produktivität in den sozialen Medien mitzuverfolgen.

Keine Entschleunigung

Nicht das Beste aus der Krise herausholen, sie einfach erst mal erfassen wollen – auch das ist okay. Das hat auch nichts mit der oft angepriesenen Entschleunigung und romantischen Spaziergängen zum Zweck der Selbstfindung zu tun. Ich kommuniziere so viel wie nie zuvor, bin ständig erreichbar. Weil das reale soziale Leben fehlt. Diesen Gedanken darf man auch einfach mal zulassen. Es ist okay, nicht alles schönreden zu wollen in diesen Tagen. Und vielleicht ist das Akzeptieren dieser Gedanken es ja auch wert, einfach mal kurz, wenn auch nur für eine Stunde am Tag, das Dickicht der Produktivität zu verlassen.